Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 31 (4.8.1911)
- Date
- 1911-08-04
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Sette 509 Dr. Blochs Wochenschrift Nr 3l Englische Inden ln Marokko. In der marokkanischen Stadt Magador gibt es eine große englische Kolonie, zu welcher auch eine ansehnliche Zahl englischer Juden gehören. Am Krönungstage König Georgs V. veranstalteten auch die Juden von Magador Festgottesdienste und entsendeten eine Deputation zum englischen Generalkonsul, um ihn um die Uebermittlung ihrer Loyalitätskundgedungen an den König zu ersuchen. An dem vom Generalkonsul veranstalteten Festbankette nahmen auch zahlreiche Vertreter der Iudenschaft teil, für welche eigens rituell zubereitete Speisen serviert wurden. Emr' orthodor-Mi.'che landwirtschaftliche Kolonie. Wie dem „American Hebrew" aus Chicago gemeldet wird, haben dortige 50 orthodox-jüdische Familien in dem holzreichen Gebiete von Nord-Minnesota 10.000 Acker Land erworben, auf welchem sie eine landwirtschaftliche Kolonie errichten. Die Vorarbeiten sind bereits so weit gediehen, daß die Kolonie im Herbste dieses Jahres wird bezogen werden können. Die Begründer der Kolonie haben die Absicht, den gemeinsamen Besitz auszudehnen, legen jedoch Gewicht darauf, daß die Kolonie nur aus streng gläubigen Juden bestehe. Die Kolonie wird auch alle jene religiösen Einrichtungen und Anstalten erhalten, durch welche die streng religiöse Erziehung der Kolönistenkinder gefördert werden kann. Der Gouverneur von Minnesota Mr. Eberhard hat den Initiatoren die. weitestgehende Förderung zugesichert. Jüdische Negerinnen ans Ellis Island. Vorige Woche landeten auf der Newyorker Einwanderungsinsel Ellis Island zwei Negerfrauen und ein Negerkind, die sich zum Iudenürme bekannten. Sie kamen aus Jamaica und gaben an, daß sie gleich vielen anderen Schwarzen von jenen Negern stammen, die zur Zeit, als in Jamaica noch der Sklavenhandel blühte, von ihren jüdischen Besitzern in der jüdischen Religion erzogen wurden und dann freigesprochen wurden. Kerthold Auerbachs Mutter. Von S. Rothschild Worms. Freunde des schwäbischen Dichters Berthold Auerbach hatte es mit Wehmut erfüllt, daß nach seinem am 8. Februar 1882 erfolgten Tode sein Andenken ganz auffällig, in den Hintergrund getreten war. Lange Zeit hatte sich keine Feder geregt, kein Mund sich bewegt, um des entschlafenen Dichters zu gedenken. Erst nachdem 25 Jahre seit seinem Tode verstrichen waren, hatte man sich seiner wieder in Liebe erinnert. Aus diesem pietätvollen Erinnern heraus ist auch die Idee entstanden, Auerbach in Canstatt ein Denkmal zu setzen, das vor einigen Wochen init großer Feierlichkeit eingeweiht wurde. Der Biograph Auerbachs, Anton Bettelheim, hatte bei dieser Feier eine treffliche Rede gehalten, in der er so meisterhaft aus der Kindheit des Dichters erzählte. Kind und Mutter gehörten aber so unzertrennlich zusammen, daß ich glaube, die Leser werden es freundlich aufnehmen, wenn ich etwas von der edlen Mutter Lluerbachs erzähle. Wer sich in der Auerbach-Literatur nur einigermaßen umgesehen hat, der wird finden, wie unter allen Gestalten seiner geliebten Heimat die Gestalt seiner Mutter ijmmer im Mittelpunkte steht. Nach ihr ging all sein Sehnen, zu ihr kehrten stets seine Gedanken zurück. Nachdem ihm das Weib feiner Liebe angetrant war, eilte er nach Nordstetten, um es von seiner Mutter segnen zu lasten. Wie glücklich fühlte sich später der Dichter, als er. gelegentlich seiner ersten Audienz bei der Königin von Württemberg von dieser mit den Worten entlassen wurde: „Wenn ich nach Nordstellen komme, besuche ich Ihre Mutier." Am besten lernen wir aber den braven Sohn mit dem warmfühlenden Herzen aus Folgendem kennen: Im Jahre 1881 feierten der Großherzog und die Großherzogin von Baden das Fest der silbernen Hochzeit. Unter andern sinnigen Gaben sollte dem Großherzoglichen Paare eine Schrift überreicht werden, welche nur Beiträge von badischen Schriftstellern enthalten sollte, oder von solchen, die dem Großherzoglichen Hofe nahe standen. Zu letzteren gehörte in erster Linie Berthold Auerbach, der sich, wie aus seinen Briefen an Jakob Auerbach hervorgeht, mit allerlei Plänen für diese Schrift trug, schließlich aber diese fallen ließ und sich zu nachstehender literarischer Gabe entschloß, welche, da das Werk nicht im Buchhandel erschien, nicht vielen bekannt wurde. Geschichten meiner Mutter. Wenn mir bei echten Menschen wohl und heimisch ist, erzähle ich gern von meiner Mutter und so meine ich, ich dürfe auch dem verehrten großherzoglichen Paare zu seinem Ehrentage davon erzählen. Mein Vater starb 1840, meine Mutter 1852. Wir waren 11 Geschwister, 6 Schwestern und 5 Brüder. Meine Mutter hatte von uns allen Enkel erlebt. Als wir Geschwister noch alle zu Hause waren, gab es natürlich auch Reibereien und Streitigkeiten unter uns und da erzählte die Mutter gerne eine Geschichte. Sie hatte in ihrer Jugendzeit viel im Hause des Rabbi Iehuda gelebt, der neben meinem großelterlichen Hause, dem Gasthofe zum Ochsen, in Nordstetten wohnte. Wenn meine Mutier den Namen des Rabbi nannte, verbeugte sie sich stets ehrfurchtsvoll und sagte die üblichen hebräischen Worte, die in deutscher Sprache lauten: „Das Andenken der Frommen sei gesegnet." Wenn wir Geschwister also in Streit geraten waren, sagte sie: Kinder, laßt Euch erzählen, was ich von Rabbi Iehuda, gesegnet sei sein Andenken, gehört habe: .-.Aber auf dem Grund und Boden der Geschwisterliebe ist der heilige Tempel zu Jerusalem erbaut worden." „Als König Salomo den Tempel bauen wollte, lag er eines Nachts unruhig in seinem Bette und konnte nicht schlafen, denn er wußte nicht, wohin er den Tempel bauen sollte. Da rief ihm eine Stimme vom Himmel zu: „Steh auf und gehe hinauf auf den Berg Zion, da ist der Boden. Dort haben zwei Brüder zwei Acker nebeneinander,- der eine Bruder ist reich und hat viele Kinder, der andere Bruder ist arm und hat keine Kinde'-. Sie haben heute am Tage geerntet und Garben gebunden und jetzt in der Nacht steht der arme Bruder am untern Ende seines Ackers und denkt: „Mein Bruder ist zwar reich, aber er hat so viel Kinder, ich will ihm von meinen Garben geben." Der reiche Bruder steht am obern Ende seines Ackers und denkt: „Ich habe zwar viele Kinder, aber mein Bruder ist so arm, ich will ihm von meinen Garben geben." ,fGeh' hinaus und Du wirst sehen." ,',König Salomo ging hinaus und da sah er. wie der eine Bruder am oberen Ende Garben berüberschob und der andere Bruder am unteren Ende Garben hinüberschob." „König Salomo hat die Aecker erworben und darauf den Tempel erbaut." Kinder, merkt Euch das: Auf Grund und Boden der Geschwisterliebe ist der Tempel Zion erbaut worden." Mein jüngster Bruder Julius war als Arzt nach Amerika ausgewandert. Er schrieb der Mutter oft, er