Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 29 (21.7.1911)
- Date
- 1911-07-21
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Dr. WoKs WocheMM Seite 485 Nr. 2Ö lich Unterricht Lei diesem Herrn, der mit seinen Schülerinnen Wunder zu verrichten schien — bitte, halten Sie diese Behapptung nicht für übertrieben. Nach den ersten geometrischen Uebungen wurde mir die große Genugtuung Zuteil, als eine bescheidene Erfinderin von Dekorativ nsmotiven betrachtet zu werden. Ich habe die reinste Freude genossen, habe ohne jegliche Anstrengung!, uus freier Hand und mit leichtem Kopf gearbeitet." Selten habe ich so genußreiche Stunden in einer Schule verbracht, wie auf dem ausgedehnten Terrain der Umanitaria in her Mclj i'Santa Barbara, J— ,eine kleine Stadt für sich — selten bin ich einem Stab von Lehrern und Lehrerinnen begegnet, der seinem Beruf, besonders in der Frauenabteilung, mit. einem so hohen sittlichen Ernst nachgeht, und nie habe ich so willige und zufriedene Schülerinnen gesehen wie ebenda. Das Losungswort der Umanitaria ist, ich wiederhole es: Leben, Natur, Wahrheit! Mit der alten Schablone, mit dem alten Zopf ist ganz gebrochen worden. In der kurzen Zeitspanne von zwei Jahren werden Schüler und Schülerinnen, sämtlich im Alter von 9—12 Jahren aus der Volksschule übernommen, zu selbstbewußten ideenreichen Arbeitern und Arbeiterinnen .ausgebildet, in jeder Werkstätte, in jedem Betriebe, in jedem Gemeinwesen füllen sie ihren Platz aus. Für alles, w!as für die Wohlfahrt der Arbeiter von Wert ist, besitzt die Umanitaria ein warmes Herz und eine offene Hand. Teils aus eigenen Mitteln, teils gemeinsam mit Sinnesgenossen, hat sie eine Kasse gegen Arbeitslosigkeit, einen Stellennachweis für Landarbeiter, einen iebensolchen für''weibliches Gesinde, ein Informationsbureau jAr Auswanderer, sowohl nach dem Inwie nach dem Ausland ins Leben gerufen. Sie unterhält eine eigene ausgedehnte landwirtschaftliche Station. Es isf auch ihr Verdienst, daß die Mailänder Konsumvereine eine gemeinsame Einkaufsstelle, eine eigene Bank besitzen und daß sie sich ebenso wie die Volksbibliothekeih die in Mailand immer üppiger ins Kraut schießen, zu einem Bunde vereinigt haben. Mustergültige Arbeitshäuser un Zwei entgegengesetzten Enden der Stadt sind gleichfalls eine Schöpfung der Umanitaria. Den Komplex solider Arbeiterhäuser in der Via Solaro, im Herzen des neuen Mailands, habe ich auf das eingehendste besichtigt. Sie nehmen eine Fläche von 22.000 Quadratmetern ein> es find keine Mietskasernen, nur zweistöckige Häuser, 240 Wohnungen zu 1, 2 oder 3 Zimmern, im ganzen 480 zweifenstrige Räume zu je 22 Quadratmeter, mit je 70 Kubikmeter Rauminhalt, also hohe luftige Zimmer, jede Wohnung mit allem nollo endigen Zubehör, mit einem eigenen Eingang, ja sogar mit einer inneren Leitung versehen, um den Müll aus der Küche in die Müllgrube hinuntergleiten zu lassen. Zu dieser Arbeiterstadt gehört ein 'Theater, eine Bibliothek, ein Säuglingsheim, ein Kindergarten, es gibt Terrassen und mit Bäumen bepflanzte Höfe; Bäder, Gas und elektrisches Licht bezeugen den Komfort der Neuzeit. Die Leutchen haben aus sich eine kleine Theatertruppe, eine Hauskapelle gebildet. Die Hauspolizei besteht aus zwei Vertretern der Mieter, je einem Vertreter der Umanitaria, des Frauenbundes, der Arbeitskammer, aus einem Stadtphysikus. Die Miete ist für den geringen Iahresbetrag von 480 Lire pro Wohnung wöchentlich oder vierzehntäglich pränumerando zu entrichten. Der feierlichen Einweihung eines noch moderneren Komplexes derartiger Arbeiterhäuser wohnte ich vor einigen Monaten bei. Bei der Besichtigung waren mir die Stunden so schnell verflossen, daß mich die Mittagszeit dort überraschte. Für nur 75 Centesimi» ein halber Liter Rotwein inklusive, konnte ich in der von dem dazugehörenden Konsumvereine betriebenen Restauration eine äußerst schmackhafte Mahlzeit zu mir nehmen, Sicherlich befleißigten sich die Gäste nicht so einwandfreier Manieren wie die Herrschaften in einem internationalen Hotel, aber die geistige Nahrung war substantieller, der Ton echter. Die ganze großartige Organisation wird in echt demokratischem Geiste geleitet. Loria. der Gründer, wünschte auch bei ungleichen finanziellen Leistungen gleiches Recht für alle. Bei der Wahl der Mitglieder des Direktoriums und der 50 Mitglieder des „Configlio de'Delegati" hat die Stimme desjenigen, der nur 1 Lire jährlich beisteuert, genau dasselbe Gewicht wie die Stimme des Leistungsfähigen, der 1000 Lire und darüber zahlt. Das System hat sich außerordentlich bewährt, die musterhafte Institution hat nicht nur in Mailand, sondern in der ganzen Lombardei Wurzel geschlagen. Ein jeder fühlt sich geehrt, ihr anzugehören, jeder Parteihader hält sich fern. Die Zuwendungen mehren sich, erst in diesen Tagen hat ein Herr Giovanni Viane di Muscoline aus Brescia die Umanitaria mit einer halben Million zur Universalerbin eingesetzt. Der Mailänder Magistrat trägt sich mit dem Plan, der Umanitaria sämtliche Funktionen seiner Armendirektion zu übertragen. Es wäre dies eine Neuerung, der im sozial-administrativen Gebiet kaum Aehnliches an die Seite zu stellen wäre. So ist die Anregung Lorias auf fruchtbaren Boden gefallen, die Saat, die er in die Erde gesenkt, ist herrlich aufgegangen. Jeder, dem an der Wand des schönen Krematoriums auf dem Mailänder Friedhof die schlichte Grabinschrift: „Osneri di P. M. Loria — volle autopsia e cremazione — utile usanza“, in die Augen fällt, wird ohne Zweifel diesem wirllich modernen Sohn unserer Zeit und seinem Werk Verständnis und Bewunderung entgegenbringen. Ernesto Gagliardi (Mailand). - Literatur. Evkonyv. kiadja az Izr. Magyar Irodalmi Tarsulat. Szerkesztette Bänoczy Jözsef. 1911. Budapest. Jahrbuch. Herausgegeben von der „Israelitischen ungarischen, literarischen Gesellschaft.“ Redigiert von Josef Bänoczy. 1911, Wie alljährlich, so auch iu diesem Jahre, beschenkte die ung. isr. liter. Gesellschaft ihre Mitglieder mit einem Jahrbuche, das uns in zwangloser Gruppierung populär gehaltene Aufsätze; Vorlesungen aus fast allen Gebieten jüdischen Wissens, Gedichte, Biographien usw. vorführt, um in möglichst entsprechender Form Resultate der Forschung und Früchte wissenschaftlicher Gedanken dem ungarischen, gebildeten Leserkreise zugänglich zu machen. In Form und Inhalt entsprechen dieselben der Durchschnittsbildung der Mitglieder, genügen aber auch den höheren Ansprüchen, die Fachleute an ein solches Buch stellen. Die jüdische Wissenschaft, wir können es mit Genugtuung konstatieren, wird in Ungarn noch immer eifrig gepflegt. Die Orthodoxen widmen sich in den Jeschivohs in unverminderter Kraft und Begeisterung dem Thorastudium, wie etwa zu den Zeiten des Rabbi Mosche Sofer s. A. Die Status quo ante-Gemeinden sind fast ausnahmslos streng konservativer Richtung und selbst unter den neologen Gemeinden gibt es noch ganz gute jüdische Kehilloh’s im alten Sinne des Wortes. Die meisten ungarischen Rabbiner haben ihre erste Ausbildung in den Jeschivohsj erhalten, haben die Thora aus der Quelle geschöpft und es gibt kaum eine jüdische Gemeinde, in welcher nicht einige Talmudbeflissene oder wenigstens Kenner der agadischen Literatur wären. Man bringt der. jüdischen Wissenschaft Interesse entgegen. So kommt es, dass diese Literatnrgesellschaft heute schon etwa 2500 zahlende Mitglieder zählt und ihr Jahresbudget etwa 23.000 Kronen beträgt. Die Form des Jahrbuches ist eine gefällige; Redakteur Bänöczy versteht es meisterhaft, verschiedene Themata, Aufsätze von leichterem und schwererem Kaliber, Prosa und Dichtung zu gruppieren, damit der Leser nicht ermüde, und sind es vornehmlich die eingestreuten Gedichte, die uns gleichsam wie geistige Ruhepausen; erscheinen, wenn wir einen Autor durch kaum geebnete steinige Wege der Wissenschaft begleiteten. Den Reigen eröffnet Prof. Dr. Ludwig Blau mit einer Skizze über Wilhelm Bacher, anlässlich dessen 60 jährigen Geburtstages. Der Lebenslauf und die immense wissenschaftliche Tätigkeit dieses Gelehrten wird geschildert. Die Bibliographie seiner Schriften zählt 611 Nummern, darunter 46 selbständige Werke. Sein Werk über die talmudische-Agada erstreckt sich auf 3200 Seiten. In der Jewish Encyclopedie erschienen ans Bacher’s Feder 100 Artikel. Seine Fächer sind hauptsächlich Bibelexegese, hebräische Grammatik,