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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1911-08-04 · 31 (4.8.1911) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
28 (1911)
Issue
31 (4.8.1911)
Date
1911-08-04
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Sette 510 Nr. 31 Dr. Blochs Wochenschrift werde ihr etwas schicken. Da er das Versprechen oft wiederholte, schrieb ihm die Mutter einen Brief. (Sie Konnte nicht in deutscher Schrift schreiben, sie schrieb deutsch mit hebräischen Buchstaben.) Der Brief lautete ungefähr: Lieber Sohn Julius! Du schreibst mir, daß Du mir etwas schicken willst. Ich wnl Dir ein Raatsel (so nannte sie eine Parabel) erzählen: Es war einmal ein König,- der ging mit seinem Hofstaat auf die Jagd. Auf einem Berge lieb er sich eine Mahlzeit Herrichten und da sah er einen Hirten ijm Tale bei seiner Herde. Der König schickte einen Hofbedienten zu dem Hirten, er solle kommen und mit dem König speisen. Der Hirte lieb sagen, er bedanke sich recht schön, könne aber heute nicht kommen, denn er habe heute Fasttag. Da schickte der König wieder und ließ sagen, er solle heute essen und Morgen fasten, und da ließ der Hirte sagen, der König soll mir aber gewiß versprechen, daß ich morgen noch leben werde. Deine getreue Mutter Edel. Eine wundersame Geschichte, deren Ursache die Mutter war, hat sie nicht mehr erlebt;, aber sie mag doch erzählt werden: Ein Brudersohn der Mutter, der das Metzgerhandwerk, bei seinem Vater erlernt hatte, war nach Amerika ausgewandert und seit vielen, vielen Jahren verschollen. Eines Tages aber erschien er im Dorfe und bewies, daß er so wohlhabend als wohltätig sei. Der Vetter war ein kräftiger Mann. Er sprach sehr wenig und hatte eine Art spanisch-vornehme Haltung, denn er kam aus dem spanischen Amerika, er wollte die Heimat noch einmal sehen und sie auch seiner Frau zeigen. Diese war eine dunkelfarbige Kreolin von schwachem Körperbau, und wenn der Vetter ihr sagte: „Manuela, dieser Mann, diese Frau ist so und so mit mir verwandt", dann umarmte und küßte Manuela den Vorgestellten und weinte dazu, indem sie anzeigte, daß sie leider kerne andere Sprache als spanisch verstehe. Eines Tages sagte mir der Vetter: „Ja, es ist mir gewiß hart, daß ich meine Eltern nicht mehr am Leben gefunden habe, aber fast ebenso hart ist es mir, daß Deine Mutter nicht mehr lebt, denn ihr verdanke ich mein Schicksal. Du weißtz mein Vater war der Bruder Deiner Mutter und als ich zur Auswanderung gerüstet, von Eltern und Geschwistern begleitet, an deinem Elternhaus vorüberkam und Deiner Mutter Lebewohl sagen wollte, ries sie mich ins Haus>, legte mir mit einem Segensspruch die Hand auf den Kopf, dann gab sie mir etwas in Papier Gewickeltes und Versiegeltes und sagte: „Heb das gut auf, öffne es nicht, sondern gib es da, wo Du bleiben willst, dem ersten Armen, der Dir begegnet und Dich um eine Gabe gnspricht. Beobachte das fest und es wird Dir gut gehen." Unterwegs erklärte der Lehrer, der mich auch begleitete, daß diese Milgabe eine alte Sitte sei, die ebenso fein gefühlt als klug ausgedacht ist: denn wer eine Gabe bei sich trägt, die zur Wohltat bestimmt ist, wird damit ein Sendbote des Guten, und die bösen Mächte haben keine Gewalt über ihn. Ich vergab natürlich bald dies wie anderes. Ich kam in die neue Welt. Es ging mir schlecht. Ich ließ mich als Soldat in Meriko anwerben: wollte ich aber erzählen, was ich erlebt habe, ich würde in Tagen nicht fertig. Ich desertierte mit 4 anderen Deutschen. Wir bemächtigten uns eines Kanoe und fuhren einen Strom hinunter — ich weiß den Namen nicht — aber das Boot schlug um, wir stürzten alle ins Wasser. Was aus meinen Kameraden geworden ist, weiß ich nicht: ich rettete mich ans Land, wunderte Tage lang in tiefem Elend durch die Wälder, kniete vor den Hütten der Wilden nieder und legte beide Hände zusammen: ich erhielt Speise und Trank. Ich kam ans . Meer und verdingte mich als Schiffskoch. Ich kam nach Buenos- Ayres, ich fand keine Arbeit, verzweifelnd ging ich durch die Straßen: da sprach mich ein .Bettler um eine Gabe an und jetzt fiel mir die Mitgabe Deiner Mutter ein; ich fand sie noch und behändigte sie dem Bettelr. Plötzlich entstand ein großer Auflauf, der Bettler zeigte den Umstehenden, was ich ihm geschenkt, es war ein Tiertetdukaten. Er brachte mir das Geld wieder, ich hätte mich wohl geirrt, ich verneinte. Ein mit zwei stattlichen Pferden bespannter Wagen fuhr. Heran. Im Wagen saß ein vornehm aussehender Mann. Er stieg aus und fragte, was da vorgehe, und ich erzählte ihm alles: er fand es ehrenhaft, daß ich in meiner Not die Mitgabe nicht für mich verwendet habe und als ich ihm auf seine Frage erklärte, daß ich als Koch einen Dienst gesucht habe, eigentlich aber das Metzgerhandwerk gelernt hätte,« lächelte er und sagte, da käme « sich an den rechten Mann. Er selber war der Besitzer des größten Schlachthauses, und wenn ich Dir sagen würdü. wieviel Ochsen und Rinder und Schafe täglich da geschlachtet werden, würdest Du. es für Prahlerei halten. Kurzum, der Mann nimmt mich in seiw-Haus und Manuela ist seine Tochter, ich., wurde der Schwiegersohn. Nun denke Dir die Freche seiner Mutter, wenn ich ihr das Alles hätte.erzählen können. Ja, daß meine Eltern tot sind, ist hart, gber daß Deine Mutter tot ist, ist es mir nicht minder." Y Und nun schließlich noch die Geschichte des Jörg- Toni. v i Am Pfingsttügrckmmrlt SsHBMg-EvitdM -ünsMMus und sagt: Hat man je was .erlebt! Jetzig an Pfingsten hats geschneit und die Zwetschgenbäume stehen in der Blust (Blüte). Ich komme eben aus dem Adler und die Mannen, die mit mir dort gewesen sind/ sind alle hinaus und schütteln den Schnee von den Bäumen. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Was meint jetzt Ihr?" Der Vater zuckter die Achseln, die Mutter aber sagte: „Jörg-Toni, wenn man den Schnee abschütteln könnte, ohne daß dabei die Blüten abgehen, dann wärs schon recht, aber so, wenn du den Schnee abschüttelst, bekommst du ganz gewiß keine Zwetschgen, wenn du ihn aber liegen und zergehen lassest, wer weiß! Der da über uns, der den Schnee hingelsgt hat, wird ihn auch wieder weg tun: Ab ihn nur dafür sorgen!" Der Jörg-Toni folgte dem Rat der Mutter. Im Herbst hatte er einzig und allein jm Dorfe Zwetschgen und er brachte uns davon. Noch heutigen Tages wird diese Geschichte neben vielen anderen im Dorfe von meiner Mutter erzählt. Die „Ethik des Indent«ms."*) Von Rabbiner Dr. Alois Schweiger, Eger (Erlau). I. Der seit Langem mit Spannung erwartete Zweite Teil der „Ethik des Judentums" von Lazarus ist nun erschienen, nachdem etwa dreizehn. Jahre seit dem Erscheinen des ersten Teiles und mehr als acht Jahre seit dem Hinscheiden des berühmten Verfassers verstrichen sind. *) Die „Ethik des Judentums". Von Prof. Dr. M. Lazarus. Zweiter Band. Aus dem handschriftlichen Nachlasse des Verfassers, herausgegeben von I. Winter und August Wünsche. Frankfurt am Mam. Verlag von I. Kaufmann, 1911. LV 4- 404 Seiten (Groß- Oktav).

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