Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 31 (4.8.1911)
- Date
- 1911-08-04
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 512 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 31 oder das Schicksal." Dreizehn Jahre nach dem Erscheinen dieser Zueignung gab Lazarus den ersten Teil seiner „Ethik" heraus. Dieses epochale Werk hatte, wie wir wissen, einen glänzenden literarischen Erfolg. Es erlebte mehrere Auflagen, es wurde übersetzt, viel und günstig besprochen, ein Erfolg dessen sich nur wenig philosophische Werke rühmen können. War nun der erste Band der „Ethik" ein „Ben-Jamin", ein Werk des Alters, so war der nun erschienene zweite Band ein „Ben-Oni", ein wahres Schmerzenskind. Verschiedene mißliche Umstände rückten die Vollendung und das Erscheinen des Werkes weit hinaus. Seine letzten Jahre widmete Lazarus trotz seines körperlichen Leidens dieser Arbeit. Tag für Tag arbeitete er an diesem Werke, ja sogar noch am Vortage seines Hintrittes. In erstaunlicher Weise half ihm seine Gattin Nahida bei der Abfassung desselben. Nicht nur dadurch, daß sie sich seiner Pflege ganz widmete, ohne oft monatelang die Schwelle des Hauses zu übertreten, sondern auch, daß sie in erstaunlicher Weise ihm Bibel- und Talmudstellen aufsuchte, wie auch durch Abschriften derselben. Kurz vor seinem Tode äußerte er sich einem Schriftsteller: „Wenn ich nur noch drei Monate leben und jeden Tag nur zwei Stunden arbeiten würde, könnte ich das Werk vollenden." Doch der Wunsch, sein letztes großes Werk abzuschließen, blieb ihm versagt. Wenige Stunden, ehe er für immer die Augen schloß, diktierte er seine letzten Bestimmungen. Seine letzten Gedanken galten dem Schicksale seiner „Ethik". Er nannte zwei Männer, denen er zutraute, die Bearbeitung der unvollendeten Blätter übernehmen zu können. In tiefer Wehmut über die Unvollenduug seines Werkes ging er dahin. Um dieses hinterlassene Werk hatte Frau Nahida, die nun für den Stummgewordenen in geradezu aufopfernder Weise Wort und Feder führt, einen harten Kampf führen müssen. Jene beiden Herren hatten sich bereit erklärt und das Manuskript erhalten, In zwei Jahren sollte die Arbeit fertig sein. Statt dessen mußte Frau Nahida sechs Jahre lang fragen, mahnen, bitten, eine endlose schmerzliche Korrespondenz führen — vergebens. Es geschah nichts. Durch einen Zufall erfuhr sie, daß das Manuskript bis nach Amerika gewandert war. Sie mußte erst die Adresse erforschen und nur schwer kam sie zu ihrem Eigentum. Als sie es erhielt, gelang es ihr, den berühmten Professor Wünsche für diese Arbeit zu gewinnen, der trotz seiner siebzig Jahre sich mit jugendlichem Eifer an das Werk machte. Dieser wandte sich an Rabb. Dr. Winter, daß er sich an der Herausgabe beteilige, „weil das Verständnis der verschiedenen Sitten und Gebräuche, die zum jüdischen Kultus gehören und deren rechte ethische Bewertung eine durck Geburt und Erziehung mit ihnen verwachsene Autorität erfordern". Das Werk widmete Lazarus seiner „geliebten Gattin Nahida". Sie verdient vollauf diese Widmung. Ihrer Pietät haben es das Judentum und die Wissenschaft zu verdanken, daß die „Ethik" von Lazarus nicht dlm tragischen Los verfallen ist, ein Torso zu bleiben. Aus der dargestellten Historik des zweiten Teiles ersehen, wir, daß derselbe innerlich von Lazarus fertiggestellt wurde. Alle T>xtstellen rühren von seiner eigenen Hand her. Die erste Sichtung und Ordnung des aus vielen Blättern und Blättchen bestehenden Manuskripts hatte Frau Nahida selbst vorgenommen nach dem, dem ersten Baude der „Ethik" am Schlüsse beigegebenen Jnhaltseutwurf. Ueber die weitere Bearbeitung referieren die Herausgeber in einem Vorworte: „Um nur einigermaßen Anschluß und Zusammenhang in die Entwürfe und Skizzen zu bringen, blieb noch immer zu tun übrig. Manche Stücke sind durch Verschiebung in noch strafferem Zusammenhänge gekommen. Vor Allem sind zahlreiche Stellen, die von Lazarus nur nach dem Standort im rabbinischen Schrifttum bezeichnet waren, von uns übersetzt worden, nhne daß wir uns als die Uebersetzer bezeichneten. Nicht wenige Stellen wiederum, die nur andeutungsweise nach den Anfangsworten angeführt waren, haben wir ermittelt und ausgeführt» Neue fügten wir illustrierend hinzu. Aller sonstigen sachlichen Einschaltungen oder Korrekturen in der philosophischen oder kritischen Beleuchtung der ethischen Begriffswelt des Verfassers aber haben wir uns enthalten. Das Manuskript war uns heilig." Wenn nun die Herausgeber sagen: „Wir geben uns der Ueberzeugung hin, daß Lazarus, wenn er unsere Arbeit an seinem Werke heute sehen könnte, uns seine Billigung und Zu-, frieeenheit aussprechen würde" — so können wir dies vollauf bestätigen. Wir sind den Herausgebern zu großem Danke verpflichtet, daß sie das klassische Werk Lazarus zum Abschlüsse brachten und dadurch „der allgemeinen Wissenschaft eine Fundgrube für ethische Erkenntnis erschlossen" und daß sie „dem vergleichenden Religionsforscher und Kulturhistoriker den Blick in die ethische Vorstellungswell des Judentums auch ohne eigene Kenntnis der biblischen und rabbinischen Quellen ermöglichten." Nun liegt der zweite Band der „Ethik" vor uns. Durch dieses literarische Ereignis tritt das jüdisch-ethische System von Lazarus in den Vordergrund unseres wissenschaftlichen Interesses. Wir wollen die charakteristischen Züge des Systems, das uns in zwei Vorreden und 513 Paragraphen vorgeführt wird, näher kennen lernen und dann nach Gebühr würdigen. Korrespondenzen Amtsantritt des Oberkantors Josef Morgenstern. Oberkantor Josef Morgenstern, der bekanntlich an Stelle des infolge dauernder Krankheit pensionierten Oberkantors Bela Guttmann zum Oberkantor am Leopoldstädter Tempel gewählt wurde, hat sein Amt am 1. August angetreten. Als Oberkantor Morgenstern Ende Juni den Probevortrag absolvierte, fand er mit seinem, .den großen Leopoldstaßter Tempel vollständig ausfüllenden mächtigen Tenor und mit seinem die Herzen gewinnenden Chasonus so ungeteilten enthusiastischen Beifall, daß der Vorstand der Kultusgemeinde ihn zum Oberkantor für den größten Tempel Wiens wählte. Herrn Oberkantor Morgenstern begleitet ein ausgezeichneter Ruf als Kantor und Chasan an seine neue Wirkungsstätte. Welch großer Beliebtheit sich Oberkantor Morgenstern auf seinem letzten Posten in Sebastopol erfreute, zeigten die zahlreichen Ehrungen, die ihm anläßlich seines Scheidens vom Vorstande der Kultusgemeinde und den zahlreichen Vereinen, denen Herr Morgen st ern angehörte, zuteil wurden. Einem Berichte des „Krimskij Wjestnik" hierüber entnehmen wir: Der letzte Sabbath, den Herr Oberkantor Morgen st ern in Sebastopol verbrachte, war den Abschiedsehrungen für diesen beliebten Funktionär gewidmet. Beim Freitag-Abendgottesdienst hielt Rabbiner D. I. Polonski eine Rede, in welcher er die hervorragenden Leistungen Morgen st erns sowohl als Kantor wie auch als Mitglied der jüdischen Gemeinde würdigte. Der Gottesdienst am Samstag gestaltete sich zu einem Festgottesdienste zu Ehren des scheidenden Oberkantors. An demselben nahmen der gesamte Vorstand der Gemeinde unter Führung des Präsidenten P. O. Heftmann und Vertreter sämtlicher jüdischer Vereine und Organisationen teil. Rabbiner S. E. I u n o w i t s ch hielt die Festrede, die mit dem Wunsche schloß, daß Oberkantor Morgenstern sich auch auf seinen neuen Posten in Wien jene Hochachtung und Liebe der Gemeindemitglieder erringen möge, wie ihm dies in Sebastopol gelang. Hierauf überreichte Präsident H e f t m a n n dem Gefeierten eine in einer wertvollen Mappe ruhende Silberplatte, in welche eine Abschiedsadresse der Gemeinde etngraviert ist. Die vom Präsidenten H e f t m a n n verlesene Adresse gedenkt in warmen Worten der großen Verdienste, die sich Oberkantor M o r g e n st e r n als Funktionär und als edelmütiger Mensch um die Sebastopoler Gemeinde und ihre Einrichtungen erworben