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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1911-07-14 · 28 (14.7.1911) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
28 (1911)
Issue
28 (14.7.1911)
Date
1911-07-14
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Nr. 28 Dr. Bloch’s Jahrgang XXVIII Zentralorgan für die gesamten Interessen des Judentums- -n - Wien, 14. Juli 1911 Lrscbetnt jeden Freitag. Brief-Adreffe: Wien, IX/i, Hahngaffe 15. 9 Telegramm-Adresse: Bloch'S Wochenschrift, Wien. Oo-.. -.=0O p Vrrugsprri« fax Vestrrrri^r Q Halbjährig 8 Kronen; Einzelexemplare SO Heller. Für'» Ausland: Halbjährig 10 Krone». Ganzjährig 20 Kronen. Anzeigen: Die 4malgespal» tene Petttzeile 24 Heller. C OP -Oo o 0 o vo c\ A. ft. Pofisparftalsenanri (Neartng-Verkebr «r. 810.976. Redattion und Administration: Wien IX/i, Hahugaffe Nr. 15. O Telefon Nr. 14.847. w oP ■ -Oo Inhalt: Leitartikel: Herrn Otto Lecher, Reichsratsabgeordneter. — Die „Judenpresse". — Vom Jahrmarkt des Lebens: Antisemitismus und konfessioneller Friede. „Jüdisch" als Umgangssprache. Die europäischen Ma tte und die marokkanischen Juden. ' " Eine Beratung über das Sonntagsruhegesetz in England. Eine Aktion zugunsten der rumänischen Juden. — Zur Stellung der Juden im Mittelalter. — Korrespondenzen: Aus den Plenarsitzungen des Kultusvorstandes vom 20. Juni und 6. Juli 1911. Die Ueberschwemmung in der Bukowina. Jnaugurierung der Kultusgemeinde Salzburg. Die Situation in Drohobycz. Berlin. Die Militärmustk im Stadtgarten in Jerusalem. Die Volkszählung in Italien. Freikurse für hebräische Literatur an der Pariser Universität. Jahresversammlung des Rabbinerverbandes in Frankreich. Eine sensationelle Verhaftung in der Affäre des Knabenmordes in Kiew. Eine Konferenz jüdischer Emigrationsgesellschaften in Amerika. Lucien Wolfs Aufruf zu Gunsten der russischen Juden. — Vermischtes. — Feuilleton: Freitagabendsegen- — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Herrn Ott» Archer, Reichsratsnbgeordneter! Euer Wohlgeboren! Der Zweck meines heutigen Schreibens ist vor allem die Mitteilung, daß ein österreichischer Parlamentarier nach den letzten Vorgängen im deutschen Nationalverband einen sehr bissigen Scherz gemacht hat. Professor Masaryk ist es, der gesagt haben soll: „Die Christlich-Sozialen haben sich jetzt als ein .christlichsozialer Verband deutscher Abgeordneter konstituiert, die Deutschen aber als deutscher. Verband christlichsozialer Abgeordneter." In der Tat, nichts unterscheidet den deutschen Nationalverband von der christlichsozialen Partei, als die Abart der Rückständigkeit. Hier ist der Klerikalismus, der die reaktionäre Haltung beeinflußt, dort ein überlebter Rassendüakel, der krakehlt und sich in die Brust wirft und dabei ganz vergißt, daß nicht der Prahlhans das Jahrhundert und die Verhältnisse beherrscht, sondern Intelligenz und Arbeit. Sieht man von diesem einen Unterschied zwischen den beiden Verbänden ab, so wird man den Rest beiderseits vollkommen egal finden. Auch beim deutschen Nationalverband herschen dieselben Zustände, wie bei den wegen ihres Allerweltsprogramms ins Meer der Vergangenheit gesprengten Christlich-Sozialen. Städtische und agrarische, Unternehmer- und Arbeiterinteressen auf dieselbe schwarz-rot-goldene Leimspindel gepfropft. Sie werden gewiß nicht zum Blühen kommen, werden einander erdrücken, verdrängen, werden den Verband nutzlos machen, den Parlamentarismus diskreditieren, die Wählerschaft verdrießlich stimmen. So macht man keine hohe, keine befreiende und führende Politik, so macht man höchsten Geßmannische Haufen mit Mandatsversicheruug und amtlich privilegierten Baukredit. Um es anders zu machen, ist nicht etwa eine lange Suche nötig, sondern bloß die Erinnerung an ein Grillparzerwort: Die Zukunft ist das Tor, durch das die Vergangenheit wieder einzieht. Einst, ja einst waren die deutschen Abgeordneten eine Macht im Staate, eine Phalanx der Verfassung, bewährte und berühmte Vorkämpfer der bürgerlichen Rechte, deren Waffenschallseine Resonanz auf der ganzen Erde fand. Das war damals, als es nicht die Masse machte, sondern der Geist, als nicht der große Block der gedankenlosen Ja- und Neinsager über die Schicksale des Volkes und Staates zu entscheiden hatte, sondern die großen Männer nicht bloß die Vorsitzenden, sondern die Führer ihrer Parteien waren. Die großen Männer wagten es in Huttenmanier, auch furchtlos, nur ihrem Gewissen und ihren Wählern verantwortlich, gegen die eigene Partei aufzutreten, wenn daraus ein Schaden entstand. Es war nun ein riesiger Schaden für den freiheitlichen Gedanken, den jede der Gruppen im Deutschen Nationalverbande für sich besonders reklamiert, daß die Wiener Abgeordneten nicht mit möglichster Beschleunigung in den Nationalverband ausgenommen wurden. Bei den Kirchtumpolitikern im Verband galt nun einmal der Judenpunkt mehr als die Achtung vor den Wählern der Reichshauptstadt. Eine wahrhaft archaistische Ausgrabung und umso unwürdiger einer mit ihrer Kultur prahlenden Nation, als in gefährdeten Bezirken selbst deutschradikale Mandatswerber sich den Judenpunkt auf den eichelgeschmückten Turnerhut zu stecken pflegen. Ich will damit durchaus nicht sagen, daß die Wiener Abgeordneten etwa in den Nationalverband hätten eintreten sollen. In diesem Hort der nationalen Streitigkeiten, des Paktierens und Lavierens soll überhaupt kein wirklich freiheitlicher Abgeordneter eintreten. Im Gegenteil, soll er vielmehr austreten, Venn er schon drinnen ist und wenn ihn der Judenpunkt nicht dazu veranlaßt, so sollte das wenigstens durch die Affäre Zenker geschehen. Zenker ist kein Jude, keine Spur von Jude. Ich konstatiere das umso lieber, als ich kein falsches Konto mit der Blamage seiner abgelehnten Anmeldung belasten möchte. Persönlich hat sich Herr Zenker nicht gerade die Position verbessert und kommt für mich »irgendwie in Betracht. Aber der Nationalverband kommt in Betracht im Lichte dieser Ablehnung. Zenker wurde nicht ausgenommen, weil er zu freiheitlich war, weil er für die Freie Schule eingetreten iffc. Angeblich sind nun die Verbändler gegen die Römlinge ebenso wie gegen die Juden. Sie hätten aber den Schwarzen gar keinen ärgeren Streich spielen können als durch die Annahme eines Anwalts der Freien Schule. Sie straften aber ihr Programm Lügen, sie zeigten ihre tiefe Rückständigkeit zum zweitenmale, ihr Germanenmut reicht hin, die schwachen

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