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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1911-07-14 · 28 (14.7.1911) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
28 (1911)
Issue
28 (14.7.1911)
Date
1911-07-14
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 458 Dr. Blochs Wochenschrift Nr- 26 Juden zu befehden, vor Rovk machen sie aber eine tiefe Verbeugung. Das ist der Geist, der den deutschen Nationalverband beherrscht und es ist der echte Geist der Christlich- Sozialen- Da kann der Einzelne und kann eine kleine Gruppe nicht dagegen Auskommen, ob sie nun für oder gegen die Beschlüsse des Verbandes stimmen. Deutscher Agrarier und christlichsozialer Landgemeiudenvertreter ist genau dasselbe. ■ Es ist nun die große Frage, ob Männer von Geist und Kraft an diesem Joche angekettet bleiben wollen, ob der Fortschritt unter den Deutschen zur dauernden Ohnmacht verdammt bleibt. Ich will durchaus nicht daran erinnern, daß eine ganze Reihe deutscher Abgeordneter auch von Juden gewählt wurde, diesen feste Versprechungen gegeben hat und sie doch nicht betrügen und täuschen will. Zu diesen Männern gehören Sie, Herr Dr. Lecher, d'Elvert, Primavesi und noch Andere. Wenn diese Abgeordneten alle den Inden auch zu gar nichts verpflichtet wären — sich selbst sind sie doch verpflichtet, der Ehre ihrer Ueberzeugnng, ihrem Programm, ihrer Konsequenz. Der deutsche Nationalverband ist in der Masse rückständig, unehrlich, ohnmächtig, christlichsozial. Es ist kein Platz mehr darinnen für aktive, freiheitliche, moderne Politiker, wenn sie es ehrlich meinen, wenn es ihnen um mehr geht als um Mandate, um die sie sich übrigens nicht zu fürchten brauchten. Denn es gehört zur Rückständigkeit des deutschen Nationalverbaudes, daß er nicht erkennt, daß die Zeit der Rückständigkeit vorbei ist — wenigstens bei den Wählern. Mit bestem Gruß auch an Dr. Groß, Primavesi, d'Elvert u. A. Ergebenst Ein ehemaliger Zuhörer bei einer freiheitlichen Wahlrede. Me „Iudeupresse". Von Thekla Blech - Merwin. Sind die Deutschen das Volk der Bücher, so sind die Juden sicherlich das Volk der Journalisten. So wie die Natur jedem Geschöpfe die Waffen verleiht, die es zu seiner Verteidigung notwendig braucht, so hat jedes Volk die Fähigkeit ausgebildet, die es benötigt, uni sich im Kampfe der Völker untereinander zu erhallen. Die ewige Defensive, in der sich das Judentum befindet, hat ihm die moderne Waffe, die Feder, in die Hand gedrückt und es vermag sie mit Leichtigkeit und Energie zu führen. Es scheint aber auch, daß im Judentum sich infolgedessen eine besondere Disposition zur Polemik, zum aktuellen Journalismus überhaupt heraugebildet hat, denn bei keinem anderen Volke ist — relativ genommen — eine so große Jntelligenzbetätiguug auf diesem Gebiete zu finden, wie hier. Was die Antisemiten in Oesterreich mit den scharfen Augen des Feindes am frühesten sahen — den inneren Zusammenhang zwischen Judentum und Presse, die sieghafte Herrschaft des jüdischen Geistes auch im literarischen Leben — das können wir mit Stolz wiederholen. Und daß der Eintritt der Wiener Juden in die Journalistik mit deren unmittelbarem Aufschwünge zusammenfällt, ist kein bloßer Zufall.. Nicht nur die Juden, deren Namen noch heute Klang in der österreichischen Geschichte haben, tragen ihren redlichen Anteil.daran, sondern großes Verdienst gebührt auch den Nicht- Äkteuren, dem jüdischen Publikum, das durch einen gewissen verständnisvollen Einschlag seines Charakters die Masse bildete, auf deren Schultern die Presse aufstieg. Denn es ist eine jüdische Eigenart, daß, wer nicht gerade selbst journalistisch tätig ist, doch zumindest ein ganz außergewöhnliches und außerordentliches Interesse am Zeitungswesen nimmt. Wenn das österreichische Volk zu einem sogenannten „Zeitungsleben" erzogen wurde, so ist das das Verdienst seiner jüdischen Mitbürger, aus deren Jutelligenzreihen das Interesse für alles, was Journalismus und Literatur heißt, wie ein berauschendes Fluidum in die Massen strömte. Der Wert dieser Errungenschaft ist durchaus nicht problematisch, wie man früher anzunehmen geneigt war. Die Presse ist heute ein wichtiger Faktor unseres Kulturlebens geworden und sie hat sich über das Niveau einer täglichen Nachrichtenbringerin längst erhoben, sie ist die Stimme eines gewissen Teiles der Öeffentlichkeit und sie steht sowohl inhaltlich, als ihrer Form nach .so hoch, daß aus dem flüchtigen Tageseindruck etwas Bleibendes und Wertvolles geschöpft werden kann. Es ist unbestrittene Tatsache, daß die Presse in Oesterreich, mit Ausnahme der radikalen Parteiblätter oder der Sensationsblätter niederen Kalibers, für einen großen Teil des Publikums die einzige Quelle der Belehrung und Bildung darstellt und in diesem Sinne auch erzieherische Wirkung auszuüben imstande ist. Was nun die Juden betrifft, die vermöge ihrer intellektuellen Eigenart für die Tagesschriftstellerei geradezu prädestiniert scheinen, so war die Journalistik in Oesterreich das einzige Feld, wo sie nicht nur säen, sondern auch ernten dürften. Nicht viel mehr als ein Jahrhundert ist es her, seit sich die Presse in Oesterreich aus den primitivsten Anfängen erhob.'Es sah damals elend mit ihr aus. Im Jahre 1847 existierten in ganz Oesterreich 79 periodische Zeitungen und davon waren zwölf amtlich. Aber das Jahr 1848 hob wie ein junger Löwe das Haupt. Damals haben die Inden, die übe^ihaupt verdienstvollen Anteil an dem Achtundvierziger-Jahre nahmen, in schwerem Ringen mitgeholfen, der Presse Freiheit zu erobern und haben unermüdlich und tapfer um jeden Fußbreit Recht für sie gekämpft. Und^der röte März brachte, wenn auch noch nicht die Freiheit selbst doch schon das Morgenrot einer helleren Zeit. Von ha an datiert Ke Geburt des politischen Journalismus üstWien. Noch gab' es zwar Kämpfe und Kämpfe, aber nach diesem kräftigen Ansturm konnte die Freiheit wohl vertagt, nicht aber mehr aufgehoben werden. Noch war die unerhörte Preßgesetzgebung, die vom 1. Februar bis 18. Mai 1848 dauerte, zu überstehen, nach dem grellen Aufflammen der Revolution ein Ersticken der Glut unter der schweren Hand Windischgrätz' im Oktober 1848. Wieder ein Verbot sämtlicher Blätter bis auf das Amtsblatt, wenn auch, um ein wenig die Form zu wahren, eine willkürliche Kommission hie und da nach Gutdünken in der Provinz die "Herausgabe periodischer Zeitschriften gestattete. Und in Wien herrschte überdies Belagerungszustand. Aber der Stein war bereits unaufhaltsam im Rollen. Es dauerte noch ein Dezennium, zehn Jahre kamen voll niedergedrückter Stimmung, bis dann die Saat der Revolution endlich aufging. Es war damals, wie Heine sagt, eine niedergedrückte, arretierte Zeit. Und sie hat ihren unheilvollen Einfluß nicht nur auf die äußere Machtstellung der Presse ausgeübt, sondern auch deren moralischen Wert aufs tiefste herabgewürdigt. Es waren nicht nur Rechte^uud Freiheiten für die Presse zu erreichen, vor allem mußte gegen den inneren Verfall, gegen ihre Oberflächlichkeit und Gewissenlosigkeit auf's heftigste angekämpft werden. Wie unentwickelt und kläglich war einst die Haltung der Presse unter Josef II., später wie gedrückt, wie mutlos und wie empörend ihr geistiges Niveau in der Zeit vormärzlichen Vergnügungstaumels 1 In diesen Tagen des Vormärz, wo sie relativ Freiheit genoß, war sie verderbt und oberflächlich^ eine willfährige Dienerin des seichtesten Publikums, die Trägerin niederen Klatsches, geschmackloser Vergnügungssucht. Wenn man sich alle diese Perioden journalistischer Schmach ins Gedächtnis ruft, dann kann man erst ermessen, welcher Aufwand von Begeisterung und Tatkraft notwendig war, die Presse zu hem zu machen, was sie hente ift^. Damals war die „Concordia", über die man heute so gerne witzelt, weil sie tatsächlich bloß der Schatten ihrer früheren Bedeutung ist, nicht nur eine bloße Journalistenvereiniguna, sie war einmal das Bollwerk der jungen Freiheitskämpfer, das geistig unentbehrliche Rüstzeug der Revolution. Jedes Zugeständnis, das man den furchtbaren Paßgesetzen und Verordnungen abzwang, bedeutete einen Sieg auf der

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