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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1911-07-14 · 28 (14.7.1911) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
28 (1911)
Issue
28 (14.7.1911)
Date
1911-07-14
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 28 Dr. Bkochs Wochenschrift Seite 4«S Wer die elenden Lehmhütten der ländlichen Bevölkerung in der Bukowina kennt, wird es vielleicht nicht beklagen, daß sie durch das Eingreifen des wilden Czeremosz vom Erdboden verschwunden sind; aber wer wird den Betroffenen neue Unterkunft schaffen? wer wird ihnen die weggeschwemmte Habe ersetzen? Staat und Land werden den Verunglückten beispringen; man wird hoffentlich in aller Eile Baracken errichten, um die so schwer Heimgesuchten vor den Unbilden der Witterung zu schützen. Aber dann? Was soll mit all den entwurzelten Existenzen geschehen? Die jüdische Wohltätigkeit hat bis jetzt gegen das Elend in der Bukowina hartnäckig die Augen geschloffen. Als im November vorigen Jahres die Vertreter der großen jüdischen Wohlsahrtsgesellschaften, der Jca, des Deutschen Hilfsvereines, der Baron Hirsch- Stiftung, der Pariser und Wiener Allianz, im historischen Sitzungssaale der Wiener Kultusgemeinde zusammenkamen, um über eine Hilfsaktion für Galizien zu beraten, antwortete man mir auf die Frage, warum die Bukowina ausgeschloffen wurde, man verstehe unter Galizien stillschweigend auch die Bukowina. Zu meinem großen Leidwesen mußte ich im Laufe der letzten 8 Monate erfahren, daß die Bukowina diesen Vorzug nicht genießt. Die Jca hat bis jetzt nicht eine einzige Darlehenskasse, der Hilfsverein nicht eine einzige Industrie für die Bukowinaer Juden ins Leben gerufen! Braucht man heute erst zu beweisen, daß die Bukowinaer Judenheit mindestens so dringend wie die Judenheit Galiziens der Hilfe bedarf? Angesichts des namenlosen Elends, das die Hochwafferkatastrophe über die Juden der Bukowina gebracht hat, muß schleunigste Hilfe geschafft werden. Die großen Wohlfahrtsgesellschasten müssen; eingreisen, aber auch der Einzelne soll sein Scherflein beisteuern zur Linderung der beispiellosen Not. Eine rasche, großzügige Hilfsaktion vereinter Kräfte ist am Platz. Leon Kellner. Juaugnrierung der Kultusgemeinde Salzburg. Der 2. Juli 1911 wird fortan in der Geschichte der Salzburger Juden als Ehrentag bezeichnet werden können, denn er hat den Beweis erbracht, daß Ausdauer und Festhalten an dem erstrebten Ziele alle Schwierigkeiten und Hinderniffe überwindet; er hat aber auch bewiesen, daß eine Kultusgemeinde in Salzburg nickt nur existenzberechtigt, sondern auch existenzfähig ist, wenn die Mitglieder der Gemeinde es nur wollen. In der festlich geschmückten Synagoge versammelte sich um V» 12 Uhr vormittags die ganze Gemeinde zu einer schlichten, würdigen Feier. Als Vertreter der k. k. Landesregierung war Herr Hofrat Freiherr v. Myrbach erschienen. Ferners waren die beiden Vorsteher der Kultusgemeinde Linz, Herren Schwager und Dr. Schneeweiß, Herr P o l l a k als Vertreter der Kultusgemeinde Steyr, eine Deputation des evangelischen Presbyteriums mit Herrn Pfarrer Dr. Fußgänger, Herr Hofrat und Finanzprokurator Dr. Medicus und Herr Gemeinderat Architekt Z i ck l e r als Vertreter anwesend. Nach Abfingung des Na towu durch einen in kurzer Zeit gebildeten Chor nahm Herr Rabbiner Adolf Altmann das Wort zur Fest predigt. In formvollendeter Weise gab er ein anschauliches Bild über die Geschichte der Juden in Salzburg vom Mittelalter angefangen, schilderte kurz deren Leiden und Verfolgungen, aber auch ihre Glaubenstreue, besprach die Ansiedelungen in neuerer und neuester Zeit, dankte den Bemühungen der heutigen Generation, den staatlichen und autonomen Behörden für ihre werktätige und wohlwollende Unterstützung, allen voran aber dem Förderer alles Edlen und Guten, Sr. Majestät dem Kaiser. Mit dem Gebete um Segen für das Gedeihen der neuen Gemeinde schloß die herrliche Festpredigt. Der Chor sang den 43. Psalm von Mendelssohn, worauf Herr Rabbiner Altmann ein deutsches Weihegebet sprach und sodann vorgeöffneter Bundeslade das Kaisergebet verrichtete. Mit der Volkshymne schloß die erhebende Feier, die allen Teilnehmern in steter Erinnerung bleiben wird. Abends fanden sich die Mitglieder der Gemeinde zu einer zwanglosen Unterhaltung im Kurhause zusammen, die in angenehmer Weise das Fest beschloß. Möge die neue Kultusgemeinde wachsen, blühen und gedeihen und ein nützliches Glied in der Reihe der bestehenden Gemeinden bilden. Die Situation in Drohobycz. In Drohobycz zieht allmählich wieder die Ruhe ein. Beruhigend wirkte es. daß der Bezirkshauptmann Plankiewicz und der Kommiffär Liskowsky, gegen welche die meisten Beschuldigungen erhoben wurden und gegen sie daher auch die Erbitterung am größten war, bis auf Weiteres von ihren Aemtern suspendiert wurden. Man glaubt nun im Allgemeinen, daß die Untersuchung über die Vorgänge am Wahltage unparteiisch und unbeeinflußt werde geführt werden können. Auch sonst beruhigen sich die Gemüter allmälig und der Verkehr zwischen den Anhängern der einzelnen Parteien hat sich wieder eingestellt. Der Versuch, diejenigen Kaufleute, sowie insbesondere die Gruppe der Fischhändler, welche als Anhänger Doktor Löwensteins bekannt find, geschäftlich zu boykottieren, mißlang, und so ist anzunehmen, daß die Bevölkerung sich nunmehr ernstlich der Frage zuwenden werde, in welcher Weise die Hinterbliebenen der Opfer, insbesondere die zahlreichen Waisenkinder einer gesicherten Existenz zugeführt werden könnten. Wie uns aus Drohobycz mitgeteilt wird, dürfte es auch bald zu einer Einigung zwischen beiden Hilfskomitees kommen. Dies ist umso notwendiger, als die gesonderte Tätigkeit der beiden Komitees schon jetzt bei der Verteilung der momentanen Hilfe an die ihrer Ernährer beraubten Familien verschiedene llngelegenheiten verursacht, durch welche ein Teil der Betroffenen geschädigt ist, während Andere von beiden Komitees Unterstützungen erhalten. Berlin. Die Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums versendet soeben einen Halbjahresbericht. Sie hat seit dem Beginn dieses Jahres einen neuerlichen Zuwachs von 100 Mitgliedern zu verzeichnen. Von der Talmudischen Archäologie von Profeffor Dr. S. K r a u ß (W i e n) ist der zweite Band erschienen; der dritte Band dieses Werkes, sowie gleichfalls der dritte Band der ^Neuesten Geschichte des Jüdischen Volkes" von Professor M. Philippsohn (Berlin), der insbesondere die Geschichte der Juden in Rußland behandelt, befinden sich unter der Presse. Eine Reihe von der Gesellschaft subventionierter Werke find gleichfalls erschienen, von denen die Geschichte der Juden in Marokko von I. M. Tolidano besondergenannt sei. Herr Rabbiner Doktor Klein (Dolnja-Tuzla), der von der Gesellschaft mit der Abfaffung einer „historischen Geographie Palästinas" betraut ist, hat mit ihrer Unterstützung eine Studienreise nach dem Heiligen Lande gemacht und ist von dieser mit mannigfachem Gewinn für seine Arbeit heimgekehrt. Im Winter dieses Jahres hofft die Gesellschaft den 1. Band der „Osrinania Judaica“ dem Druck übergeben zu können; dem Erscheinen dieses Werkes, deffen Probeartikel den Beifall und das Jntereffe der wissenschaftlichen und gebildeten Welt gefunden haben, wird mit großen Erwartungen entgegengesehen. Der Ausschuß der Gesellschaft hat am 2 >. d. M. eine kurze geschäftliche Sitzung abgehalten, in welcher die laufenden Angelegenheiten ihre Erledigung fanden und eine Reihe von Subventionen bewilligt wurden. Neu kooptiert wurden die Herren Profefforen Kalischer, Mittwoch und Sobernheim (Berlin) und Rabbiner Doktor Poznanski (Warschau). Als Termin der nächsten Ausschußsitzung und der Generalversammlung wurde der 2. Jänner 1912 bestimmt und Herr Dr. I. Elbogen (Berlin) mit dem Vortrag in der Generalversammlung beauftragt.

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