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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1911-06-30 · 26 (30.6.1911) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
28 (1911)
Issue
26 (30.6.1911)
Date
1911-06-30
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Seite 437 Nr^s> Dr. Blochs Wochenschrift schwütz vollfühfst, — alsdann wirst du deine Wonne am Ewigen haben.“ . ' ■ r ' Der Sabbat wurde als Zweck und als Krönung des Schöpfuagswerkes gepriesen. Es ist ein Gespräch zweier Weisen aus dem 2. Jahrhundert überliefert, Rabbi Jehuda fragte den Rabbi Ismael: Hast du vielleicht von deinem Vater gehört, wie der Satz (Genesis 2,2) zu erklären ist: „Und Gott vollendete am siebenten Tage sein Werk, das er gemacht hatte?“ Rabbi Ismael antwortete mit einem Gleichnis : Ein König errichtete ein Brautzeit und stattete es mit allem Schmuck und Zierrat aus. Es. fehlte aber die Braut. Die Welt ohne Sabbat gleicht dem Brautzeit ohne Braut, — Ein anderes Gleichnis: Ein König trat die Herrschaft an. Er liess sich einen Siegelring anfertigen, um die Königlichen Erlässe damit zu zeichnen. In dem Ringe fehlte aber der Namenszug des Königs. Der Welt ohne Sabbat fehlt das Zeichen der Gottesherrschaft. — In weiterer Ausführung wird bemerkt: Was wurde denn am siebenten Tage noch erschaffen, da Gott ja bereits ruhte? Antwort: Sorgenfreiheit, Gemütsruhe, Beseligung und Sicherheit. Der Heilige, gebenedeiet sei er, sprach.: Eine köstliche Gabe habe ich in meinem Schatzhause, Sabbat ist ihr Name. Dc.r Schöpfungssabbat die Krönung des Schöpfungswerkes. Jeder Sabbat die Krone der Tage. Freudiger Genuss in Erhebung zu Gott ist der Lohn uud der Segen der Arbeit. Die Sabbatfeier gibt dem Körper, was des Körpers ist, und dem Geiste, was des Geistes ist. Von besonderer Zartheit ist folgende Sage: Der Kaiser sprach zu Rabbi Josua: Warum verbreitet das Sabbatgericht so feinen Duft? Dieser erwiderte: Wir haben ein Gewürz, Sabbat ist sein Name, das tun wir in das Gericht ijnd deshalb verbreitet es so feinen Duft. Der Kaiser: Gib mir davon. Rabbi Josua: Wer den Sabbat hält, dem nützt es; wer den Sabbat nicht hält, dem nützt es nicht. — Diese Vereinigung des Irdischen und Himmlischen zu einem edel Meuschlichen in der Sabbatfeier spiegelt sich auch in folgender Betrachtung: Wenn der; Israelit bei Beginn des Sabbats aus dem Hause Gottes in sein Haus geht, begleiten ihn zwei Engel, ein guter Engel und ein böser Engel. Ist das Lirht angbzündet, der Tisch gedeckt und das Lager bereitet, so spricht der gute Engel: „Möge es Gott gefallen, dass es auch am kommenden Sabbat also sei!“ und der böse Engel spricht gegen seinem Willen: Amen. Ist das Licht nicht angezündet, deü,.Tisch nicht gedeckt und das Lager nicht bereitet, so spricht der böse Engel: „Möge es Gott gefallen, dass es auch am kommenden Sabbat also sei!“ Und der gute Engel spricht gegen seinen Willen: Amen. ■ Summa: Der Charakter der Sabbatfeier ist Seelenfreudigkeit im Gefühl der Würde und Freiheit des Gotteskindes. Das ist der Sinn des Spruches: der Sabbat ist euch übergeben, aber nicht seid ihr dem Sabbat übergeben.“ Soweit r Herr Rabbiner Dr. Winter, dessen Darlegungen auch uns Christen sehr änsprechen werden. Es war ein feinerund edler Gedanke der israelitischen Glaubensgemeinschaft, dass sie, zur Beteiligung an der Hygiene-Ausstellung aufgefordert, die Gottesgabe des Sabbats in den Mittelpunkt ihrer Vorführung stellte. Die Söiihtagsfeier' der Christen ist keine Fortsetzung der israelitischen Sabbatfeier, sie beruht nicht wie diese “auf einem ausdrücklichen Gebote, sondern ist ein völlig freies Erzeugnis christlichen Glaubens und Lebens. In der Bibel ist an vielen Stellen vom Sabbat, nirgends vom Sonntag die Rede, Der Sonntag ist, wie Uhlhorn treffend sagt, der aus dem Evangelium wiedergeborene Sabbat. Der Sonntag ist eine viel verkannte, wohl aber die grösste Wohltat, die den Menschen hienieden zu teil wird. Die Bestimmung des Sonntags konnte auch der Katholik Windthorst einst im Deutschen Reichstage nicht zutreffender bezeichnen, als mit Luthers Wort: „Du sollst von Arbeit stehen ab, dass Gott sein'Arbeit in dir hab.“ Ein grosser und wichtiger Teil der neueren sozialen Gesetzgebung bezweckt, die Sonntagsruhe allen Gruppen des Volkes möglichst zu teil werden zu lassen. Gegen das Verschwinden der Sonntagssitte richtete sich, namentlich seit Wiehern auf die Bedeutung der Sonntagsheiligung für das Volksleben hingewiesen und ihre Wiederbelebung in die Reihe der Aufgaben der Inneren Mission aufgenommen hatte, eine kräftig anschwellende Bewegung. Aus der 1862 begründeten Genfer Gesellschaft für Sonntagsheiligung wurde 1866 eine Schweizer, 1876 eine internationale Gesellschaft zur Sonntagsheiligung, die eine Zeitschrift (Bulletin dominical) herausgibt. Es ist eine empfindliche Lücke der Hygiene-Ausstellung, dass in-ihr der christliche Sonntag nicht auch eine so schlichte, volksverständliche Darstellung gefunden hat, wie der israelitische Sabbat. Vielleicht entschliesst sich die internationale Gesellschaft nachträglich noch dazu, diese Lücke auszufüllen. Sollte sich dies nicht ermöglichen lassen, so würde die köstliche, 10 Blätter umfassende Bilderfolge, die unser Ludwig Richter unter dem Titel „Der Sonntag“ dem. deutschen Volke einst geschenkt hat, unter Glas und Rahmen an geeigneter Stelle der Ausstellung die Besucher der Ausstellung darauf hinweisen, wie sehr die leibliche und. seelische Gesundheit des. Volkes auf der rechten Verwendung des Sonntags beruht. Gin Denkmal fnr Karl Karger. ~ Noch ist es nicht so lange Her, daß die Hierarchie Lueger aufgehört hat und schon finden sich im eigenen Lager die Raben ein, die krächzend um sein Andenken streichen. Noch ist es nicht so lange her und schon stürzt dieses ganze Gebäude, das einer wie ein Atlas auf seinen Schultern trug, mit einem lauten Krach zusammen. Jetzt ist der richtige Augenblick gekommen, in dem man mit „Erinnerungen an Lueger" wieder gute Geschäfte machen kann. Sein Grab erdröhnt unter den Stürmen eifersüchtiger Kämpfe, unter Parteizwist und Hader und mit Riesenschritten schreitet das Ende. Bald wird auch diese Aera zu den verklungenen zählen und nach dem Harakiri der christlichsozialen Partei wird Wien hoffentlich von der Landplage dieses gefräßigen Heuschrecken schwarmes befreit bleiben. Ganz noch aus diesem — wenn man das Wort bei Christlich-Sozialen ynwenden kann — Zeitgeiste heraus ist ein Buch geschrieben, das Erinnerungen an Lueger bringt, *) und ein Denkmal ist für das sittliche und geistige Niveau einer Aera, die Wien, dieses entzückende, geistreiche Wien, mit der 'Intelligenz des Greislertums und der Poesie des Heurigenschankes erfüllt hat. Was Lueger als Politiker war, darüber find wir längst orientiert: Ein Demagog mit unerhört volkstümlicher Begabung. Aber im Interesse der Partei scheint es zu liegen, daß wir auch über den Menschen Lueger aufgeklärt werden. Wie wäre es sonst zu erklären, daß ein derartiges Buch, das offenkundig skandalsüchtigen Charakter trägt und das mit einer verhältnismäßig geringen Summe hätte unterdrückt werden können, die Oeffentlichkeit passieren durfte? Aber dieselbe servile Clique, die auf allen Plätzen Wiens ein „Verewigungssystem" Luegers eingerichtet hat, freut sich doch der Kleinlichkeit und Schwächen ihres Parteigottes, und sieht es nicht ungerne, wenn sein populärer Nimbus zerstört wird. Da er bereits zum lästigen Beispiel ungewöhnlich reiner Hände geworden, ist es für gewisse Leute seines Stabes ein besonderer Genuß, die Fehler seines Privatlebens zu enthüllen. Im tiefsten Winkel ihres Herzens, dort, wo sie ihre Charakterlosigkeiten verschwiegen ablagern, hat immer Neid und Schadenfreude diesem Günstling des Glücks gegenüber geherrscht, wenn sie auch noch so geschmeidig am Boden rutschten. Und bekanntlich steigen die Kleinen immer erst dann, wenn die Großen fallen. Diese „Erinnerungen" einer Dame, die den getäuschten Erwartungen und der verfehlten Spekulation auf die Hand Luegers entspringen, einer Dame, die seinem Herzen einst nahegestanden haben will, bringen nichts, was nicht ethisch abstoßend wäre. Der Bürgermeister von Wien ist der trivialste und cynischeste Liebhaber, den men sich denken kann, in seinem Privatleben verschwindet auch die gewisse bourgeoise Größe, die er als Politiker hatte, er ist kleinlich, geizig und erfolghaschend und seine Genüsse, seine Gespräche stehen auf dem geistigen Niveau eines Kleinkrämers. Nichts ist für diesen Tiefstand bezeichnender, als das Bramarbarfieren dieses Kirchenknechtes, daß er in früheren Jahren die Gunst mancher Nonnen genossen habe. Nirgends fühlte er sich unbehaglicher, als in einer Loge der Burg oder Oper, er, dem noch immer die Kultur der Portierloge angehaftet hat und der eigentlich nie Bürgermeister, sondern Hausmeister von Wien gewesen ist. Als Liebhaber war er ganz der Typus jener wienerischen Gestalten, deren Dorado das Hoch- und Deutschmeisterkorps ist. Es ist fast unglaublich, mit welcher drastischen Schärfe sich der Charakter des Menschen in der Liebe abzeichnet. Lueger liebte wie ein sehr resoluter Unteroffizier. Seiner Liebe fehlt alles Seelische und Geistige, es ist jene „Da gehst her-Stimmung", in der einer beim Gulyas und beim Glas Pilsner den Arm um sein Mädel schlingt. Gleichzeitig fehlt ihm aber durchaus das'Gemütvolle. War Fräulein Marianne Beskiba auch bereits eine Dame im besten Mannesalter, so war Lueger doch schon ein kranker körperlich gebrochener Greis. Und dieser Frau gegenüber, die *) Marianne Beskiba: „Aus meinen Erinnerungen an Lueger". Selbstverlag, Wien.

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