Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 25 (23.6.1911)
- Date
- 1911-06-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 25 Dr. BloKs WochenMrift Seite 411 Israeliten gehören viele führende Männer der regierungs- und polenfreundlichen Politik. Allein die Massen folgten ihnen natürlich lediglich, als den von „oben* kommenden und „oben" gutgeheißenen Vertretern — die assimilatorischen Endziele billigten sie nie, kannten sie eigentlich gar nicht. Die Kandidaten pflegten ja mitunter ihr Judentum in der Synagoge öffentlich am Samstag mit dem Tallis auf der Schulter zu bekräftigen. (Siel) Die Juden sahen in ihren „Vertretern" lediglich Jntereffenvertreter, also Männer, welche ihre Rechte und Angelegenheiten bei den „Herren" gut zu vertreten vermögen. Um politische Fragen kümmerte man sich iur Allgemeinen nicht. Die Plattform, das Programm, die Parteizugehörigkeit der jüdischen Politiker weckten die allgemeine Neugierde nicht, waren vielmehr im Grunde gleichgiltig. Das Vertrauen an den guten Willen und an den Einfluß war eben groß genug. Uebrigens war die ökonomische und die kulturelle Lage lange nicht so prekär wie im XX. Jahrhundert. In den überlieferten wirtschaftlichen Formen kannte man sich aus und fand sich recht und schlecht zurecht. Die judenfeindliche Wirtschaftspolitik der polnischen Parteien (des Pater Stojalowski, der Nationaldemokraten, der Christlich-Sozialen und der Christlich-Nationalen), der Landesregierung (Schankkonzeffionen) und des Landesausschusses (Salzmonopol), sowie beinahe der ganzen Preffe, insbesondere der klerikalen und der nationalistischen, war damals noch nicht bedeutend genug, um eine besondere Stellungnahme zu erfordern. Die ungünstige, ökonomische Lage der Juden kam schon Ende der Neunziger-Jahre in der Wahl von einigen oppositionellen Abgeordneten in Städten mit großer, jüdischer Wählerzahl zum Ausdruck. Die Zunahme des polnischen Nationalismus während der russischen Revolution, sowie infolge der deutschen Polenpolitik im Posen'schen ließ den fortschrittlichen, polnischen, politischen Parteien immerfort schmäleren Raum. Der Herbst 1910 brachte endlich die Judenreinheit der polnischen Parteien. Die damals zu Lemberg auf Veranlaffung Dr. v. Löwenstein's über Landtagsbeschluß tagende Enquete zwecks Linderung des Judenelends hat die weite Kluft zwischen sämtlichen polnischen Parteien und den Juden aufgedeckt. Die Polen grollten überhaupt der Enquete, sie konnten sie dem Dr. v. Löwenstein nicht verzeihen. Sämtliche jüdischen Teilnehmer (von Stand bis Feldstein) beklagten sich über den Zustand der wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Lage der Juden; die wenigen Polen, welche der Einladung des Landesansschusses gefolgt sind, bestritten diese Tatsache. Im Zeitalter des allgemeinen Wahlrechtes müssen solche Vorgänge ihre Folgen haben. Das jüdische Volk kann sich doch nicht einer Partei anschließen, kein Programm annehmen, dessen Spitze gegen die Lebensinteressen des jüdischen .Städters, Kleinhändlers und Arbeiters gerichtet sind. Hier sind die Ursachen und die Bedingungen der jüdisch-nationalen Politik und Bewegung zu finden. Anfangs wählten sie gerne Mitglieder des Polenklubs, weil sie an deren Nützlichkeit und Einfluß glaubten. Mit der Verschlimmerung der ökonomischen Lage wählten sie dieselben Herren noch immer, als regierungsfreundliche, also einflußreiche Männer. Seitdenr aber das Moment der Regierungsfreundlichkeit mit der Abnahme des Einflusses parallel an Kraft verlor, begann eine gewisse Unruhe in den jüdischen Massen wegen der Suche nach neuen Schlagworten, Standpunkten und Programmen — den veränderten, neuen Verhältnissen angepaßt. Man muß immer wieder daran festhalten, daß es bei den nun einmal, vielleicht nicht mit Unrecht, als praktisch verschrieenen Juden sich eigentlich um wirtschaftliche Interessen handelt, um deren würdige und erfolgreiche Vertretung gestritten wird. Die polnischen Parteien lehnen jede unparteiische, für Alle gleichmäßige Interessenvertretung rundweg ab. Die Juden gehen mit leeren Händen aus. Die bisherigen, jüdischen Politiker glaubten durch Konzessionen auf kulturellem, ja selbst auf religiösem Gebiete die klerikalen und nationalistischen Polen umstimmen und sie vom wirtschaftlichen Kreuzzuge abhalten zu können. Leider erscheint dieser Glaube nicht immer berechtigt. Der grundsätzliche Gegensatz läßt ihn wanken. Um Brot wird gekämpft. Nicht Polenfreundlichkeit und Polenfeindlichkeit sind Kampfobjekt, wiewohl von mancher Seite absichtlich dies behauptet wird. Es handelt sich lediglich um jüdische Interessenvertretung. In einer polnischen Partei, mit derselben oder ohne — das ist die Frage. Alles Andere ist Staffage, Etikette. Dieser Standpunkt wird im Grunde allgemein zugegeben. Diese Betrachtung allein erklärt dem Beobachter die auffällige Erscheinung des Ungewissen und Unbeständigen, ja Unberechenbaren des Wahlausganges, beziehungsweise der Stimmung der jüdischen Volksmassen. Assimilatorisch, zentrifugal waren sie nämlich nie; nur regierungsfreundlich und loyal. Diese Loyalität läßt sie übrigens auch nun noch keine Sozialdemokraten wählen. Die Judenfeindlichkeit der polnischen Bureaukratie läßt den Einfluß dieser einseitigen Regierungsfreundschaft gar klein erscheinen. Der polnische Nationalismus zieht natürlich die Juden nicht. Nur die Furcht bleibt und die Rücksicht auf eventuelle Repressalien, wie sie leider aus dem Jahre 1907 in Aller Gedächtnis leben. Anderseits wird die zarte Seite des jüdischen Selbst- und Ehrgefühls mächtig ins Schwingen gebracht und das Bedürfnis einer Remedur stark hervorgehoben. Daher die eigentümliche Erscheinung, daß die furchtsamen, von der Bureaukratengunst abhängigen, übrigens unbewußten Chassidim des Belzer Kreises die regierungsfreundlichen „Assimilanten" wählen, währenddem die fortgeschrittenen, mehr aufgeklärten und selbstbewußteren Juden von Stanislau, Tarnopol, Lemberg u. dgl. mehr oder weniger oppositionelle Abgeordnete mit besonderem jüdischen Wirtschaftsprogramm (Sabbathruhe rc.) in den Reichsrat entsenden wollen. Das Wahlergebnis ist der Exponent des Druckes, als nicht minder der berühmten „Kunst", wie sie bei der galizischen Wahltechnik meisterhaft geübt wird. vom Jahrmarkt des Lebens. Der Romanschriftsteller A. Halbert und der Balladendichter Börries Freiherr v. Münchhausen II. Wir haben in Nr. 22 den kuriosen von. antisemitischen Schlagworten durchsetzten Brief des Frei^rrn B. von Münchhansen an den Romanschriftsteller A. Halbert und dessen Antwort publiziert. In der Peßachnummer der „Welt" findet sich ein interessanter Brief Theodor Herzls an den Freiherrn von Münchhausen. „Mein lieber Lord! So muß ich Sie nennen, und Sie sind Gott sei Dank! ly.isch genug, um es mir zu gestatten. Doch darf ich Ihnen nun auch die Gründe nicht vorenthalten, sonst meinen Sie, ich wäre doch ein bißchen übergeschnappt. Als ich vor Jahr und Tag in diese zionistische Bewegung hineinging und denen, die sie nicht verstanden oder verstehen wollten, die Augen zu öffnen versuchte, da sagte ich auch Ihr Kommen an, mein lieber Lord. Ich wußte nicht, wie Sie heißen würden, aber ich wußte, daß Sie kommen müßten. Ich kündigte an. daß auch unsere Bewegung einen Byron begeistern würde, wie einst die Sache der Griechen sich einen Sänger aus anderem Stamme holte. Za weit will ich den Vergleich nicht treiben. Nur Ihnen sagen, wie es mich gefreut und mir auch richtig gegruselt hat, als ich Ihre Jndensänge in die Hand bekam. Und dieser aufrechte Ephraim Mosche Lilien. Dem brauche ich freilich keinen Dank zu sagen, weil es seine eigene Sache ist. so gut wie weine. Noch aber traute ich mich nicht. Sie als einen adelsgeprüften Lord der Dichtung zu begrüßen, weil ich mein Urteil für chauvinistisch getrübt hielt. Jetzt habe ich auch Ihre schönen „dunkelen" Balladen gelesen und das Gruseln war wieder da, jenes schöne Gruseln, das mich nur überläuft, wenn ich wahre Kunst plötzlich erlebe. Vorläufig wollte ich Ihnen nur diese kleine Huldigung darbringen. Ich hoffe auf die Freude, Sie einmal persönlich kennen zu lernen. Und jetzt, da ich den Brief schließen will, fällt mir auf, daß er eigentlich unbescheiden ist: ich setze nämlich voraus, daß Sie meinen Namen und meine Bestrebungen kennen.- Ist das ein Irrtum, so laffen Sie sich dennoch diese Huldigung gefallen, mein lieber Herr von Münchhausen, und lesen Sie einfach die Unterschrift „Ein Jude" an Stelle des Namens Ihres Sie grüßenden und verehrenden _ Theodor Herzl." Das Kaddischsagen der Frauen. Daß nur Männer, nicht aber die Frauen verpflichtet sind, Kaddisch zu sagen, ist allgemein bekannt. Darum soll man ihnen auch von dem erfolgt'n Ableben des Vaters oder der Mutter keine Mitteilung machen.*) während es wohl gebräuchlich ist, dies zur Kenntnis der Männer zu bringen, damit sie Kaddisch sagen. (Vgl. Schulchan Aruch: Jore Deah 40ii.12 RMO.) Aber gewehrt kann ihnen das Verrichten des Kaddischzebeles nicht werden, wie man sie ja überhaupt nicht abhalten kann, einen religiösen Brauch zu üben, zu dem sie von Gesetzes wegen nicht verpflichtet sind. Jedoch darf ihnen das Kaddischsagen nur in dem Falle gestattet werden, wenn sie nicht in die Sphäre des Mannes treten, das heißt, wenn sie dadurch die Rechte des Mannes in keiner Weise schmälern. Die beiden Töchter des Baron Günzburg aber, die nach einer Zeitungsnotiz täglich in der Männerabteilung eines Londoner Bethauses am Gottesdienste teilnehmen und Kaddisch sagen, machen sich einer solchen „Grenzverletzung" schuldig. Das hebräische Organ der englischen Orthodoxen hält sich darum über dieses Vorgehen mit vollem Rechte auf. Wir dürfen uns nämlich bei Beurteilung dieses Faktums nicht etwa von der großstädtischen Gepflogenheit leiten laffen, daß alle in der Synagoge anwesenden Leidtragende gemeinsam Kaddisch sagen, ohne Unterschied zwischen Einheimischen und Fremden, ohne zu untersuchen, wer Jahrzeit hat, wer in Schiw'ah, in Schloschim oder im Trauer j a h r e sich befindet, wobei es natürlich ans einige Personen mehr oder weniger nicht mehr ankommt. Wir müssen da vielmehr — wie es beim orthodoxen Organe sicherlich der Fall ist — den Standpunkt des Schulchan .Aruch einnehmen, der wohl Unterschiede macht, sowohl zwischen den einzelnen Kaddeschim. wie auch zwischen den kaddischsagenden Personen in der Weise, daß namentlich der Einheimische (Toachab) den Vorrang hat gegenüber dem Fremden (Orsaeb), *) Wegen rr'Liv