Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 29 (21.7.1911)
- Date
- 1911-07-21
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Sette464 Dr. Bkochs Wochenschrift Rr.Ätz dem er seine Peiniger verschiedene Male die Stärke seiner Fäuste hatte fühlen lassen, 30g er es vor, das Weite, eine reinere moralische Luft 3N suchen. Ueber Triest wandte er sich nach Egypten. Der Augenblick war nicht schlecht gewählt. Loria hatte sich zum tüchtigen Geschäftsmann entwickelt, schnell verstand er es, die Gunst des allmächtigen Mehemet Ali zu gewinnen, ihm wurden die gesamten Holzlieferungen für die damals in Angriff genommenen Eisenbahnen übertragen. Damit legte er den Grund zu seinem fürstlichen Vermögen. „Nach " der /ersten Million folgen die anderen rapid", pflegte er später zu sagen, ein Wort, das zu einem geflügelten geworden ist. * Im sechsten Jahrzehnt seines Lebens zog er sich von den Geschäften zurück, ein wortkarger Mann von fast spartanischer Bedürfnislosigkeit, von lauterster Gesinnung, stets hilfsbereit. In seiner ihm kongenialen Frau besah eralles, was er liebte, was zu seinem Glück notwendig war. Im Gegensatz zu seiner trägen Zunge stand sein nie rastender Geist. Sein Nachdenken, sein Grübeln konzentrierte sich besonders, als er die treue Lebensgenossin verloren hatte, auf die Frage: Wie kann man der Bettelei, die sich überall offen oder verstohlen in tausend Formen offenbart, wirksam zu Leibe gehen, wie jedem Arbeitswilligen eine ersprießliche Tätigkeit sichern? Den wenigen Leuten gegenüber, die er seines Vertrauens für würdig hielt, äußerte er sich folgendermaßen : „Sollte es nicht möglich sein, eine Art von „rotem Kreuz" gegen die Bettelei ins Leben zu rufen? Sind etwa Bettler nicht Gefallene, Verwundete, Unglückliche, denen man wieder auf die Beine helfen muß? Trägt doch der Besitzende durch Steuern, freiwillige Almosen, allerlei Stiftungen, mittelbar oder unmittelbar sein Scherflein zur Unterhaltung von Bettlern und Vagabunden, zur Bestreitung der Unterhaltungskosten sur Arbeitshäuser und Strafanstalten bei. Wäre es nicht besser, diese Unsummen einer fachkundigen Zentrale zufließen zu lassen, die sie dann durch Hunderte und Tausende von Kanälen den betreffenden Stätten sanierend und fruchtbringend zuführen würde?" Zahlreiche Abhandlungen, die er diesem Problem weihte, gab er änonym heraus, weil er wünschte, daß die Sache über dem Namen stehen sollte. Das Testament Lorias — er starb im Jahre 1892. — ist nur eine praktische Erläuterung seines hochherzigen Planes, der erste Schritt zu dessen Verwirllichung, wenigstens im Weichbilde der für jede gemeinnützige Anregung! so /empfänglichen lombardischen Hauptstadt. Die edlen Absichten dieses Don Quirote der Arbeit konnten sich nicht so schnell verwirllichen, wie er wohl gehofft hatte. Die Ansprüche der Stadt Turin, der im Dalle von Schwierigkeiten das reiche Erbe — 10 Millionen Lire hätte zufallen müssen^ jene enttäuschter Verwandter mußten erst befriedigt werden. Indessen stieg das Grundkapital durch Zins und Zinseszins bis auf 13 Millionen Lire. Erst am 13. Januar 1893 konnte die großartige Stiftung mit der treffenden Benennung: „L'Umanitaria" konstituiert werden. Schon damals schlossen sich ihr 10.000 wohlhabende Bürger als Mitglieder auf Lebenszeit an. Was die Umanitaria seitdem geleistet hat, das genügt vollständig, um jeden Reisenden, der Verständnis für unsere Zeit mit einem warmen Herzen paart, auf mehrere Tage an die moralische Hauptstadt Italiens — so wird Mailand allgemein genannt — zu fesseln. Hier ist es geradezu verblüffend, wie das Andenken eines großherzigen Stifters geachtet ward. Der erste Paragraph der Statuten lautet also: ..Zweck der Umanitaria ist. Unbemittelten ohne jeglichen Unterschied, durch geeigneten rationellen Unterricht und durch Übertragung passender Arbeit in ihrem Streben, die «wirtschaftliche und gesellschaftliche Lage zu bessern, tatkräftig beizustehen." Ihr Arbeitspensum hat die Umanitaria verstanden, in vorbildlicher Weise durchzuführen, die ihr anvertrauten Kapitalien sind geradezu vorzüglich angelegt worden. In der Casa di Lavöro, dem Kernpunkt des Ganzen, findet.jeder Unbeschäftigte, unfreiwillig Streikende drei Wochen lang die freundlichste Aufnahme und angemessene Beschäftigung. In dem weitverzweigten Arbeitsnachweis bietet diese Zentrale ihren Gästen Gelegenheit zu dauernder Tätigkeit. Daran schließen sich Gewerbeschulen jeder Art, für Schmiede, Tischler, Schuhmacher, Uhrmacher, für angehende Elektrotechniker, Färber usw., Schneiderei, Stickerei, Plätterei, Kochkunst. Hygiene, alles wird gepflegt, ist mit den tüchtigsten Lehrkräften, den allermödernsten Ärbeitsgerätschaften stusgestattet. Es gibt Sonntags-Abendkurse für Erwachsene und Minderjährige. Anstatt in Fabriken oder Ateliers, die sich oft genug zum Vorhof' der Hölle, zu Gefängnissen gestalten, absolviert jetzt die Mailänder Jugend überwiegend ihre. Lehrzeit in den Schulen/und' Ateliers dieser wahrhaft, im höchsten Sinne des Wortes menschenfreundlichen Umanitaria. Auf die Stickereischule, die mein Interesse im hölO sten Maße fesselte, möchte ich etwas ausführlicher eingehen. Zunächst tritt der Zeichenlehrer in Aktion. Er bringt in recht elementarer Weise den jugendlichen Schülerinnen die ersten geometrischen Begriffe: Punkt, Linie, Viereck, Dreieck, Kreis, dann Symmetrie und Ordnung bei. Innerhalb eines Kreises, Zeines Dreiecks oder. Vierecks sollen die Novizen autzidem- Kopf mit gebrochenen oder geraden Linien irgend eine Zeichnung zustande bringen. Eine jede erhält eine andere Aufgabe, damit das Abgucken bei der Nachbarin unmöglich gemacht wird. In dieser Weise entstehen anfangs wohl groteske Mißbildungen, . jedoch, je. nach der Veranlagung des. Individuums, klären sich nach und nach! die Ideen. In verhältnismäßig kurzer Zeit kommt es zu ganz anerkennungswerten Leistungen, die sich nach und nach zu den kleinen Meisterwerken weiblichen Gewerbefleißes, denen wir Männer unsere?Bewunderung nicht versagen, entwickeln. Die entworfenen Zeichnungen zu Stickmustern, welche allen Anforderungen genügen, werden dann leicht in Kunstblättern «verewigt. Mit dem sllavischen Kopieren hat man bei dieser Lehrmethode gänzlich gebrochen, eine jede Aspirantin muß sich durch Beobachten, Anempfinden und kritisches Auswählen daran gewöhnen, selbständig zu schaffen, sie mutz sich an der Hand von ausschließlich' der Umgebung, der Natur entnommenen Motiven Eleganz, Kritik und Geschmack aneignen. Bei der Ausführung der Muster bleibt jeder Schülerin die Wahl der Farben überlassen, die herrlichsten Effekte werden von den begabten erzielt. Was für die Stickereischule gilt, gilt auch für die anderen Fächer, gleichviel, ob man Seide oder Eisen, Holz oder Stein verarbeitet. „Die Grundlage, gewissermaßen die Fibel jeden kunstgewerblichen Unterrichts", heißt es hier, „ist das Zeichnen". -Charakteristisch für die Stellung, welche der Zeichenunterricht in den Schulen und Ateliers der Umanitaria einnimmt, ist ein Briefchen, mit dem Frau Adele Sotteli, Lehrerin an der Stickschule, strich beehrte. -.Bei einem erneuten Besuch unserer 'Schule versuchen Sie, Mit unserem Zeichenlehrer, Prof. Edgardo Calori, bekannt zu werden, er ist ein Künstler, der sich eine Unterrichtsmethode erdacht hat, die sich in idealer Weife der Natur und der Intelligenz der Kinder anpaßt. Ich selbst hätte Zeichenunterricht in der Schule und empfand sogar eine starke Neigung für diese Kunst, als ich jedoch zur Lehrerin der Umanitaria ernannt wurde, mußte ich zu meiner Beschämung wahrnehmen, wie unwissend ich auf diesem Gebiete noch war. Kurz entschlossen nahm auch