Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 25 (23.6.1911)
- Date
- 1911-06-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 412 Dr. W»Ks WoWnWttft Nr. 25 welch letzterer der dem Ersteren gebührenden Kaddisch nicht usurpieren darf. (Vgl. Sch. A.; «Tore Deah 368.4, RNO. und Schach z. St. Chochmath Adam 171.13, 14.) Abgesehen nun davon, daß das Verweilen der Frauen in der Mannersynagoge unstatthaft ist. berauben die kaddischsagenden Mädchen die hiezu verpflichteten Männer der diesen allein gebührenden Kaddeschim, was nach dem Gesagten nicht gestattet werden darf. Etwas ganz anderes ist es, wenn Frauen nicht in der Synagoge, sondern zuhause Kaddisch sagen. Da sind sie die Heimischen (Toschab) und können von ihrem Rechte ungeschmälerten Gebrauch machen. Nur so ist die Erlaubnis aufzufassen, die der einzigen Tochter jenes Mannes in Amsterdam gegeben wurde, im Sinne einer letztwilligen Verfügung ihres Vaters in ihrem Hause nach dem Mischnajoth- Lernen-Kaddisch zu sagen. In ihrem Hause, .nicht aber in der Männersynagoge. Der Hinweis auf diese Begebenheit (vgl. Nr. 23 'der „Wochenschrift": Briefkasten) erscheint daher deplaziert. Im Uebrig-n ist in dem zitierten Nesponsum des Chawoth Jair vom Kaddisch nach dem Mischnajoth-Lernen die Rede, nicht aber von für Leidtragende obligaten Kaddeschim nach der Tefillah. Im Hause Minjan zu machen und Kaddisch zu sagen wird den Frauen auch in orthodoxen Gemeinden gestattet aus dem oben angefüh'.ten Grunde. Wo dies nicht gut möglich ist, wird ihnen erlaubt, in die Vorhalle des Tempels (artes) zu kommen, wo unbeschadet des öffentlichen Gottesdienstes im Beisein von zehn Männern 821 ’IBS mit irbj? gebetet wird, worauf die Frauen Kaddisch sagen. Da sie Niemanden in seinem Rechte schmälern, isi es nur ganz natürlich, daß man ihnen Gelegenheit gibt, einen Akt der Pietät zu üben. Umsomehr soll die Frau darin unterstützt werden, wenn sie — wie in dem zitierten Falle von Amsterdam — einem Wunsche des Verstorbenen gerecht werden will, nan ’HB't mm Wien. Dr. M. Bauer. Der Jakobsfels als englischer Krönuugsstnhl. Aus London wird uns geschrieben: Viele der bei der Krönung verwendeten Gegenstände und Akzefforien sind von unermeßlicher Antiquität. König Georg wird mit heiligem Oel gesalbt werden aus einem Löffel, der wahrscheinlich aus dem XII. Jahrhundert stammt. Und er wird während der Salbungszeremonie auf dem sogenannten „König Eduards-Stuhl" sitzen, der eines der merkwürdigsten Möbelstücke der Welt ist. Es ist ein Holzsitz auf einem großen Steinblock, der eine seltsame und ereignisreiche Geschichte hat. Der mittelalterlichen Legende nach war dieser Steinblock der Fels, auf dem der biblische Patriarch Jakob sein Haupt ruhen ließ, als er schlief und träumte, daß er mit dem Engel rang. Von Palästina kam dieser Fels nach Egypten und von da zur Tochter Pharaos nach Spanien und von hier nach Irland und Schottland. Aber auch ohne den Mythus knüpfen sich an den Stein genügend interessante Aufzeichnungen. Er war eine verehrte Reliquie in Schottland, lange ehe diese Monarchie mit England vereinigt ward. Es ist zweifellos, daß er den königlichen Thron bildete, auf welchem die Könige von Schottland vierundeinhalb Jahrhunderte hindurch gekrönt wurden. Und 1296 entführte der englische König Eduard I. anläßlich eines Einbruches in die nördlichen Königreiche den Stein und brachte ihn nach Westminster, wo er bis auf den heutigen Tag das Band bildet zwischen unserem XX. Jahrhundert und Gebräuchen und Raffen, die seither von der Erde verschwanden; viele Archäologen nehmen an, daß dieser schwarze, zerschlagene und wettergeprüfte Felsblock in irgend einem rohen Tempel der vorkeltischen Periode ein Altarstein war. Vielleicht war das Blut von mit Steinäxten dem Gott Baal geweihten Menschenopfern über diesem Granitblock vergossen, auf dem der König von England der Gesalbte des Herrn wird. Das Ghetto von Berorra. Vor einiger Zeit ging die Nachricht durch die deutschen Zeitungen, daß es dem Veroneser Angela ball' Bianca gelungen sei, eine Gruppe malerischer Häuser an der Piazza belle Erbe in Verona zum Nationalmonument erklären zu lasten, wodurch die Häuser ein für allemal sichergestrllt und der Spekulation entzogen seien. Jeder, dem die schöne Stadt an der Etsch bekannt ist, mußte natürlich annehmen, daß eS sich um die Häusergruppe am Nordende der Piazza neben dem uralten Skaligerpalast der sogenannten Casa Mazzanti handelte. Es ist dies eine Häusergruppe aus dem 10.—11. Jahrhundert, die so charakteristisch ist, daß eö wirklich schade wäre, wenn sie der Bauwut zum Opfer fiele. Es handelt sich nun aber gar nicht um jene Bauten, sondern um die Häuser des alten Ghetto, die das Judenviertel nach der Piazza belle Erbe begrenzen, neun Häuser nach der alten Handelskammer, die nur zwei bis drei Fenster Front haben und mit ihren sechs Stockwerken wie Türme wirken. Mit Ausnahme einiger schmiedeeiserner Balkongitter aus der Veroneser Renaissance, die sehr gut beim Neubau wieder verwendet werden könnten, b eten die Häuser absolut nichts Wertvolles, sind aber derart verfallen, daß bereits das Bewohnen von nicht weniger als dreizehn Wohnungen durch die Baupolizei verboten wurde. Nach hinten bilden die Häuser ein Gewirr von Gängen und Plätzchen, in die niemals ein Sonnenstrahl fällt und die sich durch ihren ganz unglaublichen Schmutz und Gestank auszeichnen. Man kann es daher der Gegenpartei dall Oca Biancas nicht verdenken, wenn sie auf ihren berühmten Mitbürger nicht gut zu sprechen ist, weil er diesen Seuchenherd als „Monuments Nationale" erhalten wissen will. Ganz besonders hatte es die guten Veroneser gekränkt, daß sie in einem deutschen Blatt als Barbaren bezeichnet worden waren, nur weil sie sich der Idee dall' Oca Biancas nicht anschließcn wollten. Es stimmt auch nicht, wie seinerzeit geschrieben wurde, daß eine Spekulanteiigruppe hier ein Tingeltangel erbauen wollte. Die Sparkasse von Verona, das zweite stärkste Flnansinstitut von Italien, will sich vielmehr dort ein eigenes Gebäude errichten. Der Bau soll zwei Millionen Lire kosten und, wie der „Bote vom Gardasee" zu berichten weiß, von einigen bekannten Architekten Italiens im Veroneser Stil erbaut werden. Denn mit Einwilligung der Regierung kann auch ein Nationalmonument niedergelegt werden. Die Gegenpartei unter der Fübrung des Advokaten Maffaräni Prosperini hat deswegen bereits eine Eingabe an die Regierung gerichtet, auf deren Entscheidung man gespannt sein darf. _ Eine Schenkung von 19 Israels-Bildern. Der aus Amsterdam stammende, gegenwärtig in London lebende reiche Philanthrop E. .I. Drucker hat dem Amsterdamer Staatsmuseum eine wertvolle Schenkung gemacht. Es sind dies neunzehn Originalbilder des Altmeisters Josef Israels. Herr Drucker, ein bekannter Kunstmäzen, hat dem Amsterdamer Museum vor einiger Zeit bereits eine große Sammlung von Werken moderner holländischer Meister zum Geschenk gemacht. Es befanden sich in dieser Sammlung Bilder von Jakob Maris, William Maris, Weitzenbruck, usw. Für diese Kollektion, die-einen Wert von 100.000 Pfund Sterling repräsentiert, wurde ein besonderer Salon erbaut. Unter den soeben gespendeten 19 Israelsbildern befinden sich einige sehr bedeutende und berühmte Stücke. Darunter auch „Eine jüdische Hochzeit", „Felder und Fluren" suw. Diese Schenkung ist von geradezu unschätzbarem Werte. ir Deutungen der hebräische« Kuch- Sehr geehrter Herr Redakteur! Viele Leser Ihrer geschätzten Wochenschrift haben gewiß mit Dank den Hinweis auf Hofrat Prof. Dc. Müllers Arbeit: Die Deutungen der hebräischen Buchstaben bei Ambrosius, (Wien, Hölder, 1911) entgegengenommen. Bei dieser Gelegenheit dürfte eine nähere Mitteilung über die Deutungen der hebräischen Buchstaben nicht unerwünscht erscheinen. Von Interesse dürfte in erster Reihe die Erwähnung der.Buchstabendeutung in der sogenannten Thomas-Erzählung sein. Diese apokryphe, neutestamentliche Schrift, die wahrscheinlich im II. oder III. Jahrhundert verfaßt worden ist und den Kirchenvätern Origenes und Eusebius schon bekannt, war, erzählt die Kindheitsgeschichte Jesu von seinem 5. bis zu seinem 12. Lebensjahre. Ein Lehrer mit Namen Zakäus, wohl dem hebräischen "nvr entsprechend, übernahm die schwierige Aufgabe dem Knaben den Anfängerunterricht zu erteilen. „Er lehrte ihn alle Buchstaben, vom ersten bis zum letzten mit einer gründlichen Erklärung versehen (X. VI.). Die „gründliche Erklärung" dürfte den bei den Rabbinen und Kirchenvätern üblichen und uns bekannten Buchstabendeutungen ähnlich gewesen sein. Der vermeintliche Verfasser oder Erzähler, der jüdische Philosoph Thomas hü hier die Schrrlverhältnisse seiner Zeit vor Augen. Ebenso, wenn er den Knaben reden läßt: Du weißt ja gar nicht, was ein Aleph ist und bedeutet, wie kannst du mir ein Beth vorschwätzen! Heuchler! erst sage mir, was ein Aleph bedeutet, dann werde ich