Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 29 (21.7.1911)
- Date
- 1911-07-21
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3021927-3021957--20364-3045399- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Sette 478 Dr. Blochs Wochenschrift Nr. 39 kurto xo88688LM reääere, 1166 nequam furem Judaeus prodere compellatur.) In der Tat war bis zum Ausgange des 12. Jahrhunderts Verkauf oder Verpfändung kirchlicher Gegenstände au Juden überall gestattet. Doch erließ schon um die Mitte dieses Jahrhunderts eine Rabbinersyuode das Verbot, derlei Dinge zu kaufen oder als Pfand anzunehmen. Es ist hochinteressant, daß wir von den Juden Italiens im 13. Jahrhundert aus dem Munde keines geringeren als des Thomas von Aquino (de regimine Judaeonun) hören, daß sie aÜÄorten durch Arbeit und nicht durch Wucher ihren Lebensuntechalt gewannen. Sie betrieben nämlich das unter chuen vielverbreitete Fürberhandwerk, welches damals die Hauptiudustrie Italiens ausmachte und das sie schon im 12. Jahrhundert gewissermaßen beherrschten, so daß die Färbereisteuer in Italien mit Judensteuer gleichbedeutend war. Urkundlich bezeugt sind jüdische „tintoria" in Brindisi, Beuevent, Cosenza, Trani, Palermo. Es fällt uns nicht ein, die schweren Verfehlungen der Juden aus dem Gebiete der Geldwirtschaft zu verschweigen. Es sei mir jedoch zum Schlüsse gestattet, von Werner Sombart an den größten Genius der Menschheit, an Shakespeare zu appellieren. Als Shakespeare seine Fabel von dem „Kaufmann von Venedig" und dem Juden, der es auf sein Leben abgesehen hatte, zu spinnen begann, war er sicherlich Shylock gegenüber gerade so befangen, wie Antonio, und er hotte keine andere Absicht, als Shylock recht schlecht und verabscheuungswürdig zu machen. Es war ihm gewiß darum zu tun, zum Ergötzen des großen Haufens, wie Heine meint, einen gedrillten Währwolf darzustellen, der nach Blut lechzt und dabei seine Tochter und seine Dukaten einbüßt und obendrein verspottet wird. Aber dieser Rohstoff der Karikatur, die noch Marlowe in seinem „Juden von Malta" leitet, verwandelte sich unversehens, in seiner Meisterhand zu einem ewig gütigen Mustertypus des Judentums. Mit jener Sehergabe, die wir au ihm bewundern, erfaßt er die innerste Seele des Juden und führt seine Sache, als hätte er selbst, wie Shylock, die Schmach von Jahrtausenden an dem Erbfeinde zu rächen. Shylock gehört zu den wunderbarsten Offenbarungen des Genies aus dem Urborn der Wahrheit. Shakespeare würde fürwahr eine Satire auf das Christentum gemacht haben, wenn er es von den würdigen Christen des Stückes, dem sentimentalen Antonio, dem Glücksjäger Bassanio und dem Taugenichts Lorenzo r-präsentieren ließe, die kaum wert sind, Shylock die Schuhriemen zu lösen, und was die anderen edlen Veuetianer betrifft, die wir als Gefährten Antonios auftreten sehen, so scheinen sie ebenfalls das Geld nicht sehr zu hassen, und für ihren armen Freund, wenn er ins Unglück geraten, haben sie, gleich den Schmarotzern Timons, nichts als Worte, leere Worte. Shylock betet das Gold an, er macht aus dieser Liebe kein Hehl, aber es gibt dennoch etwas, was er höher schätzt als die große Leidenschaft seines Lebens, die Habsucht, nämlich die große Genugtuung für sein beleidigtes Herz, die Wiedervergeltung unsäglicher Schmähungen. Und obgleich man ihm die geborgte Summe zehnfach anbietct, so schlägt er sie doch aus, und die dreitausend, die zehnmal dreitausend Dukaten gereuen ihn nicht, wenn er ein Pfund Herzfleisch seines Feindes damit erkaufen kann. Shylock liebt zwar das Gold, aber es gibt Dinge, die er noch weit mehr liebt, unter anderem auch seine Tochter, „Jessika, mein Kind". Obgleich er in der höchsten Leidenschaft des Zornes sie verwünscht und tot zu seinen Füßen liegen sehen möchte, mit den Juwelen in den Ohren, mit den Dukaten im Sarg, so liebt er sie doch mehr als alle Dukaten und Juwelen. Aus dem öffrntlichen Leben, aus der christlichen Gesellschaft zurückgedrängt in die enge Umfriedung häuslichen Glückes, blieben ja dem armen Juden nur die Familieugkfühle und diese treten bei ihm mit der rührendsten Innigkeit hervor". Anhaltender reicher Beifall des zahlreich erschienenen überaus distinguierten Auditoriums belohnte die trefflichen Ausführungen des Redners, welchem der Vereinspräsident Professor Dr. Szeberinyi noch besonderen Dank mit folgenden Worte zollte. Hochverehrte Versammlung! „Unter dem gewaltigen Eindruck des sehr interessanten Vortrages, den Herr Schriftsteller Dr. Münz soeben mit solchem Pathos und doch zugleich mit so innerlicher Wahrhaftigkeit zu Ende geführt hat, kann ich, als protestantischer Priester, der ich die Schicksale der Israeliten, dieses größten Wunders der Weltgeschichte, und unserer nächsten Schicksalsgenossen, für sehr gleichartig mit unseren Geschicken und unseren Erlebnissen betrachte, nur noch zum Schluffe dieses Vortrages sagen: Dieser arme Werner Sombart, eine fast unbekannte Größe in den meisten gebildeten Kreisen, er hat nur bekannte Vorwürfe höchst ungerechter Weise vorgebracht. Aber selbst diese Vorwürfe werden, wenn die Juden das für das Abstrakte in der Welt Sinn habende Volk sind, mehr zum Lobe, als zum Nachteile des Judentums. Und am Ende, neben Shakespeare, dem einen Genius, gedenke ich des zweiten großen Genius Goethe, der da einmal so. kurz und bündig sagt: „Das jüdische Volk ist, war und wird ewig sein, um die Ehre und Heiligkeit Jahves, um diese Herrlichkeit und Gerechtigkeit bis in die Ewigkeit der Welt zu verkünden". (Herzlicher, langanhaltender Beifall,) Zum Schluffe fügte noch der Schriftführer des Vereines, Herr Oberinspektor F. R. E n g e l die Erklärung hinzu, daß nicht ohne einen gewissen Hintergedanken das eben behandelte Thema seitens der Vereinsleitung bestimmt wurde. Gelte es doch, Vorurteilen und lückenhaften, einseitigen Behauptungen eutgegenzntreten, wie sich solcher ein Mann der Wissenschaft nicht schuldig machen sollte. Gerade der Forscher habe die Pflicht, vollkommen objektiv vorzugehen, in fortwährender Selbstkritik erst dann einen Satz als feststehend zu formulieren, wenn er auch wirklich allen Einwürfen und Gegenreden vollkommen Stand zu halten vermag. Leider sei das bei Werner Sombart nicht der Fall, wie unter Anderem sein in Wien im vorigen Jahre gehaltener Vortrag bewies, bei welchem er, der Schriftführer, ihn nach Schluß auf seine von Einseitigkeit und von vorgefaßten Meinungen strotzenden Behauptungen in nicht mißzuverstehender Weise aufmerksam machte. Und dieses Vorgehen müsse umso schärfer beurteilt werden, als es sich um eine angebliche Leuchte der Wissenschaft handle, welche vor allem anderen, Geringeren „voranleuchten" solle. Wie könne man sonst den - einfacheren Leuten, zum Beispiel den Geschworenen im Prozesse Hilsner deren Befangenheit in mittelalterlichen Vorurteilen verargen? Der Schriftführer, der mit der Aufforderung an die Versammlung schloß, bei etwaiger Wiederholung derart einseitig gehaltener Vorträge kräftig zu demonstrieren, erntete ebenfalls warmen Beifall. _____ Korrespondenzen Die Hygiene der Juden auf der Internationalen Hygiene-Ausstellung in Dresden. Die „Neue Hamburger Zeitung« vom 8. Juli schreibt unter gleicher Ueberschrift: Man kann der Ausstellungsleitung die Anerkennung nicht versagen, dass sie in dem schier unübersehbaren Plan ihres Unternehmens doch auch wichtigen Einzelheiten, wie der biblischen und jüdischen Hygiene, die gebührende Aufmerksamkeit gewidmet hat. Gerade diese Gruppe fesselt dag Augenmerk schon durch die Beziehung zur lebendigen Gegenwart. Sie konnte nicht dringlicher zur Darstellung gelangen, als durch die ausgestellten Thorarollen, die daran erinnern, dass die wichtigsten dieser uralten hygienischen Lehren noch heut in der Judejxheit volle Kraft und Geltung haben. Die imponierenden Bilder und Modelle der altisraelitischen Wasserleitungen zeigen, uns das. Volk der Schrift von einer dem Laien bisher ganz unbekannten Seite. Wir lernen begreifen, wie das winzige Jerusalem den gewaltigsten'Belagerern so lange ergolgreichen Widerstand leisten-konnte. Nicht umsonst sagt Sirach vom König Hiskia, er habe durch den