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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1911-07-28 · 30 (28.7.1911) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
28 (1911)
Issue
30 (28.7.1911)
Date
1911-07-28
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Sckr 488 Dr. Mochs Woch«lschrM Nr. 3V gchchaffen Er brachte es dazu, daß der eingeborene englische Jude, der selten eine Ahnung von jüdischem Wissen hat, in ihm die Verkörperung jüdischer und allgemeiner Gelehrsamkeit sah und daß er von-diesem Kreise der jüdischen Bevölkerung allgemein verehrt und vergöttert wurde. Er war sehr tätig und rührig bis zu seinem Tode. Jeden Tag hatte er eine andere öffentliche Funktion, er gehörte den meis^u, auch nichtjüdischen philanthropischen Vereinen an und in jedem dieser Vereine hatte er natürlich eine führende Stelle; bald mußte er zur Preisverteilung in eine Schule, bald zu einer Sitzung, bald wieder zum Beth-Din, wo er 2—3 mal wöchentlich religiöse Funktionen auszuüben hatte. Seine Korrespondenz war täglich eine große, denn von jeder Gemeinde im Lande und den Kolonien wurde jede rabbinische Frage an ihn — ihn allein gerichtet. Wenn Sidney in Australien Mazzos für Peffach haben wollte, wandten sie sich an ihn, ebenso Fleischhauer in Neu-Seeland, die gefrorenes Fleisch nach London liefern wollten. Wollte eine Gemeinde einen Chasan, Schochet oder Prediger habe«, wandte man sich, mußte man sich an ihn wenden- Ich. will in diesem Berichte nur eine Würdigung seiner Fähigkeiten Mieten, nicht aber ein Urteil über seine Wirksamkeit und die Nützlichkeit oder Schädlichkeit seines Wirkens für das Judentum; kann mich aber doch nicht enthalten, eine Bemerkung der »Daily News" zu zitieren: »Das päpstliche System der Zentralisierung der geistlichen Leitung des englischen Judentums wurde von vielen als richtig, von noch mehreren aber als unrichtig und unjüdisch angesehen. Ein Mann kann nicht Führer von Tausenden Juden in London und zugleich geistlicher Ratgeber von Gemeinden in Manchester und Johannesburg, in Cardiff und Australien sein." Es war nicht der Fehler Doktor Adlers allein, sondern schon seiner Vorgänger, daß sie sich nicht begnügten, Oberrabbiner zu sein, sondern alleinige Rabbiner sein wollten. Er war ein Oberrabbiner, ohne Unterrabbiner zu haben. Da es aber demzufolge keine Rabbiner in England gibt, gibt es auch keine Pfleger jüdischer Wissenschaft, und diese allein ist, wie selbst englische Prediger in fast allen Predigten betonen, die Erhalterin des Judentums Jahrtausende hindurch gewesen.. Es ist daher fraglich, ob es nicht zum Segen der englischen. Juden heit ist, daß es momentan keinen Mann gibt, der direkt für das Chief-Rabbiuat prädestiniert zu sein scheint, und daß möglicherweise kein Chief-Rabbi mehr gewählt wird. Literarisch hat Doktor Hermann Adler wenig geleistet. Einige Predigten und Vorträge (die «Oberrabbiner von England" in der,. Publikation der „Änglo Jewish Exhibition 1887". „Die Juden von England" und einige andere Zeitungsartikel, find die einzigen Produkte seines geistigen Schaffens. Er hat über 2000 Predigten gehalten, von denen eine, gehalten während der Krankheit des ehemaligen Prinzen von Wales, nachmaligen König Eduard VII., großes Aussehen erregt hat. In einer anderen »die Pflichten eines jüdischen Rabbiners" sagt er: »es ist ein Irrtum, zu sagen, daß der Prediger höher steht als der Vorbeter, der Gottes Wort der Gemeinde vorträgt und die Gemeinde in andächtigem Gebete leitet". In diesen wenigen Worten ist die Richtung seines Wirkens charakterisiert. In seinem Familienleben war er sehr glücklich, obwohl nicht vom Glück gesegnet, denn sein einziger Sohn starb im jungen Alter von 33 Jahren im vorigen Jahre. .Mit seiner Frp^l Rachel, geb. Joseph lebte er in musterhafter Ehe, sie war chm stets eine wertvolle und kluge Stütze in seiner verantwortlichen Stellung. Er hinterläßt außer seiner Witwe zwei Töchter, von denen die ältere, Frl. Nettie Adler, Mitglied des Landtages der Graffchast London, die jüngere die Frau des Dr. A. Eich- Hotz ist. Nur ein Bruder überlebt ihn. Es ist dies der bekannte Buchsammler Elkan N Adler, der die zweitgrößte hebräische Handschristen-Sammlung der' Welt besitzt. Es ist unstreitig ein großes Verdienst Dr. Adlers, daß er daß Prestige des Judentums nach außenhin gehoben hat. daß er dem Namen »Jude" in offiziellen Kreisen, und am englischen Hofe nur Ehre gemacht hat. Der König Georg V. erkundigte sich mehrere Mal wahrend seiner Krankheit über sein Befinden und sandte ihm Blumen an sein Krankenbett. Zum Leichenbegängniffe, das am 20. IM stattfand, sandte er einen Vertreter. Das Leichenbegängnis selbst war imposant, über 200 Wagen folgten dem einfachen Sarge und tausende von Menschen waren am jüdischen Friedhofe erschienen, um dem »Oberhaupte der englischen Judenheit" die letzte Ehre zu erweisen. Hespedim wurden keine gehalten —- nach englischer Mode. Hingegen wird am Mittwoch in der Hauptsynagoge ein Trauergottesdienst abgehalten werden. Als mögliche Kandidaten für den Chief-Rabbi- Posten werden der Haham Dr. Gaster und Dajon Hjomson genannt. Dr. C. Daschinsky. Gustav Mahler und Felir Mottl. Im Iulrheft des „Türmer" widmet der bekannte Musikreferent dieser ausgezeichneten Monatsschrift, Doktor Karl Storck, dem verstorbenen Gustav Mahler einen Nachruf, der das Rassenproblem in den Vordergrund stellt. Storck scheint mit der Erörterung dieses Themas schlechte. Erfahrungen gemacht zu haben, da er leine Rezension mit der etwas unwirschen Anmerkung einleitet: »Es wird ja wohl auch in Deutschland einmal die Zeit kommen, daß man, ohne Gefahr zu laufen, hüben und drüben mißverstanden zu werden und seine Ausführungen verzerrt zu sehen, die Probleme der Rassen frage auf dttz einzelne Person anwenden darf. Heute ist es ja im allgemeinen noch so, daß, zumal wenn es sich um den Juden handelt, der Jude selber ja gelegentlich zur Glorifizierung eines Stammesangehörigen dessen Judentum hervorheben darf, daß aber, wo es von der anderen Seite geschieht, um irgendwelche Unterschiedlichkeit des Empfindens und Wirkens zu begründen, sofort ein Zetergeschrei über Antisemitismus sich erhebt. Da aber auch die. Ausdeutungen solcher Ausführungen durch den grundsätzlichen Antisemitismus nicht minder unangenehm und unlauter sind, so hat immer mehr eine Scheu platzgegriffen, diesen Faktor zu erwähnen und in Rechnung zu stellen; so entsteht vielfach geradezu Spiegelfechterei und ein um die Dinge Herumreden.- > IX. E. übertreibt hier Storck ein wenig, wenn auch ein berechtigter Kern seiner Beschwerde nicht abzusprechen ist. Storck übersieht auch, daß die Rassentheoretiker, die jede andersgeartete Denk- oder Empfindungsweise durch die Raffenzugehörigkeit erklären wollen, die gleichen extremen LeHrauschauungen auf der anderen Seite erst erweckt haben. Storck bezeichnet Mahler als ein „schönes Beispiel ausgesprochener jüdischer Genialität", nicht etwa in dem Sinne, daß das Judentum als solches durch Mahler künstlerischen Ausdruck gefunden hätte, sondern auf dem Gebiete der Reproduktion. Damit will Storck aber keineswegs etwa das antisemitische Schlagwort sich, zu eigen machen, daß die jüdischen Komponisten jeglicher Originalität entbehren und die genialen Erfindungen anderer geschickt auszumünzen verstehen; um Mißverständnissen vorzübeugen, fügt er ausdrücklich hinzu: »Man muß sich immer wieder gegenwärtig halten, daß die Reproduktion in der Musik etwas ganz anderes ist, als auf anderen Kunstgebieten, daß selbst die Tätigkeit des Schauspielers noch nicht dem Wesen des eigentlich Schönen nnd Schöpfeschen so nahe kommt, wie die des reproduzierenden Musikers." Hier zeige sich der Punkt, wo „diese jüdische Genialität der Reproduktion von ungeheuerstem Kulturwerte' werden könnte". Und Gustav Mahler sei der Beweis' dafür, daß das nicht nur Theorie ist, sondern sehr wohl zur Lebendigen Tat werden kann. Gleichwohl ist Storck weit entfernt, Mahler etwa die eigene Musikalische Schöpferkraft abzusprechen; an einer anderen Stelle sagt er: »Auch zeigt die Richtung seines Schaffens eher eine leidenschaftliche Liebe für Germanentum, etwa der Art, wie sie bei Ludwig Jacobowski zu beobachten war. Mahler hat für die Texte feiner Lieder, für jene poetischen Vorstellungen, die den Kern seiner Sinfonien bilden, sich in die Gebiete versenkt, die als undeutsch gelten. Kein anderer Musiker hat, wie er, aus des Knaben Wunderhorn heraus den Quell künstlerischer Befruchtung zu gewinnen versucht; kaum ein anderer so das Mystische de- Naturgenuffes der deutschen Seele künstlerisch einzufangen gestrebt."

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