Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 30 (28.7.1911)
- Date
- 1911-07-28
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 30 Seite 495 Dr. Bkochs WocheMM Wei wissenschaftliche Vortrage vor -der versammelten Gemeinde in der Synagoge zu halten pflegt, allenfalls mit allgemeinen Ermahnungen zum Schluß. Daher kommt die Erscheinung, daßdiejenigen Kreise welche die tatsächliche Umwandlung des jüdischen Gemeindelebens und somit das vollständige Verschwinden der einst auch vom Staate anerkannten Wirksamkeit des Rabbinates herbeiwünschen und betreiben,-die Besetzung etwa zu erledigender Stellen mit Männern vom alten Schnitt zu verhindern suchen. Die zuletzt im Normalstatut der israelitischen Gemeinde festgesetzten Grade der allgemeinen Bildung setzten der Wählbarkeit der übrigens wegen ihrer jüdisch-theologischen Gelehrsamkeit in der konservativen Richtung sonst würdigen Bewerber enge Schranken. In den Gemeinden herrscht Uneinigkeit. Die „fortschrittlichen* Minderheiten haben es' verstanden, die Leitung der größeren Gemeinden zu erreichen und lassen daher die meisten größeren Rabbinatssitze unbesetzt. Sie üben ihre Herrschaft im Lande als zumeist politische Exposituren der Regierung aus.-Früher haben sie das Germanisierungshandwerk redlich aüsgeübt, nämlich als „Deutsche". Heutzutage müssen sie polnisteren Und die nötige Stimmung vor und während der Wahlen wecken und pflegen. Der Zweck, weswegen die Kahals einst entstanden und anerkannt waren, besteht nicht mehr. Die zahlreichen und unerschwinglichen Steuern werden vom Steueramt unmittelbar eingetrieben, die Haftpflicht der jüdischen Bürger für einen jüdischen Dieb besteht nicht mehr, die Mauern der Judengasse sind eingestürzt. Die staatsrechtlich begründete, politische Bedeutung der Gemeindevertretung gehört der Vers ^angenheit an. Allein diese überlieferte, in den Gefühlen lebende Eigenschaft der Ratsstube, als der Vertreterin und Leiterin der Juden gegenüber den „Herren", den „Prizim" der Behörde, hat sich trotzdem zum großen Teil bis auf den heutigen Tag erhalten. Daher der psychologische Grund für die, wenn auch selbstverständlich nicht offizielle Beeinflussung der jüdischen Bürger durch den Kahal bei Wahlen und dergleichen. Daß die Regierung ihren Einfluß auf die Wahl durch diese noch immer einflußreiche, faktisch politisch wirkende Körperschaft auszuüben bestrebt ist, ist natürlich. Germanisatoren und Polonisatoren jüdischen Geblütes, sogenannte Assimilatoren werden daher in die jüdische Ratsstube kommandiert, um dort zu wirken. Dadurch entfremden sich die Kahals zumeist ihrer eigentlichen Aufgabe: Pflege des religiösen Gefühls, Stärkung und Belebung des jüdischen Selbstgefühls, des jüdischen Wissens, der jüdischen Wissenschaft. Auf dem Gebiete der Wohltätigkeit wird schon etwas mehr geleistet, wiewohl die mannigfachen Wohlfahrtsinstitute und wohltätigen Vereine privater Natur und privater Anregung ihre Entstehung und Dasein verdanken. Für die Pflege der religiösen Andacht sorgen wiederum hauptsächlich nur Private. Die Gemeinden lassen die nötigen Bethäuser zumeist durch Private einrichten und erhalten. Hür die Erhaltung und die Verbreitung des jüdischen Wissens sorgen die jüdischen Gemeinden ganz und gar nicht. Der Religionsunterricht liegt nur allzuoft in unberufenen Händen oder ^überhaupt im Argen. Zloczow z. B. mit seinen zirka 300 jüdischen Gymnasialschülern hat sechs Stunden in der Woche. Volksschullehrer unterrichten nicht selten in Obergymnasien, z. B. in Tarnow (mit seinen zwei Gymnasien und einer Realschule) ja sogar in Lemberg (in einem Mädchengymnasium mit Oeffentlichkeitsrecht). Daß da die Jugend in vollständiger Unkenntnis des Judentums aufwachsen muß, ist klar. Ja! die Gemeindeverwaltungen selbst unterbinden gar oft die ersprießliche Tätigkeit des Religionsunterrichtes. Das hebräische Gebetbuch und die hebräische Bibel sind natürlich nicht einwandfrei. Ihre Lektüre ist mitunter verpönt, jedenfalls nicht gerne gesehen. Und diesen offenkundigen Entjudungsprozeß patronisieren die Vorstände der Kultusgemeinden, aus Furcht vor..; einer Hypertrophie des jüdischen Gefühls, des jüdischen Selbstbewußtseins bei der jüdischen Jugend. Allerdings in Berlin, Wien und Budapest mit ihren Maffentaufen steht dies nicht zu befürchten. Die „Herren" glauben den wirtschaftlichen Ruin der Juden zu Gunsten der polnischen Kaufmannschaft, der „Landes"kräfte (sily krajowe) wie die Phrase lautet, dadurch zu beschleunigen und zu erleichtern, daß sie jede Abwehr-Tätigkeit als „landes"-feindlich brandmarken und bekämpfen, daß sie alles, was das Selbstgefühl der Juden zu heben irgendwie geeignet wäre, aus der Welt unerbittlich geschafft wissen wollen. Nun. mißfällt „ihnen" das Hebräische; in Deutschland ist. zwar der hebräische Sprachunterricht üblich und in den bischöflichen Seminarien und auf den Universitäten selbst in Galizien auch, — ja aber hier handelt es ja sich nur um Juden. So wird einer im Grunde judenfeindlichen Parteipolitik zuliebe zu ungunsten des jüdischen Besitzstandes eine Summe von jungen Herzen der lebendigen Tradition entzogen. Weil „sie", die „Herren", das Hebräische nicht mögen, wollen es auch „wir" unsere Vorsteher nicht. Was schert es die alleruntertänigsten Diener der gestrengen Herren, daß die Jugend die Gebete nicht versteht und deshalb für den einzigen, hebräischen Gottesdienst kein Verständnis finden kann? Die Gefahr besteht, die Jungen könnten : Ueberjuden werden. So sagen nämlich „sie". Dieselbe Stellung Lehmen unsere Ratsstuben den jüdischkulturellen Aufgaben und Pflichten gegenüber -n 'ein. Ein jüdischwissenschaftlicher, etwa ein historischer Verein darf aus obtjenannten Gründen nicht entstehen oder gar bestehen. Selbst die Bnei : Brithlogen sind äußerst winzig — im ganzen Lande zwei — in Krakau > und Lemberg. Infolgedessen herrscht unter der jungen jüdischen Intelligenz und überhaupt der ausschließlich in der polnischen Schule erzogenen Jugend eine Unwissenheit, eine bis ans Innerste grenzende Ignoranz.; Des Lesens unkundige Absolventen von Mittelschulen, kommen ab und zu vor. Jugendgottesdienste mit Exhorten gibt es zumeist nicht, (z. B. Lemberg, Krakau). Modern gebildete, konservativ gesinnte Rabbiner fanden hier ein weites Feld für eine ersprießliche Tätigkeit. Allein man will sie eigentlich nicht. Das Land bildet eigentlich keine mehr heran. In ganz Galizien gibt es keine Rabbinerbildungsanstalt. Vor einigen Jahren ist die damals geplante Gründung einer solchen zu allgemeiner Zufriedenheit glücklich vereitelt worden. Dieselbe ist nämlich im vorhinein nicht lediglich als theologisches Institut farblos und politischer Tendenzen bar, gedacht worden. Nein polnischnational sollte sie werden, die jüdische Rabbiuerbildungsaustalt. Das war denn doch zu viel. Die Gemeinden nahmen ihr Versprechen betreff der zu erteilenden Subventionen zurück und das Vorhaben war gescheitert. Nach Kenntnisnahme obiger, kurz geschilderter mannigfacher Kräfte, wie sie zusammenwirkend die Gestaltung der Verhältnisse Hervorrufen, wird es niemand hoffentlich wundernehmen, von fünfundzwanzig unbesetzten Rabbinerposten zu hören. Von den kleineren Gemeinden zu schweigen, seien hier die bedeutenderen erwähnt. Bübrka (6000 Seelen), Brze^any (zirka 8000) Ehrzanow (8000), Jaroslau (5000), Kolomea (17:000), Krakau (30.000), Rohatyn (6200), Stanislau (21.5K0), Stryj (zirka 10.000), ZboroL (2900), Zloczow (6000). Die mangelhaft uno ungenügend, oder gar überhaupt nicht besetzten Religionslehrerstellen find Legion. Es ist wahrhaft unangenehm, dieses Gesamtbild zu überschauen und zu erwägen. Vieles liegt zwar in den Verhältnisse»». Allein noch mehr an den Menschen. Es rnüffen Männer kommen^ Männer mit kräftigem Willen und entschlossenem Handeln, mit warmen Mischen Herzen, mit Achtung für jüdisches Wissen und unumstößlicher Standhaftigkeit in jüdisch-religiösen Fragen. An diesen fehlt es dort.' Hoffen wir, daß sie endlich doch kommen. Chief-Rabbi Dr. Herma«« Adler. Am Montag den 17. Juli ist Dr. Hermann Adler aus dem Leben geschieden. Dies ist ein wichtiges Ereignis im Leben der englischen Judenheit, vielleicht von größerer Bedeutung als es im ersten Moment selbst Eingeweihten erscheinen mag. Nach dem Hinscheiden seines Vaters und Vorgängers Dr. N. M. Adler s. A. im Jahre 1889, da war Dr. Hermann Adler schon seit 1879 stellvertretender und amtierender Oberrabbiner gewesen und keine Lücke entstand in der Fortführung des Amtes. Man wußte es, er und Niemand Anderer werde Chief-Rabbi werden.. Anders ist es jetzt. Das System Doktor A d l e r's und seines Vaters war, daß es nur einen Rabbiner in England und dem Britischen Reiche gebe und das ist der Chief-Rabbi. Demzufolge wurden nur Prediger im Jews- College (Seminar) erzogen. Bis vor einigen Jahren wurden überhaupt keine Rabbinats-Diplome verliehen und während der letzten vier Jahre haben auch nur zwei die Rabbinatsprüfung bestanden. Es gibt demzufolge in ganz England nur vier Personen, die Rabbinatsbefähigung haben (die polnischen und russischen „Reöbrs" natürlich ausgenommen, ebenso auch den sephardischen Oberrabbiner Haham Doktor Gaster und die Lehrer am Seminar). Von denen find zwei Dajanim und zwei find Minister (das heißt Gemeindebeamte: Prediger, Lehrer und Vorbeter in einer Person). Der zu wählende Chief- Rabbi muß aber unbedingt ein geborener Engländer sein; denn seine Hauptaufgabe ist die Repräsentation nach außen bei öffentlichen Versammlungen, beim Hofe und bei der Regierung. Einen solchen Mann aber, der dazu fähig wäre und dabei eine große theologisch-wissenschaftliche Autorität ist, gibt es weder in England noch in Au»erika. Und darin liegt die Schwierigkeit der Situation und wird man sich entweder dazu entschließen müssen, einen schwach oder gar nicht befähigten Mann anzustellen oder aber das Chief-Rabbinat — wird überhaupt aushören. Dr. Adler selbst war für den Posten wie kein zweiter geeignet. Er war ein Mann von Klugheit, Würde und feinem Benehmen. Er war wohl kein großer Kanzelredner, er hatte nicht die Gabe fließender, natürlicher Beredtsamkeit, aber, wie schon in früheren Berichten erwähnt, in England werden Reden, sogar Tischreden abgelesen und so merkte man den Mangel nicht und erwarb er fich den Ruf eines guten Redners. Er war entschieden ein Mann von jüdischer Gelehrsamkeit, wenn er auch kein wissenschaftlicher Mann war. Autorität als Kenner der englischen . Klassiker und der englischen Sprache war er entschieden ein Mann von .allseitiger ungewöhnlicher Bildung. All diese Eigenschaften machten ihn für die Stelle, die er ausfüllte, wie