Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 25 (23.6.1911)
- Date
- 1911-06-23
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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€ctte 420 D r. BKMs Nr. 25 iMisschüldigen bezeichnte. Ob dieser ebenfalls gefoltert wurde, sb geständig war oder leugnete, darüber schweigt unser Bericht, gleichwie darin auch der . aus anderen beiliegenden Akten ersichtlichen Tatsache nWt' erwähnt wird, daß außer Benjamin Wolf nachträglich auch noch andere Sasvarer (Sassiner) Juden erngekerkert wurden. Stuhlrichter Majtenyi, der, wie er angibt, dem ganzen Verfahren beigewohnt hatte, erwähnt zum Schlüsse bloß, dah Benjamin Wolf durch verdächtige Schriften sein Alibi während der kritischen Nacht nachweffen wollte und auch er mit den übrigen drei Verurteilten Eingerichtet wurde. So wurden denn am 13. Juni 1739, wegen dieses Erchenraubes auher dem bereits früher exekutierten Petrassek noch vier Menschen nach damaligem mittelalterlichem Gerichtsverfahren in grausamer Weise hingerichtet. Am glimpflichsten wurde noch mit dem zum Christentum übergetretenen Salamon Lebl verfahren. Er wurde zuerst geköpft: die übrigen, Moses Jakob, Benjamin Wolf und Johann Jrlyna, wurden auf Scheiterhaufen errichteten Galgen zuerst gehenkt und dann alle vier verbrannt. Die Urteilsvollstreckung an Salomon Löbl jun. wurde einstweilen in Schwebe gelassen und später, nach Einreichung eines Majestätsgesuches,*) indem er unter festem Versprechen, der katholischen Religion treu zu bleiben, um Gnade für sein Leben bat, wahrscheinlich ganz sistiert. (Schluß folgt.) Kitrr«t«r. Talmudische Archäologie. Im «Grundriß der Gesamtwissenschaft des Judentums-, der von der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums herausgegeben wird, erschien die Talmudische Archäologie von dem Professor an der Jsr.-theol. Lehranstalt in Wien Dr. Samuel Krauß. Zwei stattliche Bände (I. II.) liegen vor uns, von denen der erste 720. der zweite 722 Seiten umfaßt. Und zwar entfallen auf den Text 267 und 423, auf die gelehrten Noten 753 Seiten. Diese Verteilung ist ungewöhnlich und auffallend, für die äußere Erscheinung des Werkes, von dem noch ein dritter, eventuell vierter Band zu erwarten ist, nicht von Vorteil. Doch nur der Uneingeweihte wird aus dieser relativen Nebenrolle des Haupttextes falsche Schlüffe ziehen. Wer einen Blick in diese ungeheure, überwältigende Fülle von Gelehrtcnarbeit wirft, der empfängt den Eindruck, daß hier ein ehrfurchtgebietendes Stück Arbeit geleistet worden ist, das einer ganzen Legion späterer Nacharbeiter Stoff in Hülle und Fülle bietet. Krauß selbst sagt in seinem Vorworte, daß sich sein Werk an kein Muster anlehnen konnte, und spricht die selbstbewußten Worte aus: „auch der Leser dieser einzigartigen, jetzt das erstemal in die Erscheinung tretenden Archäologie wird nicht ahnen, welch' unendlich mühevolle, unsagbar schwere Arbeit zu der einheitlichen Schilderung geführt hat". Wir glauben cs ihm gerne. Jede umfassende, auf Ueberblickbarkeit und Klarheit bedachte talmudische Arbeit ist ein Kunstwerk, well sie einem Chaos gegenübersteht, in das Ordnung zu bringen nur ein mit kolossaler Geduld, immensem Fleiße und Wissen ausgestatteter Gelehrter vermag, der sozusagen sein Leben dafür hingibt. Handelt es sich dow in dem vorliegenden Werke um nichts Geringeres, als um die Gesamtdarstellung des Lebens des jüdischen Volkes im Zeitalter des Talmuds, das heißt in einem Jahrtausend imd in allen Ländern, in welchen sich dieses Leben abspielte. In Palästina wld den Nachbarländern, in Babylonien und Persien wie überhaupt im ganzen vorderen Orient; um alle Beziehungen zu den Völkern des damaligen Erdkreises insbesondere zu Rom und Griechenland. — Die Wissenschaft der Archäologie ist im Gebiete der jüd. Literatur jung. Ist sie doch für Rom und Griechenland erst von Winckelmann zur Wissenschaft erhoben worden. Die klassische Philologie jedoch ist in allen ihren Teilen so methodisch und kritisch auSqebaut und aufgebaut, daß der moderne Forscher sozusagen die Hilfsmittel mit Händen greifen kann, wenn er das wissenschaftliche Handwerk gelernt hat, über'den nötigen Wissensvorrat verfügt und den nötigen Geist besitzt. Der jüdische Archäologe, der diese Methoden auf den Talmud überträgt hat keine Vorläufer. Doch, wir wollen niemaudem Unrecht tun. Schon die in den Talmuden selbst zu Wort kommenden Gelehrten verstanden Manches -von Altertumswissenschaft und die neuen Pfadfinder auf dem Gebiete talmudisch-kritischer Wissenschaft, wie Rapoport, Krochmal. Frankl k. mußten sich wider Willen auch mit archäologischen Einzelheiten befassen. Was bedeutet aber das *) Jbid. - gegenüber der niederdrückenden Fülle von tausenden und abertausenden Einzelfragen, die auftauchen und der Lösung des Philologen ynd Archäologen harren. Krauß hat die-Legitimation zur Leistung dieser Gigantenarbeit schon lange durch sein Werk über Lehnwörter im Talmud und seine zahlreichen Einzelschriften über archäologische Dinge und talmudische Realien erbracht. Seine „Talmudische Archäologie" ist eine Leistung allerersten Ranges, durch welche er in die vorderste Reihe nicht nur der jüdischen, sondern der Gelehrtenzunft überhaupt eintritt. — Es ist begreiflich und selbstverständlich,. daß ich mich an dieser Stelle auf keinerlei kritische Einzelheiten einzulaffen vermag. Der große jüdische Leserkreis soll mit diesen Zeilen eingeladen werden, das Werk, das in der trefflichen Offizin Gustav Fock in Leipzig erschienen ist, zu kaufen und zu lesen. Denn man kann es lesen und studieren. Das ist zweierlei. Der für das antike Judentum interessierte Laie wird es anders lesen als der Gelehrte. Letzterer wird sich mit Macht auf die tausenden Noten werfen und hier Ausschluß über längst aufgetauchte . Zweifel finden oder suchen, wird zustimmen und widersprechen, loben und tadeln. — Der nicht jüdische Archäologe wird mit Staunen sehen, welche Fülle von Licht durch den Talmud auf griechische, römische, persische unb babylonische Altertümer fällt. Nach dieser Richtung hat Krauß geradezu aufrüttelnd gewirkt. Denn kein Archäologe der klassischen Zeit kann sein Werk übersehen und der Talmud hat in Zukunft in zahllosen Fragen der Antike mitzusprechen. Der erste Band gibt in leicht und bequem lesbarer Form Aufschluß über: Wohnung uud Hausgerät in 4S Kapiteln, die über Haus und Hof, Hütte und Zelt, Bau und Baumaterial, über Möbel und Miete, Verkauf und Pacht, Wirtschaft und Wirtschaftsgebäude, Fundament und Grundriß, Licht und Leuchter rc., handeln; Nahrung und Zubereitung in 24 Paragraphen, wo wir über Wasser und Feuer, Ofen und Herd, Mörser und Mühle, Brot und Backwerk, Fleisch und Obst, Braten und Kochen, Dünsten und Dämpfen rc. Aufschluß erhalten; über Kleidung und Schmuck in 13 Abschnitten, die uns über Luxus und Armut, Schneiderei und Schusterei, Färben und Spinnen, Haar und Haarpflege rc. erzählen; über Körperpflege, wo wir über Bad und Badewesen, Heilquellen und Waschungen, Schminken und Parfümerien, Hygiene und Krankheiten. Arzt und Medikamente, Therapie und Kuren hören. Man kann sich vorstellen, welches bunte, bewegte Bild vor unseren Augen ersteht, wie hunderttausend Kleinigkeiten sich zusammenfügen und zum Ganzen werden. — Ja, wird der Talmudforscher sagen, was hat das Alles, mit dem Talmud zu tun: Verstehen wir ihn nicht gerade so gut auch ohne diese Kenntnis? Haben unsere großen Talmudisten sich damit abgegeben? Haben Raschi und Maimuni, haben Alfasi und R. Nissan, haben' die großen Halachisten und Dezisoren und Respondenten und Pilpulisten, die diese Kenntnis nur im geringen Maße besaßen, etwa den Talmud weniger gekannt? Gewißlich nicht. Ja, ich wage die Behauptung, daß die Kenntnis dieser hunderttausende Realien allein durchaus nicht dem Wissen der großen Talmudisten gleichkomme. — Man hat aber auch die historisch-kritische Auffassung der talmudischen Literatur für überflüssig erachtet, sowohl in historischer als in halachisch-kritischer Beziehung. Und doch hat die Neuzeit auf diesem Gebiete Wandel gebracht, so daß kein moderner Talmudist auf historische Schulung und selbst philosophisch-kritische Methode Verzicht leisten kann; ja selbst in rein balachischer Richtung hat die Methodologie und Terminologie des Talmuds gewaltige Veränderungen erfahren. Die Archäologie hat sich schwerer Bahn gebrochen, denn mit dem eigentlichen Geist des Talmuds hat sie scheinbar direkt nichts zu schaffen. Und doch fällt auch auf eine Unzahl halachischer Diskussionen Licht; um nur ein Beispiel für Hunderte zu wählen auf die S a b b a t a r b e i t e n mit ihrer verwickelten , unklaren, talmudischen Nomenklatur; auf die Namen der Tiere und Pflanzen und Geräte im Gebiete der Gesetzeskomplexe über Rein und Unrein, Erlaubt und Unerlaubt rc. rc. , So gewinnt auch der wissenschaftliche Halachist aus der Arbeit des Archäologen. Sie können einander nicht entbehren. Die Unerschöpflichkeit des Talmud erweist sich, wenn man diese disparaten Gebiete nebeneinander von verschiedenen Fachforschern bearbeitet, sieht und wahrnimmt, wie doch der eine dem anderen den unendlichen Faden in die Hände spinnt. Der zweite Band beschäftigt sich zunächst mit dem Familienleben; zeigt uns die Familie in allen Zeiten, Verhältnissen und Lagen; bei Geburt, Erziehung, Ehewerbung, Ver- .j lobung, Hochzeit, Ehescheidung und-Erbschaft rc.; zeigt , uns die M Trauergebräuche bei Sterbenden, Leichen, Beerdigungen; das Verhältnis , von Herr zu Knecht, Sklaven und Lohnarbeiter; den Gebrauch der >, Haus- und Nutztiere; das Hirten- und Jagdleben, die Fischerei und .\ die Landwirtschaft, die klimatischen Verhältnisse, den Ackerbau;: den Landmann am Pfluge und in der Tenne, die Bewässerung, das! Pflügen, die Aussaat und Düngung, die Getreidearten und deren, i j jj Behandlung; Waldwirtschaft und Gartenbau, Oelbaum- und Wein-, , Pflanzung. Er führt uns vor die Gewerbe der Leder- und Holzarbeiter, Ton- und Steinarbeiter, Metallarbeiter, Zimmerleüte;-'^ Korbflechter, Seiler, Glaser, Maler, Bildhauer, Schmiede, Gold--!.'0 schmiede; den Handel undVerkehr; die Verkehrsmittel,^-n Straßen und Brücken, Wagen und Schiffe; die Märkte und das Ge-/ " schäftsgehahren, die Behörden, Zölle und Preise,. Ma ße. und'Ge-