Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 29 (21.7.1911)
- Date
- 1911-07-21
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 29 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 481 diesen Ehen entstammenden Binder wurde fast in allen Fällen eine Vereinbarung getroffen, und zwar mit nur sehr geringen Ausnahmen zu gunsten der christlichen Religion. Diese horrende Ziffer hat nun auch die sonst indolenten jüdischen Kreise Ungarns aus ihrem bisherigen -Gleichmut gerissen und es ist nun eine Aktion im Zuge, diesem Uebelstande in einer geeignet erscheinenden Form abzuhelfen. Man kommt allmählich zur Ueberzeugung, daß die falsche Auslegung des Liberalismus, der besonders die politisch führenden Juden Ungarns zu wahren Fanatikern der Irreligiosität gemacht hat, zu -einer vollständigen Destruktion der jüdischen Gesellschaft Ungarns.führen müsse, besonders wenn man berücksichtigt, daß diese selbe Gesellschaft auch zu den fanatischesten Bekämpfern der Einwanderung von Juden aus dem Osten, die noch im gewissen Sinne ein Reservoir bilden, gehört. Diese Mischehen und ihre Konsequenzen sind die auch äußerlich.wahrnehmbaren Formen des inneren Zerfalles der sogenannten jüdischen Intelligenz Ungarns. In nicht viel geringerem Mäße vollzieht ' sich auch der direkte Abfall vom Judentums durch den Aebertritt zu einer anderen Glaubensgemeinschaft oder zur Konfessionslosigkeit. Die Zahl der Aus- und Uebertritte wird in Ungarn von Tag zu Tag größer, was um so schwerer ins Gewicht fällt, als es sich hier ausschließlich um autochthone magyarisierte Juden und nur in seltenen Fällen urm eingewanderte Juden handelt. ■. -; ff; Ein sMames Vermächtnis. In Großwardein starb vor einigen Tagen, im Alter von 70 Jahren, der dortige Hausbesitzer Simon Grünwald. Er hinterließ der orthodoxen israelitischen Gemeinde und der protestantischen Kirchengemeinde in Großwardein je 100.000 Kronen. Dieses Vermächtnis hat sowotzl-d-in -den -jüdischenwie auchin den christlichen Kreisen lebhaftes Aufsehen erregt, da man es bisher gerade von orthodoxer Seite, die ja bekanntlich vollends auf die Erhaltung ihrer religiösen und Humanitären Einrichtungen durch ihre eigenen Mitglieder angewiesen ist und wohl noch niemals von christlicher Seite eine namhaftere Unterstützung oder ein Legat erhalten haben dürfte, gewöhnt war, daß sie sich von solchen Extravaganzen wie das Vermächtnis des verstorbenen Herrn Grünwald fernhalte. Die neologe Iudenschaft von Eroßwardein geht wohl zu weit, wenn sie behauptet, daß Herr Simon Grünwald mit diesem Vermächtnis sich nicht so sehr für die protestantische Kirchengemeinde, als gegen die neologe israelitische Gemeinde gekehrt habe. Berlin. Allgemeines Interesse erregen die Worte, mit denen Wilhelm II. bei einem Feste, das Ende Juni in Hamburg stattfand, des Herrn Generaldirektor B a l l i n gedacht hat. Sie haben den großen Zorn der Antisemiten erregt, werden aber unseren Lesern erfreulich sein. Sie lauten so: Ich glaube aber, daß ich nicht schließen darf, ohne auch Ihnen, mein lieber Ballin, nachträglich sowohl in meinem wie im Namen der Herren nochmals unseren herzlichen Dank auszusprechen für die nimmer fehlende Gastfreundschaft und für Ihre glänzende Arbeit in der Vertretung unseres Vaterlandes und für die geschickte Weise, in der mancher drohende Kampf umgangen und in Frieden gewandelt wurde. Möge es Ihnen auch ferner gelingen, die großen Interessen unseres Vaterlandes auf Ihre Weise zu wahren und verderbliche Kämpfe durch Einigung in Güte beizulegen. Die von Sir Ernest Cassel ins Leben gerufene „König Eduard VII. britisch-deutsche Stiftung, deutsche Abteilung", hat sich am 4. d. in einer im Herrenhause abgehaltenen Sitzung des vom Kaiser berufenen Verwaltungsrates konstituiert. Zum Vorsitzenden wurde Staatsminister Dr. Graf v. Posadowski-Wehner, zu seinem Vertreter der Vorsitzende des Direktoriums der Hamburg-Amerika-Linie Dr.-Jng. Ballin gewählt. Dem Verwaltungsausschuß gehören von unseren Glaubensgenossen an: Geheimer Kommerzienrat Eduard Arnhold-Berlin und Bankier Dr. Max Marburg-Hamburg. Grand-Rabbin Jacob Meir bleibt doch in Salonichi, Der „Progres de Salonique" meldet: Der Vorstand der hiesigen Iudengemeinde hielt eine Plenarversammlung ab, um zur Frage des Oberrabbinates von Salonichi zur Berufung des Grand-Rabbin Jacob Meir nach Jerusalem nochmals Stellung zu nehmen. Nach eingehender Debatte wurde mit 39 gegen 14 Stimmen beschlossen, den Grand-Rabbin zu bitten an der Spitze der Salonicher Gemeinde zu verbleiben. Eine Abordnung von zehn Notabeln der Gemeinde begab sich zum Großrabbiner, um ihm den Beschluß mitzuteilen und auch ihrerseits ihn zur Berücksichtigung dieses Beschlusses zu bewegen. Nach längerer Beratung gab der Grand- Rabbin schließlich nach und erklärte, in die Verlängerung des Dienstvertrages auf weitere drei Jahre einzuwilligen. Wie von anderer Seite besonders hervorgehoben wird, haben die 14 Mitglieder der Plenarversammlung, die in der Minorität geblieben, bloß dagegen gestimmt, daß Rabbi Meir nochmals gebeten werde, in Salonichi zu bleiben. Sie stimmten vielmehr dafür, es vollständig dem Ermessen des 'Grand-Rabbin zu überlassen, dem wiederholt geäußerten Wunsche der Gemeinde Folge zu leisten oder nicht. Judmnc'n in der Frauenbewegung Italiens. Wie in allen übrigen Ländern^ nehmen die jüdischen Frauen auch in Italien an dem Bestreben der Frauen um ihre soziale und wirtschaftliche Gleichstellung hervorragenden Anteil. Dies kam auch bei dem jüngst in Rom abgehaltenen italienischen Frauenkongreß zum Ausbruch. Eine der Präsidentinnen war, wie „Settimana Israelitica" berichtet, Signora Cagli Della Pergola aus Ancona, während Frau Professor Eugenia Rava einen mit großem Beifalle aufgenommenen Vortrag über die Zurücksetzung der weiblichen Angestellten in den öffentlichen 'Remtern hielt. Die Gleichberechtigung der Juden in Spanien. Wir berichteten seinerzeit darüber, daß die Juden von Mellila dem König von Spanien ein Majestätsgesuch überreichten, in welchem sie baten, es möge ihnen .Gleichberechtigung gewährt werden, da sie an den Steuerlasten und dem Militärdienst ebenso teilnehmen, wie die übrige Bevölkerung. Dieser Tage wurde nun eine Entschließung des Königs veröffentlicht, welche die Erfüllung der Bitte enthält. Danach werden die Juden Mellilas als mit den übrigen Bürgern vollständig gleichberechtigt erklärt. Die liberalen Blätter Spaniens drükken über diesen königlichen Akt ihre Befriedigung aus und gaben zugleich der Hoffnung Ausdruck, daß die Regierung alle Beschränkungen und Ausnahmsgesetze, welchen die Juden in Spanien noch immer unterworfen sind, in nicht ferner Zeit außer Kraft setzen werde. Die' Sektionschefs des neuen französischen Ministeriums. Wie wir dem französischen Amtsblatte entnehmen, wurde der Professor an der Rechtsfakultät in Lille, Levy- Mmann, zum Sektionschef im Arbeitsministerium ernannt. Milhaud, ein Jude, der Sektionschef im Handelsministerium war, behält diesen Posten auch unter dem neuen Ministerium, Brisac, gleichfalls Jude, wurde zum Spezialsekretär im Ministerium für Post- und Telegraphenwesen ernannt, während Raoul Strauß zum Chef der Bureaur für Zivilangelegenheiten im Kriegsministerium ernannt wurde. Anerkennung des Hebräischen als lebende Sprache. Die französische medizinische Fakultät in Beyruth fordert von jedem Hörer bei der Aufnahme eine besondere Prüfung in einer lebenden Sprache. Bei den letzten Aufnahmsprüfüngen meldete sich ein Hörer