Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 27 (7.7.1911)
- Date
- 1911-07-07
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3020846-3021927-3021955--20332-3045365- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Sette 44Y Dr. Brochs WochenMM Nr. 27 und so die Greuel einer unschuldig niedergemetzelten Masse plastisch vor Augen zu führen. ' Er gab aber auch in kurzen Zügeü ein Bild der gesamten wirtschaftlichen und politischen Entwicklung und. gegenwärtigen Lage der Juden in Galizien. Sodann hielt Herr Stein aus Lemberg in althergebrachter Weise ein D'arn ^>rr für die Gemordeten. Die würdige Feier und besonders die.Rede des Herrn Ior? Steiner," dem deshalb besonderer Dank gebührt, hatten die Wirkung, daß spontan im Saale eine Sammlung stattfand, die vorläufig zirka 450 Mark brachte. Das Schlußwort hatte Herr Dr. A. Musz eat, Reichenhall, der dem Referenten und dem Komttee den Dank der Versammlung aussprach. Besonders verdient machten sich um die Versammlung die Herren Max Gros, Budapest, Leon Reich, Lemberg, Sonderling, Brünn, Tannenbaum, Krakau, Frl. Gisela Anisfeld, Lemberg, Herr und Frau Pinkas, Bukarest. W. H. Nabbinerinstallatiou. Sonntag den 2. d. M. fand in Ersenstadt die feierliche Installation des neuen Oberrabbiners Herrn Dr. Hermann RIettt aus Braffo unter großer Feierlichkeit statt. In Anwesenheit der königlichen, fürstlichen und städtischen Funktionäre hielt Se. Ehrwürden, von dem Gemeindevorsteher Herrn Sigmund Brey er und den Ausschüssen gefolgt,- seinen Einzug in das festlich geschmückte, einem Blumenhaine gleichende Gotteshaus, um dort vor der versammelten Gemeinde seine Antrittsrede zu halten. Von allen' Weltrichtungen waren Festgäste gekommen, so daß das Gotteshaus die Menge der Besucher kaum fassen konnte. Das im edelsten Stile der französischen Periode erbaute Gotteshaus erhielt einen ganz besonderen Schmuck durch die an den Galerien und Wänden hängenden, kostbaren, zahlreichen Tempelvorhänge, Spenden der .PatriziersamilieN A u st e rlitz, Wolf, Schlesinger, Spitzer, Pollak, Brey er und zahlreicher anderer Spender. Besonderes Interesse erregte ein Meisterwerk der Goldstickerei aus dem 18. Jahrhundert von einem unbekannten Künstler, ein Tempelvorhang, in den edelsten Formen gehalten, von hohem Seltenheitswerte. Zum Gelingen der schönen Feier, zu dem die alten Gassen des festlich geschmückten Ghettos den ehrwürdigen, stimmungsvollen Hintergrund gaben, haben Herr Alexander Wolf, Mitchef des Welthauses Leopold Wolf, Söhne die Herren Fabrikanten Emil und Moriz Spitzer, Herr Moriz Schlesinger und zahlreiche Mitglieder der Gemeinde mit voller Hingabe ihr Bestes beigetragen. M. M. Zar Ferdinand und Deputierter Farchi. -Aus Sofia berichtet die „N. I. K.": Auf einem Ausflug, den Zar Ferdinand in die Umgebung Tirnowas unternommen hatte, befand sich unter den zahlreichen Gästen auch Deputierter Farchi. Farchi wurde von Zar Ferdinand in ein längeres Gespräch gezogen, und als er gelegentlich bemerkte, daß er der erste jüdische Deputierte sei, antwortete König Ferdinand sichtlich erfreut, daß er stets ein Anhänger des Prinzips der Gleichberechtigung aller Bürger Bulgariens, ohne Unterschied der Konfession und Nation, gewesen sei. ZuMeirmmg eines Preises. Die Akademie der Wissenschaften in Paris hat dieser Tage den Drouyn de Lhuys-Preis, in der Höhe von 2000 Francs, dem Rechtsprofessor Gaston May, für seine Arbeit über den Frankfurter Vertrag vom 10. Mai 1871, zuerkannt. Ableben des Schöpfers -er Gesetzesreformen in Egypten. In Kairo starb vorige Woche, im Alter von kaum 50 Jahren, der berühmteste Advokat Egyptens Alfred Ehalom. Er war ein unermüdlicher Vorkämpfer und Mitschöpfer jener Gesetzesreformen, auf welchen gegenwärtig der bürgerliche und soziale Frieden in Egypten ruhen. Die Schwindsucht m Ägypten und die! Juden. Vor einiger Zeit erschien ein Referat in Druck, das der städtische Arzt in Alexandrien Dr. M. Levy auf dem vorjährigen internationalen Tuberkulosenkongreß in Barcelona gehalten hatte. Dr. Levy ist der Begründer einer Liga zur Bekämpfung der Tuberkulose in Egypten und macht den interessanten Hinweis auf den Irrtum, der in Europa herrscht, wo man annimmt, daß Egypten frei von Schwindsucht sei. Dem sei nicht so. Hingegen erfahren wir von ihm die erfreuliche Tatsache, daß seine langjährigen Untersuchungen ergeben haben, daß zwischen den sephardischen Juden in Egypten, Palästina und der Türkei die Tuberkulose fast gar nicht vorhanden sei. Die Juden in diesen Ländern waren auch die ersten und lange Zeit die einzigen, die seine Vorsichtsmaßregeln strikte befolgten. Petersburg. Der Uebereifer der Provinzialbehörden gegenüber den Juden nimmt jetzt beunruhigende Dimensionen an. Der Tobolsker Gouverneur zum Beispiel verbietet plötzlich den auswärtigen Juden den Besuch des Tjumener Jahrmarktes, obwohl sie jahrzehntelang dazu zugelassen wurden. Ist jedoch diese Maßregel mit Rücksicht auf die daraus erstehenden wirtschaftlichen Gefahren vom Handelsministerium beanstandet worden, so daß sie möglicherweise noch rückgängig gemacht werden wird, so gilt dies nicht für die zahlreichen anderen Ausweisungen, die an der Tagesordnung sind. In Kiew ist die Ausweisung der zweihundert Apothekergehilfen nebst Familien, die Ausweisung von also insgesamt tausend Seelen, zu einer wahrhaften Kalamität geworden. Im ganzen Lande aber hört man von Gruppen Ausgewiesener, so neuerdings aus Kadiewka und aus dem fernen Wladiwostok, wo der Gouverneur die Behörden aufs strengste angewiesen hat, eine genaue Untersuchung des Wohnrechtes aller am Orte befindlichen Juden vorzunehmen und Unbefugte schonungslos auszuweisen. Schonungslos! Das ist ja jetzt die Parole aller russischen Verwaltungsbeamten gegenüber den Juden, seitdem neuerdings eine von „allerhöchster" Stelle gemachte antisemitische Randglosse alle judenhetzerischen Geister in Bewegung gesetzt hat. Eine Proklamation judenfresserischen Inhaltes, die neuerdings, in Massen angefertigt, in die verschiedensten Orte des Reiches versendet wurde, ist zwar offiziell verboten worden, aber sie findet gleichwohl ihre Weiterverbreitung. Aus Jekaterinoslav kommt die telegraphische Nachricht, daß die aufreizende Pögromproklamation sogar in den dortigen Zeitungsverkaufshallen unbeanstandet verkauft wird. Zugleich damit erfährt Man aus- Zaritzyn, daß der dortige Mönch Jliodor jetzt zu einem ehemaligen Steckenpferd, zur Pogromagitation, zurückgekehrt.ist und dazu die Kanzel in der schimpflichsten Weise mißbraucht. Da er aber ein Fanatiker von eminentem Einfluß ist, so verfehlen seine „Predigten" bei den abergläubischen Massen sicherlichihre Wirkung nicht. Rücktritt getaufter Juden in Rußland. Laut offizieller russischer Statistik sind vom 17. Oktober 1905 bis zum 1. Jänner 1909 im ganzen 409 Personen vom orthodox-russischen Glauben zum Judentum übergetreten. Es sind das fast ausnahmslos solche Personen, die vor dem Manifest über die Freiheit der Konfessionen vom Judentum zur russischen Kirche übergetreten waren. Die Erziehung der Zukunft von Rußland. Die Juden in Rußland haben naturgemäß ein großes Interesse daran, daß die kommende russische Generation eine Erziehung genieße, die für die Zukunft wenigstens Pogrome und Verfolgungen unmöglich mache. In trostlosem Lichte erscheint jedoch dieses Zukunftsbild, wenn