Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 28 (14.7.1911)
- Date
- 1911-07-14
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr 28 Seite 459 Dr. Bkochs Wochenschrift ganzen Linie. Die „Coucordia" war das Banner der Revolution, sie wurde in den Tagen des immerwährenden lauten und stillen Kampfes vorausgetragen und ihr Schlachtruf belebte die Herzen. Sie entstand in den Tagen schweren Ungewitters und im Kanonendonner erhielt sie ihre Feuertaufe. Juden waren es, die damals am Steuer saßen und lenkten, immer und immer wieder zurückgeworfen, aber nicht entmutigt durch die letzten Zuckungen eines unmöglichen und reaktionären Systems. Aus all diesen Fährnissen erhob sich dann plötzlich die österreichische Presse, losgelöst von allen früheren Kleinlichkeiten und geläutert und gefestigt durch die harte Schule der Unterdrückung. Waren die Repräsentanten des Vormärz ein literarisierender Schneider, wie Schickh, der die „Wiener Modezeitung" redigierte, der skrupellose Bäuerle mit seiner unsäglich banalen „Theater-Zeitung", oder Saphir, der mit seinem widerwärtigen Witz die Oeffentlichkeit terrorisierte, so trat jetzt an ihre Stelle die neue Jugend, voll von heiligem Feuer und durchglüht von den Idealen der Revolution... Wenn die Geschichte dieser Zeit gedenkt, dann darf sie die Namen der Juden Kuranda, Friedmann, Jellinek, L. A. Frankl, Gustav Heine nicht vergessen. Es waren die ersten Journalisten mit einer ernsten gefestigten Anschauung, die ein offenes Wort nicht scheuten. Der Strom der Begeisterung, der vom Dichter der „Universität" und seinen Genossen ausgiug, riß ein Heer fleißiger und opfervoller Juden hin, von denen nur der jüngstverstorbeue Max Falk, Friedländer, der Vetter Lassalles, Moritz Szeps, Theodor Hertzka, K. E. Franzos und Mosenthal, genannt werden sollen. Unsere Zeit, von nationalen Problemen erfüllt, bringt diesem vollen Einsatz so starker Persönlichkeiten'für eine allgemeine Sacke nicht mehr die richtige Wertschätzung entgegen. Wie dem auch sei, in ihrem Sinne, indirekt, waren auch sie für das Judentum tätig, es sind Namen, deren wir mit Stolz und Liebe gedenken dürfen. Seit diesem verheißungsvollen Jahre, wo die junge Freiheit aus blutgedüngtem Boden dampfte, haben die Juden der Presse unschätzbare Dienste geleistet. Sie haben es überdies verstanden, auch die wissenschaftliche Presse für die Allgemeinheit dienstbar zu machen, indem sie die exklusiv abgeschlossene Art, wie sie seinerzeit die Wissenschaftler Hormayr und Hammer-Purgstall pflegten, popularisierten und der Menge zugänglich machten. Es. ist daher ihr von der Geschichte verbrieftes Recht, in Oesterreich die führende Rolle im Journalismus zu spielen. Tatsächlich sind in Wien die einflußreichsten Posten von ihnen besetzt und wahrlich nicht zum Schaden der Presse. Was Benedikt, Bacher und Singer aus dem so oft verhöhnten Leitartikel gemacht haben, grenzt an Vollendung, wenn man Benedikts Verdienst, die Presse im Dienste der Nationalökonomie und Volkswirtschaft organisiert zu haben, nicht weiter berücksichtigt. Unter jüdischer Aegide hat die Journalistik in Wien ihren mächtigen Aufschwung genommen, sie verfeinerte sich, bemächtigte sich rasch aller technischen Errungenschaften, vervollkommnete ihr Nachrichtenwesen, so daß sie heute der Presse jeden Landes, soweit sie sie nicht überragt, ruhig an die Seite gestellt werden kann. Aber auch der künstlerische und literarische Teil der Zeitung hat durchgreifende Aenderungen erfahren. Eine eigene Note und komplizierte Art hat das Wiener Feuilleton. Zu einer subtilen und seinzisclierten Kunst erhoben, ging das Feuilleton von der bedeutungsvollen Art Daniel Spitzers aus, wurde geformt durch die innige Eigenart eines Theodor Herzl; I. I. David gab ihm seinen schwerblütigen Ernst, Sigmund Schlesinger seine joviale Plauderstimmung, Adolf Gelber die Fülle eines profunden, historischen Wissens, Felix Salten ein klügelndes Geistreiche!» mit virtuoser Stilsicherheit, Raoul Auernheimtr aber vermischte den galanten Duft französischer Grazie mit den berauschenden Odem Wiens. Und in diesem Reigen jüdischer Feuilletonisten darf man die größte österreichische Journalistin Elisabeth Glück, die Betty Paoli, nicht vergessen, wenn sie auch schon aus einer längst verklungenen Zeit stammt. Aber ihre monumentale Art ist auch für unsere Generation noch immer vorbildlich. Die sozialistische Parteipolitik und Presse wird, so ungerne es sich die Herren oft merken lassen, doch wieder nur von Inden vertreten — von Adler und Austerlitz, die die halbweichliche Wiener Art mit radikalem, sozialen Ernst flankieren. Nicht weniger radikal erscheint auch die spezifisch jüdische Presse in Wien, mit Ausnahme der konservativen Blätter, die lediglich den religiös-familiären Empfindungen vieler Juden dienen. Aber auch in der Literatur und Kunstkritik herrschen jüdische Namen vor wie: Julius Korngold, Robert Hirschfeld, Balduin Groller, Hugo Ganz, Rudolf Lothar, Siegmund und Bernhard Münz, I. F Seligmaun, Hermann Menkes, Peter Altenberg, Bertha Zuckerkandl n. v. a. Sie alle hier aufzuzählen, ist unmöglich. Diese Juden, die seit mehr als einem halben Jahrhundert die Presse in Oesterreich „hinaufarbeiten", haben sie zu einem bemerkenswerten Ausdruck des öffentlichen Lebens gemacht, zu einem Mentor für Politik, Kunst und Wissenschaft und neuesteus auch für alle Sozialwissenschaften. Hinter diesen tatsächlichen Erfolgen mußten sich die judenfeindlichen Bewegungen trotz ihrer physischen Uebermacht, der Oeffentlichkeit gegenüber, die auf Zeitungen angewiesen ist, in einem gewissen Dunkel abspielen. Am festgeschlossenen Ring der Wiener Presse, die ourchschnittlich liberal ist, brachen diese antisemitischen Anstürme und es mußten einige Blätter dritten Ranges gegründet werden, damit die Partei des Lueger zumindest eine schwache journalistische Vertretung erhalte. Wie diese aussieht, das konnte man bei dem nach Luegers Tode losbrecheuden Parteiuud Zeitungshader am besten erkennen. Was uns diese Parteidunkelmäuuer oft Mid oft genug vorwerfen, wiederholen wir daher gerne als ein Dokument jüdischen Geistes und jüdischer Schaffenskraft: Daß wir. das jüdische Volk, so sehr aller Macht beraubt und wirtschaftlich abhängig, doch kraft unserer geistigen Eigenart jedem öffentlichen Leben einschneidende Bedeutung geben. vom Zubrmarkt des Lebens. Antisemitismus und konfessioneller Friede. Unter der Maske der Antikorruption hat die antisemitische Partei in Wien sich zur gemeinsten Korruptionspartei entwickelt und ihre Führer, die als kleine Leute begonnen haben, wurden in wenigen Jahren zu vielfachen Millionären und bereicherten sich auf öffentliche Kosten. Die Diebe waren die Fahnenträger der wirtschaftlichen Moral. Und so ist es kein Wunder, daß die Antisemiten nunmehr auch für den konfessionellen Frieden schwärmen. Eine neue Bürgerpartei, die in Wien unter der liebevollen Patronanz des „Deutschen Volksblatt" hätte entstehen sollen, wollte Wien und ganz Oesterreich mit den Segnungen des konfessionellen Friedens beschenken, der bekanntlich aus Oesterreich geflohen ist, als die Christlich-Sozialen die konfessionelle Unduldsamkeit zum ersten Punkte ihres Programmes erhoben. Es sollte also Niemandem mehr seine Konfession zum Verbrechen angerechnet werden, Niemand mehr wegen seines G.laubens geächtet sein, alle Menschen würden Brüder! Es sollte einfach eine Lust sein, in dem Wien des konfessionellen Friedens zu leben. Der Protestant sollte, wenn er in einer katholischen Landgemeinde stirbt, nicht mehr in der Selbstmörderecke begraben werden, der Mohammedaner sich nicht als Heide beschimpfen lassen müssen, der Jude — halt, hier hört die Gemütlichkeit auf! So weit ginge die konfeffionelle Duldsamkeit doch nicht, die Juden wurden ausdrücklich von dem konfessionellen Friedensprogramm ausgeschloffen. In dem Programme der neuen Partei, das Herr Gemeinderat Gussenbauer im „Deutschen Volksblatt" formulierte, hieß es: „Die deutsche Bevölkerung Wiens wünscht auf den Boden des konfeffionellen Friedens unter den christlichen Bekenntniffen