Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 26 (30.6.1911)
- Date
- 1911-06-30
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Nr. 26 Seite 428 Dr. WoKs Wochenschrift chm ihre etwas vorgeschrittene Jugend, so opferfreudig hingab, Heizte sich Lueger, als sie notleidend zu ihm kam, von einem geradezu brutalen Geiz, trotzdem ein falsimilierter Brief, der dem Buche Leigeheftet ist, beweist, daß er mit Zärtlichkeiten geradezu verschwenderisch sein konnte. Beteuerungen scheinen überhaupt das Einzige gewesen zu sein, womit der Bürgermeister nicht knauserte. Dafür aber ließ er die Geliebte an Beratungen politischer Art teilmhmen und sie fällte angeblich die endgiltige Entscheidung über den Vizebürgermeister. Zur Pompadour fehlt aber dem Fräulein Marianne Beskiba nicht nur die Schönheit, sondern auch Geist. Man kann sich somit von der politischen Ernsthaftigkeit, die im Rathause herrschte, ungefähr eine Vorstellung machen. Daß dieses idyllische Verhältnis mit einem brutalen Auftritt endete, den die Versasierin trotz ihrer gern betonten Frauenwürde uiederzuschreiben nicht scheut,. ist weiter nicht interessant. Bei einer Liebe, die sich in derartigen Formen abspielte, ist ein anderer Ausgang nicht zu erwarten und Lueger war, trotzdem ihn der „Christliche Frauenbund", den er wohlwollend seinen Harem nannte, backfischartig anhimmelte, nichts weniger als ein Troubadour. Was das betrifft, soll er überhaupt ein gutes Backhendel der Frau Ruzicka vorgezogen haben. Aber dieses Buch, dessen stärkste Seite nicht gerade Takt und Feinheit ist, schildert mit drastischer Offenheit auch die christlichsozialen Größen im Verkehr miteinander. Bon der gegenseitigen Verachtung, von dcm Wechselspiel plumpster Jntriguen macht man sich keinen Begriff. Herr Ernest Schneider, in der Partei unter dem lieblichen Namen „Der alte B'suff" bekannt, hebt durch seinen penetranten Alkoholduft die heitere Stimmung mancher gemütlichen Sitzung, in der Äer das Wohl und Wehe Wiens entschieden wurde. Wenn man sich hiezu noch die Gestalt des Herrn Bielohlawek denkt, so hat man die Günstlinge Luegers ungefähr kennen gelernt. Eine köstliche Figur ist auch der Känzleidirektor Mayer, dem zur Abfassung Lueger'scher Liebesbriefe die primitivsten stilistischen, orthographischen und grammatikalischen Kenntnisse fehlen. Es scheint überhaupt, daß das Rathaus die Hochburg der Ignoranz gewesen ist. Hauptsache war, daß die Bankette lustig verliefen, daß die Niese und die Glöckner vortrugen und daß mau den Sommer billig und ausgezeichnet bei guten Freunden verbrachte, „wo es Einen nichts kostete", wie es Lueger zur Bedingung machte. Es war eine selige Zeit! Wenn Herr Mayer mit der Abfaffung der Liebesbriefe mühsam fertig geworden war, durste er sich hinter dem Seffel Luegers aufstellen, von wo aus er die berühmten Beobachtungen für die Bulletins machte und gleichzeitig Portierdienste verrichtete. Wenn auch das Buch selbst und die Gestalt der Verfasserin, die einem totkrauken, blinden Greis Szenen wegen Einhaltung eines ^«Versprechens macht, abstoßend genug ist, so find diese Blätter doch ein Dokument für das Kulturmilieu einer Partei, bie einmal Wien beherrschte. Und hohe Zeit war es, daß eine Kulturstadt ersten Ranges von der geistigen Herrschaft eines besoffenen Mechanikers, eines ambitiösen Greislers und eines hysterischen Frauenbundes befreit wurde. Jetzt nunmehr, nach dem fürchterlichen Sturz der ganzen christlichsozialen Partei, ist wohl das geplante Lueger-Denkmal, zu dem selbst eiue Reche „vorurteilsloser" Juden bereitwillig Geld hergaben, in Frage gestellt. Aber selbst wenn es nicht enthüllt werden sollte — in diesem Buche ist ihm und seinen Helfern ein Denkmal gestellt, dauernder und wahrhaftiger als Erz, ein Denkmal für ihn Md seiner Zeiten Schande. Thekla Blech-Merwin. Die Keteitigung der I«de« am Kerische« Meithaadei im Altertum. i. Der älteste Handelsweg der alten Welt war die Kiarawanenstraße, die den Verkehr zwischen Ostasien über Mesopotamien und Syrien nach Egypten und den angrenzenden Ländergebieten, also fast über die ganze damals bekannte kultivierte Welt, vermittelte. Neben dieser entwickelte sich frühe schon, nach und nach aus der Küstenschisfahrt entstanden, auf dem Seewege eine zweite Handelsstraße. Wir gewahren, in aus Älterer Zeit -durch griechische und römische Schriftsteller übermittelten Mitteilungen, daß schon früh im Nordosten insbesonders am Schwarzen Meere Handelszentren entstanden, um den Handelsverkehr zwischen Ost und West durch die.demselben ungemein förderliche Schiffahrt zu erleichtern. Der alte schwerfällige Landhandel wurde zwar beibehalten, rückte aber naturgemäß bei dem Aufschwünge, den der nunmehr wesentlich erleichterte Handelsverkehr auf dem bezeichneten Meerwege dadurch nahm, daß auch neue Länderstrecken in seinen Rayon einbezogen wurden und dieser demzufolge größere Dimensionen annahm, in zweite Reihe. Strabv (IX) und Plinius (VI, 19) erzählen nach älteren Quellen gleichlautend, wie der Handel in alter Zeit vor der nach Alexander des Großen Feldzügen erfolgten Erweiterung des Verkehres durch direkte Benützung des Seeweges Nach Indien über Egypten und^uch nachher am Schwarzen Meere blühte, und welche Wege bei der Warenbeförderung von den tief gelegenen Hinterländern des Ostens zu den Hauptftapelplätzen jm Schwarzen Meere eingeschlagen wurden. Einerseits wurde nämlich die Ware aus Indien, nachdem sie vom Araxes (Orus) aus durch das Kaspische Meer in den Cyrus gelangt war, auf dem Landwege in einigen Tagen zum Phasis und weiter in den Pontus gebracht, anderseits vermittelten nördliche Landwege von Serica (via mei catorum ad Seras), welche, die nördlich gelegenen Gebiete durchquerend, zum selben Endziele führten, den Produktenaustausch zwischen Ost und West. Die Stapelplätze am Schwarzen Meere, die die Aufgabe hatten, diesen Verkehr zu vermitteln,- Ost und West zu verbinden, gelangten denn auch -früh, fast in vorgeschichtlicher Zeit, zu hoher Blüte, und läßt sich aus den uns hierüber, wenn auch nur spärlich, überkommenen Nachrichten entnehmen, 'daß sich hier überall infolge des. entstandenen materiellen Wohlstandes Kulturzentren bildeten. Die Tatsache, daß die Kultur überall als Begleiterscheinung des Wohlstandes auftritt und daher den Handelswegen stets die Bedeutung von Kulturwegen zukommt, nicht nur im materiellen, sondern auch im höheren geistigen Sinne, kann als geschichtliches Axiom gelten und bedarf keines Beweises mehr. Dies ist auch hier der Fall. Denselben Weg über die Etappenstraße wie der Handel, von den dortigen Hauptknotenpunkten ausgehend, nahm auch die Kultur. Diese hat gleich Marksteinen den Wanderungsweg von Osten nach Westen bezeichnet, und sind am deutlichsten noch die Spuren auf dem Zuge über die Handelsstätten 'Kleinasiens nach dem europäischen Griechenland wahrzunehmen. Zuerst setzten Kulturkeime an und gelangten zur Blüte im griechischen Kleinasien, wo griechische Dichtkunst und Philosophie äuftreten und ihre eigentliche Heimstätte finden, alsdann erst verpflanzen sie sich nach dem europäischen Griechenland um sich dann auszubreiten. — Die Entstehungszeit, die ersten Anfänge, sowie die Verfassung dieser Handelsemporien im Nordosten sind wohl in Dunkelheit gehüllt und fließen die Mitteilungen hierüber in Ermangelung genauer historischer Nachrichten älterer griechischer Schriftsteller sehr dürftig: man gewahrt aber hier, wie dies auch anderwärts häufig zu beobachten ist, schon früh die Mythe sich dieser Gegenstände bemächtigen und bestrebt, die fehlenden konkreten Nachrichten durch wunderbare Erzählungen Und phantasieumsponnene Sagen zu ersetzen. So verliert sich die Geschichte in die alte Sage vom Argonautenzuge zu den Goldquellen des Flusses Phasis in Colchis und von dem licht- und feuerbringenden