Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 31 (4.8.1911)
- Date
- 1911-08-04
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Dr. Blochs Äochenschrkjr Nr. 31 Seite 5l ganz besonders stark entwickelt gewesen sein. Nicht nur an nächste Angehörige, auch an entfernte Verwandte werden beträchtliche finanzielle Ansprüche gestellt, deren Ablehnung offenbar Schande brachte. Fast zu einer Formel wird die ständige Klage über Lässigkeit des anderen im Briefschreiben. Besonders drastisch äußert sich da Chanoch Hamerschlag in seinem Briefe an seinen Sohn Aron: ,«Hab' nun vielmals geschrieben, hob noch nun kein Antwort chekumen von dir, nor die Woche Hab ein Brief hekumen, mit der Tochter von Bela Chajim Schames, un Tan nit begreifen, was doch aus dir is geworden, das du a so wenig wekst (schwätzest) dein vater un muter, un Mt gedenkst, was hir fir ein zeit iS, das du aso gar nischt schrerbtst, un du weist, das es uns ein groser Kumer is, wen andere solen Briefe haben schir alle Woche, un mir in 8 oder 10 Wochen kaum ein mal, un das mal as du schreibst, is es ein fch . . .briwel von 5 oder 6 Zeilen. Kanst mir nit ein Ausrede geben, du lernst aso ernstlich, das du dich nit wilst aso vil säumest, das du schreiben kanst." Ebenso häufig aber findet sich die Ausrede des Schreibers, er Müsse sich kurz fassen, um die Post nicht zu versäumen, und die Bitte, die schlechte Schrift nicht zu verübeln, eine Wendung, die vor noch nicht zu, langer Zeit allgemein üblich war und vielleicht heute noch in der Provinz gebräuchlich ist, wo die Menschen häufig genug Mutze genug haben, um der äußeren Form ihrer Briefe besondere Sorgfalt angedeihen zu lassen.*) *j Der Fleischer Baruch Reiniger schreibt: „hat mir nischt fa ibel mein ibel schreiben in meiner eil geschriben in Fleischmarkt in der kram." Von der Putzsucht, einer Eigenschaft, die unter den jüdischen Frauen im Jahre 1619 offenbar stark verbreitet gewesen sein mutz, ist so manches in diesen Briefen zu diesen. Frau Nesel Gerschuni erbittet von ihrer Tante Gittel Spitzen und Schleier, die sie übrigens nicht bekommt. Eine andere Schreiberin gibt den Rat, ihrer Schwester den verlangten Pelzmantel nicht zu schicken, da man es der doch nicht recht machen könne. Eine große Rolle spielen abgeschlossene oder ersehnte Verlöbnisse. Die Mitgiften bewegen sich in bescheidenen Grenzen. Aus einem Briefe des vorerwähnten Fleischers Baruch Reiniger läßt sich ersehen, daß die Chancen für die Versorgung von Töchtern Anno 1619 keine ungünstigen waren, wohlgemerkt, wenn sie sich mit einem Gatten £uf rieb eit gaben, der Hausbesitzer, Trödler und Fleischhauer war und keine weitere Gelehrsamkeit aufzuweisen hatte. Gar vieles ließe sich noch über die interessante, auch an humoristischen Einschlägen reiche Briefsammlung berichten, besonders vom philologischen Gesichtspunkt aus, denn in dem jüdisch-deutschen Jargon dieser Episteln sind zahllose gut germanische Dialektworte aus den verschiedensten Gauen Deutschlands eingeschlossen, die vermutlich ffn heutigen Jargon größtenteils durch polnische und rusissche Lehnworte ersetzt sind. Hier aber sollte nur die kulturhistorische Bedeutung des Wiener Brisffundes hervorgehoben werden. Den Herausgebern ist es zu danken, daß sie in den trefflichen Erläuterungen und Zusammenfassungen der Einleitung streng auf dem Boden historischer Forschung geblieben sind. R. W—f. Die Zwillingsgeschwister. Von Detlev von Liliencron. Trümmer und Asche. Vereinzeltes Feuer Zuckt noch am Himmel in Garben empor. Tempel und Strassen und Villen und Scheuer, Alles zertreten in Schmutz und Geschmor. Hier zerstörte kein Kunktator, Den das Schicksal ausersah. Hier steht Titus Triumphator Auf der Burg Antonia! Triefende Wunden, zerspaltene Knochen, Zähne im Feinde, verkralltes Gebein, Kämpfen die Juden, im Tod ungebrochen, Wollen im Sterben die Herren noch sein. Wer nicht erlegen den Heiligtumsschändern, Den fesseln Ketten um Nacken und Hand, Der schleppt die Ketten nach fernfernen Ländern, Heimatvertrieben, für immer verbannt. Von des Hohenpriesters Kindern, Weggerissen vom Altar, Fällt den wüsten Ueberwindern Tn die Hand ein Zwillingspaar. Mirjam und Jonathan heissen die beiden, Schwester und Bruder, ein lieblich Geflecht, Wer hat die Rohheit, den Blutstamm zu scheiden? Sklavin wird Mirjam und Jonathan Knecht. Grausames Schicksal, sie werden geschieden, Zitternd Lebwohl und unendliches Weh. Treffen sie je noch zusammen hienieden? Gleisst ihnen niemals mehr Libanons Schnee? Zwei von Romas Senatoren, Cajus und Sulpicius, Haben sie für sich erkoren. Abschied ohne Abschiedskuss. Norden und Süden, Italiens Gefilde, Lösen den zwillingsverschwisterten Bund. Lindernd verweht wie ein Schleiergebilde Jährlich der wechselnden Monate Kund. Jonathan hütet die Kälber und Kühe, Spaltet das Brennholz und säubert den Stall; Arbeit am Tage, abends noch Mühe, Schanzen und schuften und Frohn überall. Riesenfest wie Baschons Eichen, Wild wie Simson wuchs er auf, Löwenstärke war sein Zeichen, Flüchtig wie der Hirsch sein Lauf. Und seine Stimme behielt ihre Würde, In seinen Augen lag silberne Glut, Königlich trug er die furchtbare Bürde, Heimlich erhob ihn sein fürstliches Blut. Mirjam hütet die Enten und Gänse, Klopft in der Küche das Pfauenfleisch weich, Hilft bei der Ernte mit Sichel und Sense, Feiste Muränen entnimmt sie dem Teich. Sarons Lilien auf den Wangeo, Auf der braunverbrannten Haut,. Steht sie abends ott befangen, Steht wie Hebrons schönste Braut. Keiner kann je ihrer Gunst sich erfreuen, Stolz, von unnahbarer Hoheit umdornt, Lässt sie es jeden Bewerber bereuen, Der seine Seele zum Angriff gespornt. Römisches Schwelgen und römische Feste. Einst in den Strassen im Völkergewühl Treffen zusammen zwei lustige Gäste, Gehn zur Tarverne auf Polster und Pfühl: Die sich lange nicht begegnet, Cajus und Sulpicius, Rufen jeder: Sei gesegnet, Dass ich hier dich treffen muss. Und bei Faustiner und bajäischen Zungen Schwatzen sie, was sie erlebt all die Zeit, Was sie verloren und was sie errungen, Flötenspiel, Aufbruch und Fackelgeleit. Vor einem Poitikus, wo sie sich trennen, Sprechen sie viel vom judäi sehen Land, Und wie auf einen Schlag rufen sie, nennen, Jonathan und Mirjam, welch Pärchen charmant! Und es witzeln, scherzen und lachen Cajus und Sulpicius, Bis sie, topp, ein Ende machen, Und sie fassen den Entschluss: Heimlich im Dunkeln vereinen wir beide, Riegeln sie ein zur Verhütung d?r Flucht Und aus der Hochzeitsnacht lustigem Leide Blüht uns zum Vorteil die trefflichste Zucht. Sinkende Dämmerung, der Tag geht zu Ende, Abendrot, nur noch ein blassgelbes Band. Still wie im Schlafe verschlungene Hände. Still wie die Wurzel im tieftiefen Land. Unerkannt im finstern Raume, Flüstert drängend die Natur, Und die Jugend folgt im Traume Ihrer ewig starken Spur. Sylphenumjachterte ferne Fontäne, Rosenversunken» klanglose Nacht; Auf den Granatbaum, auf Quellen und Schwäne Tüpfelt der Mond seine täuschende Pracht. Klärender Dämmrung neugierige Augen: Zwei, die erwachen ans Glück und aus Glut. Grimmiger Sonne neugierige Augen: Zwei, sich erkennend ans eigenem Blut. Bruder, Schwester, schrecklich funkelt Gottes Rachediadem. Grell beleuchtet, hart umdunkelt Schauen sie Jerusalem, Zwei, die sich bebend vom Mauernkranz warfen: Auf klatscht zum Himmel das tuskische Meer. Zithern und Zimbeln, davidische Harfen Bringen verklingend ein Hochzeitslied her