Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 29 (21.7.1911)
- Date
- 1911-07-21
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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»r. 29 M. MGs MGaMrkst Sette 477 halbe Stunde entfernten Gunnersbury. Ungefähr um 5 Uhr erschien Dr. Adler, von seiner Frau und Verwandten begleitet, auf der Terrasse des Hauses und Lord Rothschild richtete an ihn eine Gratulationsansprache und überreichte ihm eine mit tausenden Unterschriften seiner Gemeindemitglieder versehene, prunkvoll ausgestattete Glückwunschadresse. Die Ansprache war eine herzliche. die die Verdienste Dr. Adlers vollauf würdigte. Dr. Adler erwiderte in gerührten Worten, dan kte Allen, die erschienen waren, ihn zu beglückwünschen. Er habe gestrebt, in den Pfaden, die sein Vorgänger und Vater Dr. Nathan Adler getreten, zu wandeln, und daß einen großen Teil der Anhänglichkeit, die ihm jetzt bewiesen werde, er seiner Frau zu danken habe. „Keine jüdische Freude ist ungestört", fuhr er fort, „sein einziger Sohn sei durch schwere Krankheit am Beisein verhindert". (Auch sein Schwager war an demselben Tage schwer krank und starb am folgenden Morgen.) Oberrabbiner Dr. Adler verdiente entschieden die Anerkennung, die ihm gezollt wurde. Er dürfte kaum einen ebenbürtigen Nachfolger erhalten. Zur Stellung der Jude« im Mittetatter. Mit Streiflichtern auf Werner-Sombarts jüngstes Werk: «Die Inden und das Wirtschaftsleben." Bortrag gehalten im Verein zur Abwehr des Antisemitismus am 35. April 19li'!bom Bibliothekar Dr. Bernh. Münz. f .(Schluß.) In Gigland nahm öder:Honig seine Darlehen unter Verpfändung der Steuern und königlichen Kleinodien bei der Geistlichkeit ausi 1430 erhielt sogar die Westminsterabtei die königliche Krone als Pfand, so daß dieselbe vor dem Krönungstage erst bei der Abtei eingelöst werden mußte. ZM, nächsten- Jahra. hatten/, die. Einwohner von London die Bürgschaft zu übernehmen, daß die vom Erzbischof von Canterbury vorgestreckte Summe rechtzeitig ausbezahli werden würde. Die Rechnungsbücher des deutschen Ordens im Preußen, der einen ausgedehnten Warenhandel betrieb, bietem-uns auch Material zur Kenntnis des Geldhandels, mit dem er sich befaßte. Zur Sicherstellung der Ansprüche des Ordens wurden die verschiedensten Mittel in reichem Maße angewendet, als da sind Bürgschaften anderer Leute oder der betreffenden Obrigkeiten des Schuldners, Eintragungen in die Schöffenbücher, Verpfändung von Häusern, liegenden Gründen und Waren, Arrestierungen von Gütern und Schiffen. Auch hielten es die Großschäffer durchaus nicht für ihre Pflicht, besonders mäßige Bedingungen zu stellen, sondern sie nützten ihre Vorteile in jeder Weise aus. Die kirchlichen Darlehensbanken nahmen höhere Zinsen von ihren Schuldnern, als sie ihren Einlegern zahlten. Jo, noch mehr! Sie behielten die Pfänder, mochten sie auch weit die Höhe der Schuld übersteigen, bei der geringsten Zahlungssäumnis der Schuldner als verfallenes Eigentum zurück. Wie Geistliche, so nahmen auch Weltliche an der Auswurherung der Bevölkerung teil. Der Zinswucher war eben im Mittelalter eine allgemeine verbreitete Erscheinung. Der tatsächliche oder gar gesetzlich gestattete Zins einheimischer Wucherer war in der^Regel nicht niedriger, sondern noch höher als der Zins , bei den Juden. Diese wurden vielfach bevorzugt und gegenüber christlicher Konkurrenz geschützt. Man sah sie gern in. den Städten. Augsburg und Regensburg führen als Grund des Judenschutzes an: Sie seien nützliche Bürger und dem gemeinen Männe unentbehrlich; denn die Einzeldarlehen, die sie "gewährten, stellen sich durchaus nicht als eine Ausbeulung der Notlage dar. In Florenz wurden vor Zulassung der Juden exorbitante Zinsen für Darlehen gegezahlt. Wie groß der Schwarm von christlichen Wucheren im Anfang des 13. Jahrhunderts in Italien ist, bezeugt der bekannte Ausspruch des Papstes Innozenz, daß die Verhängung von Kirchenstrafen über dieselben mit der Schließung der Kirchen gleichbedeutend wäre. Schon die Tatsache, daß man den Juden bei ihrer Berufung nach Italien im Jahre 1430 Zinsen von 200/0 zu nehmen gestattete und davon eine Besserung der bisherigen Kredirverhältnisse erhoffte, beweist, welche Höhe der Zinsfuß erreicht hatte. Bald erfolgte freilich ein Rückschritt und 1469 wurden die abgelaufenen Konzessionen der Juden nicht mehr erneuert und das Leihgeschäft überhaupt zum Stillstände gebracht. Die Geldbedürftigen waren gezwungen, sich nach Prato und anderen Orten zu wenden, um gegen Pferde Geld zu bekommen, und zwar zu 30 Perzent. Dieser Zustand dauerte so lange, bis man den Juden wieder das zinsbare Darlehen gestattete. In Lindau am Bodensee trieben 1344 einheimische Bürger den Wuchergewinn bis auf 260 Perzent. Daher atmete die Bürgerschaft auf, als sich ein jüdischer Wechsler niederließ, der jene Christen beschämte und sich mit weit geringeren Zinsen begnügte. Das Gebaren der christlichen Bankhalter war umso sträflicher, als sie nicht wie die jüdischen, für häufige, durch Erpressungen und Beraubungen erlittene Verluste sich schadlos zu halten hatten. Im Jahre 1236 wollte König Ludwig IX. von Frankreich dem Wucher der Juden ein Ende machen; aber seine Barone erklärten, es fei besser, jüdische Wucherer zu dulden als christliche, die ihre Schuldner noch weit mehr drücken. Als Bernhard von Clairvaux 1146 während des 2. Kreuzzuges von der Verfolgung der Juden abmahnte, wies er auch darauf hin, daß da, wo es keine Juden gebe, die christlichen Wucherer, die man eigentlich gar nicht mehr Christen nennen könne, es noch übler als die Juden trieben (pe^us Mdaiöare). Einer der besten englischen Patrioten seiner Zeit, der gelehrte Bischof Grosseteste von Lincoln, erklärte ebenfalls in seiner letzten feierlichen Ansprache den Wucher der Caorsinen für schlimmer als den der Juden. Und Döllinger läßt sich in seinem berühmten Vortrage über die Juden in Europa dahin vernehmen, daß die Wirksamkeit der Juden als Vermittler des Geldverkehrs, im ganzen genommen, vielfach eine wohltätige und damals unersetzliche war. Es darf nicht vergessen werden, daß der hohe Klerus dem Wucher der Juden Vorschub leistete. Vor dem energischen Auftreten des Papstes Gregor VII. gegen die Simonie ward der Handel mit geistlichen Aemtern im weitesten Umfange betrieben. Die geistlichen Herren, die nach reichen Pfründen angelten, mußten vor allem bestrebt sein, über Bargeld zu verfügen. Sie wandten sich gewöhnlich an die Juden, in deüen sie ihre rettenden Schutzgeister sahen. Außerdem waren sie durch die mit ihrer Stellung verbundenen übermäßigen Ausgaben nicht selten genötigt, in Verbindlichkeiten gegen die Juden zu treten. Zum Danke dafür unterstützten die Kirchenfürsten ihre Gläubiger in der Auswucherung der Bevölkerung ihrer Gebiete. Manche Kirchenfürsten trieben sogar mit Kirchensachen Handel, wobei sie zur Vermittlung desselben ihre Juden heranzogen, um so die Schmach dieses Handels von sich abzuwälzen und die Gefahr den Juden aufzubürden. So schickte der Erzbischof Guifred im 12. Jahrhundert goldene und silberne Kirchengesäße an jüdische Goldarbeiter, um sie einzuschmelzen und das Metall für seine Rechnung zu verkaufen, Abteien verpfändeten an die Juden Kreuze, Chorröcke, Meßgewänder, Kandelaber, Kelche, Evangelienbücher usw. Gleichwohl eiferte der Abt Peter von Clugny 1146 nicht etwa gegen die eigentlich Schuldigen, gegen die Geistlichen, welche, um sich Geld zu verschaffen, die Heiligtümer veräußerten, sondern gegen die Juden, welche „ihre Kontore mit kostbaren Waren, ihre Kisten mit Gold und Silber füllten .... und, durch ein diabolisches Gesetz christlicher Fürsten begünstigt, mit heiligen Sachen einen schändlichen Handel treiben" (ketri epistolae bei Bouquet, p. 642: Lex iam vetusta, sed vere diabolica, ab ipsis christianis principibus, processit ut si res eeclesiastica vel . . . aliquod sacrum vas apud Judaeum repertum fuerit, nee rem saerilego