Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 28 (14.7.1911)
- Date
- 1911-07-14
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 468 Nr. 28 Dr. Vlochs Wochenschrift jeden Schatten und zeigt in verllärtem Lichte die Vergangenheit. Würden wir vielleicht heute von den Gräbern unserer Vorjahren die Steine heben, die herbgeschlossenen Lippen entsiegeln, mancher Mund würde erzählen, daß die dangen Fragen und Konflikte sich genau früher so vollzogen wie heutigentags und daß unsere Vorfahren ebenso oft vor Rätseln standen, wie wir. Es ist uns nicht gegeben, trotz unserer Hingebung! und Liebe unseren Kindern Leid und Enttäuschungen zu ersparen, denn das Leben fordert von jedem einzelnen einen bestimmten Tribut in Schmerzen. Doch etwas gibt uns das Schicksal an die Hand, durch die Erziehung die jungen Menschen zu stählen und sie festzumachen gegen all die tausend Einflüsse, die ihrer glücklichen Entwicklung hchnmend entgegentreten. Der Erzieher hat die große Aufgabe, jedes kleine Moment in Betracht zu ziehen, das ihm hilft, auf diesem Wege vorwärts zu kommen. Jede Anregung darin, mag sie noch so bescheiden, so unbedeutend sein, muß Beachtung finden, denn das Erziehungswerk verlangt nach tausend Richtungen hin ausgestaltet zu werden, die Kinderseele ist ein zartes, feines Retz, aus zahllosen Fäden gewebt. Wie oft kann ein Moment mangelhafter lleberlegung, ein rohes Eingreifen dieses Gewebe zerstören, daß es nie mehr zu völliger Harmonie ausreift. So 'möchte ich im Anschlüsse an diese Betrachtungen auch ein Wort hier an dieser Stätte sagen, das vielleicht anregend und fördernd wirken kann. Der Alltag mit seinen mannigfaltigen Aufgaben nimmt uns gefangen. Jeder versucht bis zum äußersten seine Pflicht zu tun, wir haben kaum Zeit, allen Anforderungen Herr zu werden, der Abend findet uns müde und abgespannt nach Ruhe oder nach Erholung dürstend. Ein gedeihliches Zusammenleben der Eltern und Kinder in der Woche hört fast ganz auf, jeder ist mit sich selbst beschäftigt. Den Ruhetag, die Sabbathweihe kennt man nur noch vom Hörensagen. Der moderne Mensch lächelt vielleicht über die ihm zugemessene Bedeutung und meint, daß es keines besonderen Tages und keiner besonderen Stunde bedarf, um wirllich andächtig gestimmt zu sein. Ein Kunstgenuß, ein hoher Gedanke, eine ideale Freude können Andachtsstimmung herbeiführen, die rein und edel ist und über alle äußere Rot und Sorge für eine Spanne Zeit hinweghebt. Es ist nicht nötig, darin sich noch Zwang aufzuerlegen. Wer noch dazu gereift ist, sich eine Weltanschauung selber geschafft zu haben, dem werden solche Mittel, wie der Ruhetags, nur zwingend erscheinen, seine Seele ist nicht gestimmt auf die äußeren Töne, sie gehorcht anderen höheren Gesetzen. Diese Anschauung ist gewiß in mancher Beziehung berechtigt. Ich möchte nur sagen, daß einem Kinde, einer erwachenden Seele, einer beginnenden Entwicklung Gelegenheit gegeben werden mutz, um jene Weihes jene Seelenruhe zu empfinden, wie sie der gereifte Mensch oft üKd durch verschiedene Ursachen empfängt. Die Freitagabendfeier nach altjüdischer Sitte bewegt heute noch Herz und Seele dessen, der fte in ihrer ganzen Poesie und Schönheit genossen. Die segnenden Hände unserer Eltern glauben wir, nach Jahren noch auf unserm Haupt zu fühlen, ein Hauch des Friedens, des einst so heimlich stillen Kinderglücks kommt wie eine weiche Welle über unser müdes, sorgenschweres Herz. Wir erinnern uns wehmütig, wie wir in solchen Momenten unsere Arme in jäh aufwallender Zärtlichkeit hm die Gestalt der geliebten 'Mutter geschlungen wie wir die Hand des Vaters fester gefaßt der Halt, den sie uns gegeben, ist uns damals wohl nur instinktiv zum Bewußtsein gekommen. Doch unser ganzes Empfinden umschloß sie mit Innigkeit, und ihre mahnenden Wortein solchen Augenblicken, ihre Liebe und Zärtlichkeit prägten sich unauslöschlich uns ein. Unsere Gedanken fanden dann leicht den Weg über die Lippen. In hingebendem Vertrauen suchten wir den Pfad zu ihrem Herzen. Eine innere Ruhe, ein freieres Aufatmen löste den Druck, der auf unserer Seele gelastet. Sabbathfrieden umhegte, wie eine feste Mauer, unser stilles Heim, unser Herz und schaltete fremde, feindliche Eingriffe aus. So war es einst, so sollte es heute sein. Äm Glanz der geweihten Kerzen mögen die Eltern ihre Kinder segnen, doch bevor sie die Hände auf ihr Haupt legem Mögen sie sich prüfen, ob sie auch würdig sind^ diese hohe jdeale Pflicht zu erfüllen. Wie der Hohe Priester nach langer Vorbereitung und Selbstprüfung sich in das Allerheiligste begibt, um den Segen Gottes für das Volk zu erflehen, so sollen sie in die stillen tiefen Kammern des Herzens, der Seele Einkehr halten und sich fragen, ob sie würdig sind^ den ihnen kom Schöpfer anvertrauten Wesen den Segen zu geben. Die Stimme des Gewissens wird mahnen. Wie oft leiten falscher Ehrgeiz, zu große Nachsicht!, Strenge, Ungeduld, Heftigkeit, Egoismus und Engherzigkeit ihren Einfluß auf die Kinderherzen. Wie oft werden sie, durch den Zwang äußerer Verhältnisse und Anregungen ihren Vorsätzen untrem Wie oft betrachten sie ihre Kinder als unumschränktes Eigentum, knechten Herz und Seele und vergessen, daß diese Kinder nur geliehene Güter sind, daß sie Rechenschaft einmal dem Schöpfer über die ihnen Anvertrauten geben müssen. Rach solcher Einkehr mögen wohl die Ellern anders vor ihre Kinder, treten. Die Liebe und das hohe Bewußtsein der großen übernommenen Verantwortlichkeit lassen sie besser erkennen und handeln. Sie suchen in ,der Kindesseele zu lesen und sie finden das rechte Wort, das ihnen die Thora zu dem Heiligtum öffneh zu dessen Hüter sie bestimmt sind. Vertrauen, Offenheit, Achtung und Liebe keimen und wachsen in beider Herzen und jeder neue Segen, jede stille Stunde der Einkehr, der Aussprache wirken auf die langsam aufgehende Saat befruchtend. Die Eltern lernen immer mehr ihre Kinder kennen. Sie dringen tiefer in ihr Wesen ein, sie werden hellsehend' und finden das rechte Wort, den rechten Weg zur Führung. Die Kinder lernen ihre Eltern begreifen, stehen in Ehrfurcht vor dem großen Mysterium opfermütiger, alles vergessender, hingebender Liebe und horchen auf, denken nach, prüfen und ordnen sich scheinbar willig unter. So wachsen sie auf und entwickeln sich zu freien, offenen Wesen, die trotz edlen Selbstbewußlseins doch gelernt haben, einen Tadel zu ertragen, eine Enttäuschung hinzunehmen. In diesem Sinne wäre das Festhalten an die edle altjüdische Sitte des Segens der Eltern am Freitagabend kein Rückschritt. Es wäre ein doppelter Dienst, ein -Gottesdienst und ein Menschendienst, ein Mitarbeiten an der Kultur, an der ganzen Entwicklung des Menschesntzeschkechtes. Denn die höchste Ausgabe, die uns geworden, ist es doch, edle, freie Menschen zu erziehen, die festen Fuß im Leben fassen, die gestählt sind, allen Stürmen, allen Bitternissen standzuhalten, die, wenn sie auch in ihrer Entwicklung auf eine höhere Stufe gelangen, doch nicht vergessen, daß die Eltern es gewesen^ die die Saat gesät zu allem, was in ihnen zu edler Vollkommenheit gereift ist.