Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 29 (21.7.1911)
- Date
- 1911-07-21
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021927-3021957--20362-3045397- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 476 Nr. 29 Dr. Wuchs WochmMrift söulichkeitüb er strahlt den äußeren Glan z".) — Was den Vortrag betrifft, wird in Deutschland viel gemimt und „gekainzt", wie man früher zu sagen Pflegte. In Oesterreich dagegen wird in dem Prediger in erster Reihe d e r Rabbiner gesehen, von welchem neben dem reichen Inhalt ei» gemessener Ton, frei von jeder Abirrung, verlangt wird, getreu der Anschauung Goethes: „Es trägt Verstand und ernster Sinn - Mit wenig Kunst sich selber vor!" — Das Judentum der Gegenwart besitzt Kanzelredner, die vor Freund und Feind sich hören lassen könne », Die „jüdische" Zeitung des Herr» Lneian Brunner. Vor vierzehn Tagen erhielten wir von einem angesehenen Mitglied der israelitischen Kullusgemeinde einen Bericht über die Vermählung einer Tochter des Herrn Lucian Brunner, die einen Marine-Osfizier geehelicht und deren Trauung in der protestantischen Kirche Wien, I., Dorotheergaffe stattgefunden hat. Der Bericht erwähnte, daß bei der Familienfeier im Hotel rS a ch e r der Brautvater Herr Lucian Brunner einen humoristischen Toast hielt, welcher „bei sämtlichen Festteilnehmern außerordentlichen Beifall und Heiterkeit ausgelöst hat".' Sonst enthielt er keine Worte der Kritik. Der Einsender meinte, bei der Stellung des Herrn Lucian Brunner in der jüdischen Oeffentlichkeit beanspruche seine Mitteilung ein erhöhtes Interesse. Wir haben iudeß den Abdruck jenes Berichtes abgelehnt und in einer Brieskastennotiz dem Einsender empfohlen, seine Mitteilung der „Jüdischen Zeitung" zuzusenden. Die „Jüdische Zeitung" ist das Organ des Herrn Lucian Brunner, wird von ihm mit beträchtlichen Mitteln subventioniert. Ohne die Zuschüsse des Herrn Lucian Brunner könnten weder die Redakteure noch der Drucker der „Jüdischen Zeitung" bezahlt werden. Bei dieser Stellung des Herrn Lucian Brunner zu jenem Blatte konnte man mü Recht erwarten, daß eine Meldung über die Vermählungsfeier iu seinem Hause der „Jüdischen Zeitung" besonders willkommen wäre. .Unter den obligaten Schmähungen werden wir nunmehr bttehrt, daß wir „wieder einmal eine verleumderische Verdrehung der Wahrheit" begangen haben, denn es handle sich lediglich um „seine aus einer christlichen Ehe stammende und als Christin geborene Stieftochter". Allein da es eine Stieftochter des Herrn Luciau Brunner ist, so hätte man doch — so meinten wir naiver Weise — einen Bericht über ihre Vermählung in Leu Spalten der „Jüdischen Zeitung" erwarten dürfen. Deren Leser hätte es vielleicht auch interessiert zu erfahren, wie Herr Lucian Brunner zu „seiner aus einer christlichen Ehe stammenden und als Christin geborenen Stieftochter" gekommen ist? Die „jüdische" Zeitung ist sonst hinter jedem Judenmädel her, welches einen christlichen Ehegespons sich crlürt, um mit aller Genauigkett die Herkunft, die Verwandtschaft und sogar die fteundschastlichen Beziehungen der Betreffenden festzustellen. Wenn z. B. ein Fräulein Anna Schneeberger in einen arischen Ministerialvizesekretär sich verliebt, so beeilen stch die mtt dem Gelde des Herrn Lucian B r u n n e r bezahlten Redakteure der „jüdischen" Zeitung sicher herauszubringen, welchen Namen der betroffene Ministerialvizesekretär tragt; bei dieser wichtigen Feststellung wird auch bemerkt, daß es sich um eine Tochter des Hof- und Gerichtsadvokateu Doktor Wilhelm Schueeberger handelt, welcher — das ist jedenfalls die wichtigste Pointe der „Enthüllung" — mit Dr. Josef S. Bloch „intim" befteundet ist! Das wirft natürlich auf den Charakter und vielleicht auch auf die jüdische Gesinnung des Dr. Bloch das schlechteste Licht. Er ist mit Dr. Schneeberger „in intimer Freundschaft" und trotzdem (oder gerade darum?) hat sich dessen Tochter in einen arischen Ministerialvizesekretär verliebt! Dann hat auch ein Fräulein Marianne W e i s l einen protestauttschen Profeffor geheiratet. Marianne Weist, so meldet die „jüdische" Zeitung, ist die Tochter des Hof- und Gerichtsadvokaten Dr. Ernst Franz W e i s l! Dr. W e i s l ist allerdings nicht mit Dr. Bloch intim befreundet, im Gegenteil, er war ein Mitarbeiter Theodor Herzels. Allein Dr. W e i s l ist dann Vorstandsmitglied des Jüdischen Kolonisationsvereines geworden, in welchem auch der Präsident der israelitischen Kultusgemeinde Herr Dr. Alfred Stern Sitz und Stimme hat. Darum also! So wiffen die klugen Soldschreiber des Herrn Lucian Brunner die feinsten und intimsten Zusammenhänge aufzuspüren und bloßzulegen und alle Geschehnisse nach den unabänderlichen Gesetzen von Ursachen und Wirkung zu erläutern und aufzuklären. Die Leser der „Jüdischen Zeitung" werden dadurch pädagogisch erzogen, die innersten Motive der äußeren Vorgänge richtig zu erfassen und zu würdigen. Nur eines wurde bis jetzt den Lesern der „Jüdischen Zeitung" nicht offenbart, sondern gefliffentlich verschwiegen — nämlich, daß Herr Lucian Brunner selber eine Christin sich zur Gemahlin erkoren hat, sogar eine gute Christin, welche der christlichen Religion nach wie vor recht anhänglich ist. Wenn über die Gattenwahl der Marianne W e i s l und der Anna Schneeberger so genau und ausführlich deü Lesern rapportiert wird, wenn man sich die'Mühe'nicht verdrießen ließ, festzustellen„ wer die Erwählten der jungen Damen find, wie sie heißen und welches Metier sie ausüben, so wäre es vielleicht auch -nur recht und billig, gelegentlich^ mit' der gleichen Genauigkeit festzustellen, welche Gattin Herr Lucian Brunner sich erwählt hat, welcher Abstammung sie ist und welcher Konfession sie gegenwärtig angehört. Herr Lucian Brunner ist für die „Jüdische-ZeituM" eine Persönlichkeit, mindestens so wichtig, wie Fräulein Anna Schneeberger und Fräulein Marianne Weisl. Er ist Parteihäuptling und Tempel vereins-V oÄst eh e r! Man sollte sogar glauben, daß die Leser der „Jüdischen Zeitung" für die Person und die Lebensschicksale des Herrn Lucian Brunner ein besonderes Interesse hegen und darüber genau und wahrheitsgetreu informiert zu sein auch einen gewissen Anspruch haben. Hinter dieser berechtigten-Neugierde einem mephistophelischen Gedanken, „den Zionismus zu vernichten", zu vermuten, ist unangebracht. Ueberhaupt die sonderbare und gemischte Gesellschaft, die sich in Wien unter Führung des Herrn Brunner gestellt, mit dem Zionismus selber zu identifizieren, scheint denn doch eine Anmaßung; die Aufgabe, „den Zionismus zu vernichten", hat übrigens bis jetzt das Organ des Herrn Lucian Brunner im eigenen Wirkungskreise bestens besorgt. Oberrabbiuer Dr. Hermann Adler. - Aus London kommt die telegraphische Mitteilung von dem Hinscheiden des Oberrabbiners Dr. Hermann Adler. Oberrabbiner Dr. Hermann Adler ist im Mai 1839 zu Hannover geboren als Sohn des Oberrabbiners Nathan Markus Adler.Im Dezember 1862 hat er an der Universität Leipzig das Doktorat gemacht. Seit 1891 war er Chefrabbiner der vereinigten jüdischen Kongregationen in England. Der Verstorbene genoß eine hohe Autorität nicht bloß innerhalb jüdischer Kreise; auch außerhalb des Judentums und in den höchsten Staatskreisen nannte man seinen Namen mit hoher Achtung. Er galt als Repräsentant der gesamten englischen Judenheit. Das zeigte sich auch im Juni 1909 bei Gelegenheit der Feier, welche das Londoner Judentum aus Anlaß des 70. Geburtstages seines Oberrabbiners veranstaltete. König Eduard VII. hatte telegraphisch seine Gratulation gesendet und die Universität ' zu Oxford ernannte ihn zu ihrem Ehrendoktor. Angefangen vom 16. Juni erschienen Deputationen der Provinzgemeinden jeden Tag in der Wohnung des Oberrabbiners bis zum 10., der für den eigentlichen Festtag angesetzt war. Ungefähr 3000 Menschen erschienen zu dem Empfange, den Lord Rothschild, der Präsident der United Synagoge, zu Ehren Dr. Adlers gab. Der Empfang war von 4 bis 7 Uhr nachmittags angesagt und auf der ganzen Linie der Stadtbahn konnte man es merken, daß das Londoner Judentum in Bewegung ist. Polnische Juden mit langen Röcken und Bärten, ganz englische Juden ohne Bart und ohne Schnurrbart, jüdische Adelige und jüdische Makler. Alles strömte und drängte nach dem eine