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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1911-08-04 · 31 (4.8.1911) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
28 (1911)
Issue
31 (4.8.1911)
Date
1911-08-04
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Seite 511 Dp. Wochs WocheMM Im Jahre 1896 zog Lazarus sich körperlich müde und gebrochen von seiner glänzenden und doch auch für ihn, wie für so manchen jüdischen Gelehrten dornenvollen akademischen Laufbahn zurück. Viel Lorbern, aber auch viel Enttäuschung brachte sie ihm.' Nachdem er nun sein Lebeuswerk vollbracht, die Völkerpsychologie begründete, jene Prinzipienlehre aller Geschichts- und Sozialwissenschaften — eine wissenschaftliche Großtat, deren Bedeutung wir erst heute, nach einem halben Jahrhundert, in ihrem ganzen ' Umfange zu schätzen und zu würdigen wissen; nachdem er mehr als dreißig Jahre lang in der von ihm in Steinthal begründeten „Zeitschrift für Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft" jeiner Wissenschaft unerschütterliche Fundamente gelegt und ihre Methoden festgesetzt, kehrte er dem rauschenden Markte des Lebens den Rücken, um in Meran sich einer stillen, beschaulichen, aber intensiv wissenschaftlichen Tätigkeit hinzugeben. Er widmete sich wieder voll und ganz den Idealen feiner Jugend, seiner Religion, der er auch im Mannesalter treu nachhing. Die letzten, reifsten und herrlichsten'Früchteseines Denkens legte er nieder auf den Altar' des Judentums. Von der Religion seiner Väter war er ausgegangen; er widmete sich ursprünglich der talmudiischen Laufbahn. Seiner Religion verdankt er den fundamentalen Begriff der Völkerpsychologie. „Der Zukunftsgedanke einer Einheit und Gleichheit der ganzen Menschheit, wie ihn die Juden Haben — versichert uns Lazarus — brachte mich auf den Gedanken der Völkerpsychologie, uud - je'mehr ich Psychologe wurde, desto mehr bin ich Jude geworden^ Zu ihren geweihten Hallen kehrte er nun zurück. ■ Ein streng religiöser Zug weht ja in allen seinen philosophischen Schriften; überall dringt er auf Verinner- ' lichung des religiösen Bewußtseins, auf Vertiefung moralischer Ideale. Sehr treffend sagt der berühmte Kirchenhistoriker Nippold über Lazarus: „Werke, wie das „Leben der Seele", seine „Ideale Fragen", die als „Treu und frei" gesammelten .Aufsätze-bildet,-M MMches Gemeingut der Theologie, wie die. Vorlesungen Döllingers.," (Handbuch der neuesten Kirchengeschichte. 3. Ausl., III. Bd., I. Abt., S. 556) Selbst in den:-nein, wissenschaftlichen Abhandlungen kann! Lazarus nicht den M e n s ch e n verleugnen uud oft zwischen verwickelten Gedankengängen strahlt uns die ungeheuere Macht seines tiefen menschlichen Gemüts entgegen.-Allerdings konnte ihm dies mancher philosophischer Kritiker, der nur abstrakte Dunkelheit liebt, nicht verzeihen, oft nannte man ihn einen „Pvpularphilosophen". gewiß nicht im ehrenden Sinne, aber Lazarus schrieb nicht nur .für Fachleute, sondern für die Allgemeinheit, für die Menschheit. In seinen ethischen Schriften vertritt er einen Ideal- Realismus, also auch in der Ethik war er ganz Herbartianer. Ohne Sinn für Idealität ist das Leben flach oder roh; ohne Sinn für Realität ist es' schattenhaft oder scheinvoll. In seinen „Idealen Fragen" wollte er der brausenden Gischt der ungestümen naturwissenschaftlichen Zeitströmung einen Damm entgegensetzen. Er fühlte, daß Naturwissenschaft allein für die Dauer die Menschheit nicht beglücken kann. Nun gar aus den geweihten Bausteinen biblischer und talmudischer Moralsentenzeu einen Andachtstempel jüdisch-ethischer Erbauung zu cküdmen, ein System der „Ethik des Judentums" zu schreiben, bezeichnte er stets als das Endziel seiner wissenschaftlichen Tätigkeit, als seinen Hauptlebenszweck, sie sollte den Schlußstein seines Systems bilden — sie ward sein Schwanengesang. .... " , Lange scheint Lazarus sich mit den Vorarbeiten seines Werkes beschäftigt zu haben. In der Zueignung der im Jahre 1885 erschienenen „Allgemeinen Ethik" von Steinthal, die er Lazarus widmete, lesen wir: „Auch du bist jetzt mit einer großen ethischen Arbeit beschäftigt.... Du wirst das . Moment des objektiven, ethischen Geistes, das die Geschichte * dem Volke Jsrael-Juda verdankt (ein wenig gekanntes, viel verkanntes) darstellen. Die Mißverständnisse, die du verbannen willst, werden darum in und außer Juda nicht völlig schwinden, aber wer die ethische Lehre und das ethische Leben der Juden kennen lernen will, wird denn doch wissen, wo er eine umfassende, objektive Darstellung beider suchen darf." Lazarus war geradezu berufen, das erste vollständige System einer jüdischen Ethik zu schreiben. Er — wie kaum ein anderer jüdischer Gelehrter — verfügte über die hierzu erforderlichen Qualifikationen. Vor allem war er ein tüchtiger „Ben-Thora". Er schöpfte die Thora aus der Quelle. Nicht aus Nachschlagebüchern, nicht aus zweiter Hand hatte er die unzähligen Talmud- und Midraschstellen, von denen er seine ethischen Prinzipien abstrahierte, nein, aus der Tiefe des Unbewußten strömten ihm die Gedanken und Zitate zu. Besonders der nun erschienene zweite Band ist mit herrlichen sogenannten „Wörtchen" geschmückt, die selbst einen „Magid" im alten Sinne des Wortes alle Ehre machen würden. (Siehe Paragraph 303, 317, 320, 322, 339, 458 u. s. w.) Ausgewachsen in einer Atmosphäre echt jüdischer Frömmigkeit erkannte er. was das Zeremonialgesetz für das Judentum bedeute. Deshalb räumte er dem Zeremoniellen eine solche Bedeutung als ethisch-pädagogischem Faktor ein. Einer der schönsten Gedanken Schillers in seiner „Aesthetischen Erziehung" ist, daß man in den Tempel der Humanität nur durch das Portal des Schönen gelangen kölwe, also für die sittliche Erzieh-ug des Menschen soll der Umweg über das ästhetische Gefühl genommen werden; nach Lazarus ist viel mehr psychologisch begründet der im Judentum eingeschlagene pädagogische Weg: zum Ziele ethischer Gesinnung durch religiös-symbolische Handlungen zu gelangen. (Teil I, § 38.) Und nun noch, daß er der Begründer der Völkerpsychologie, besonders befähigt war, die leisesten Schwingungen der jüdischen Volksseele zu beobachten und so mit dem Auge der inneren Erfahrung, mittels der Psychologie, das Volksgemüt selbst als Quelle seines ethischen Jdealgehaltes zu betrachten. Wir wollen uns nicht versagen noch einige Sätze aus der erwähnten Zueignung Steiuthals uud Lazarus folgen zu lassen, die uns die psychologische Triebfeder enthüllen, die diese beiden großen Deuker, diese treuen Söhne des Judentums, bewogen, sich den ethischen Problemen zuzuwenden: — „Wir haben die Schwelle des Gceisenalters überschritten — schreibt Steinthal — und vielleicht reicht für jeden die Feier eines fünfzigeines sechzigjährigen Geburtstages schon hin, um ihm Gedanken an die Flüchtigkeit des körperlichen Daseins aufzudrängen und einen Vergleich der Vergangenheit mit der nach Wahrscheinlichkeit noch zu erhoffenden Zukunft, des Geleisteten mit dem Aufgegebenen nahe zu legen. So dürfte es wohl sein, auch wenn das Leben ruhiger dahingeflossen ist. . . . Wenn uns aber das Schicksal nicht so mild war, wenn Schlag auf Schlag folgte (der zweite härter als der erste, weil eben der zweite) und wir daun plötzlich inne werden, daß die Säulen unserer Weltanschauung, deren Festigkeit wirZnie oder lange nicht mehr geprüft, jemals neu prüfen zu müssen nicht gefürchtet hatten, morsch und wurmstichig sind und daß sie dem Ziehen und Stoßen der jungen Weltstürmer nicht Stand halten können und endlich, -wenn wir mit Schrecken gewahren, daß über unserem Vaterlande die schönsten Sterne sittlicher Bildung zu verlöschen drohen, dann kann es wohl nur heißen: Neu ausrichten, was zerfallen ist. eine neue Ethik. Und zwar eine durchaus ideale Ethik, weil es keine andere gibt, welche eben allen Angriffen seitens der mechanischen Natur- und Geisteswissenschaften dadurch entzogen ist. daß sie ganz innerhalb der Mechanik bleibt, dieser nirgends widerspricht und keinen transzendenten noch transzendentalen Schritt tut. . . Diese Ethik ist mir also ein Kind des Schmerzes. Sie ist der Bund des Friedens, den ich mit dem Leben geschlossen habe. Sie soll, sie wird, hoffe ich, mein Herz kindlich erhalten d. h. frei von jeder Bitterkeit gegen die Menschen

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