Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 25 (23.6.1911)
- Date
- 1911-06-23
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 410 Dr. Blocks WockenWM Nr. 25 und mit solcher Verachtung von der Bevölkerung. davongejagt worden, wie die christlichsoziale. Sie hat auch nie solche. Unsummen und eine so große, nach zehntausenden zählende Trabantengarde ins Treffen geführt wie die klerikale« Antisemiten und deren Führer „Exzellenz, san ma ehrlich", der sich nicht traute, sich in Wien aufstellen zu lassen und der auch in seinem Zufluchtsorte solenn hinausgeworfeu wurde. Es nützte diesen Politikern der Finsternis auch gar nichts, daß sie noch einen letzten, wilden Anruf an den Antisemitismus der Wähler richteten, persönlich und durch die Presse. Der Leitartikel der „Reichspvst" am Sonntag vor der Stichwahl war wohl das Perfideste, was an Judenhetze jemals geleistet wurde, niemals wurde der Paragraph über Aufreizung zu Haß und Verachtung so verbrecherisch übertreten. Der Hinweis auf die Juden, welche in früheren Zeiten die Stephanskirche angeblich mit brennender Zigarre im Munde und den Hut am Kopfe als Durchgang benützten, war neben den Behauptungen der Christenunterjochung aller Art durch die Juden ein beispielloses Bubenstück. Es ist schwerer, im Glücke weise zu sein, als im Unglücke, sagt ein altes Sprichwort. Das müssen jetzt vor allem wir Juden bedenken. Wir dürfen in keinen unserer alten Fehler verfallen, welche uns so verhängnisvoll geworden sind. Die große Assimilation wäre das größte Nebel davon. Schließen wir uns als treue Mitkämpfer den großen wirtschaftlichen Gruppen an, deren Bildung durch die Stichwichl vorbereitet wurde, gebrauchen wir unsere Rechte fest, aber mit Maß, vernachlässigen wir unseren eigenen Besitzstand und unsere eigenen Organisationen nicht, verlieren wir unsere Würde als Juden nicht und es wird niemandem mehr gelingen, uns wiederum so mitten in der Neuzeit so zu entrechten, wie den vom Volksgericht zum Tode verurteilten Christlich-Sozialen. Wie so oft in unserer viertausendjährigen, Wechsel- und wuuderreicheu Vergangenheit, haben wir wiederum einmal Gelegenheit, am Grabe unserer Hasser das Walten einer gerechte« Vorsehung in den Geschicken der Völker zu erkennen und zu bewundern, Es ist ein Gott der Gerechtigkeit, welcher die Welt regiert. __ Krirfr aus Galizien.*) n. Das geistige Leben der Juden in Galizien fordert zu einer emgehenden, meist nicht immer von angenehmen Gefühlen begleiteten Betrachümg heraus. Die schroffsten Gegensätze grenzen an einander hart im eogen Raume der einheitlichen, ungeteilten Gemeinde. Sämtliche Entwicklungsstadien, welche die europäische Judenheit seit zwei Jahrhunderte durchmeffen hat, sind hierzulande mehr oder weniger zahlreich vertreten. Es gährt in den Gemütern. Eine Unruhe hat die Köpfe erfaßt und läßt sie nach sämtlichen Windrichtungen sich wenden, um die Morgenröte, das wahre Licht, die Wahrheit ausfindig zu machen. Denn das Merkmal des Seelenspiegels der galizischen Judenschast ist die wellenartige Bewegung, welche von im Grunde unbeständigen, einander sich ablösenden Windrichtungen hervorgerNfen und erhalten wird. Gar mannigfach sind die Denktypen, verschiedenartig die GefühlLnuancen, abwechslungsreich die Reaktionsweisen. Zahlreich sind die Losungsworte, welche, im Kampfe geboren, nach getanem Dienst wieder verschwinden. Merkwürdig vielseitig sind die Standpunkte, auf welche sich hi« größere Gruppen einigen, oft ohtke deren einzelne Punkte, bezw. Mdziele zu kennen oder g>r anzuerkennen. Kurz, es herrscht hier.ein ungeheures Gewirre, wodurch die Auffindung der beitenden Ideen sehr erschwert wird. Viel Beobachtung, sehr viel Aufmerksamkeit sind dazu nötig, um das Bleibende auszuscheiden und festzuhalten. Das Gewoge der Tageskämpfe, vom Persönlichen der leiterckeu Individuen, von deren Leidenschaften und suggestiven Energieemmnüioneu, augepeitscht — droht dem Betrachter das eigene Urteil zu rauben, ihn zu verwirren. Die Kenntnis der Vergangenheit, zu eiuer abgerundeten Anschauung verdichtet, vermag es allein und ausschließlich, de» rechten Weg durch diese Wildnis zu bahnen. Die poülischen Juden, d. h. die Juden im einstigen Königreiche Polen, wozu auch Galizien bis 1772, bezw. 1795 gehört, waren bis N» Mitte des XVIII. Jahrhundert im Grunde einförmig. Von der Sabbatianischen Bewegung abgesehen, welche im förmlichen Austritt Franks und Genoffen im Jahre 1759 ihren Abschluß gefunden hat, *) Vergl. Nr. 20. gab es in der europäischen Judenheit, welche damals überall ein „polnisches" Gepräge trug, keine Spaltung. Talmudjuden waren sie alle und auf den Sohar hielten sie auch. Der Talmud, als die Rechtsquelle und des Wissens — Lehr- und Lernstoff, sowie der Sohar, als der geheimnisvolle Born, welcher den Durst nach Ergründuug und Erkenntnis der himmlischen und irdischen Kräfte, des ganzen Geschehens, des ewigen Seins und des unaufhörlichen Werdens, zu löschen .vermag — teilte sich in den Besitz des jüdischen Geistes. Friedlich übten sie ihre Herrschaft nebeneinander aus. Der Talmud beschäftigte das Gehirn, beriet und leitete im grauen Alltag; der Sohar befriedigte die Phantasie, wirkie auf das Herz, erfüllte das Gewüt. Um die Mitte des XVIII. Jahrhunderts schien plötzlich dieses Gleichgewicht durch Israel Baal Nehem Tob (Bescht), aus der Kolomeaer Gegend in Ostgalizien gebürtig, Gefahr zu laufen. De? Chassidismus-kämpfte gegen die maßlose Askese jener Zeit mächtig an, räumte dem religiös bewegten und künstlich durch den Alkohol aufgeregten Gemüte die größte Bedeutung ein, suchte endlich als Volksbewegung die Bedeutsamkeit und Verdienstlichkeit der naturgemäß nur im beschränkten Kreise möglichen, aber aristokratischen wissenschaftlichen Bestrebungen, des wenn auch talmudischen und soharistischen Studiums herabzusetzen. Groß war die Unruhe in den alten jüdischen Gemeinden. Bannstrahlen zuckten.' Die damaligen Hauptstätten des jüdischen Geistesadels Brody und Wilna wehrten sich heftig gegen diese neue Richtung, wurden die Bollwerke der Misnagdim (der „Gegner" der Chassidim) und sie sind es bis auf den heutigen Tag geblieben. Die Befürchtung von zentrifugalen Folgen hat sich jedoch nicht bewährt.Die Chassidim bilden heutzutage jedenfalls einen der internen Hauptbestandteile des Judentums. Ende des XVIII. Jahrhunderts setzte eine neue Bewegung ein, welche die Juden von neuem aufregte und sie in anderer Hinsicht in zwei Lager teilte. Die Bildungsbestrebungen der „Berliner", sowie die Toleranzideen und die Uniformierungstendenzen der Josephinischen Periode, nicht minder die Napeleonischen Kriege mit ihren zahlreichen Vertretern französischer Gesittung und revolutionärer, umstürzlerischer, neuerungssüchtiger Ansichten haben viel Gährungsstoff in die Gemüter geworfen. Die von Joseph II. gegründeten Judenschulen haben das ihre getan. Die „Deutschen", d. h. deutsch sprechende und „deutsch", westlich gekleidete Juden von Anno 1848 traten auf die Bühne. Die galizischen Juden teilen sich seither in „Deutsche" und „Juden" (welche die jüdische Volkstracht anhaben). Mit der Konstitution von 1867 ist gleichzeitig das Königreich Galizien polonisiert, aus Aemtern und Schulen die deutsche Sprache verbannt worden. Für die Juden bedeutete diese Umwandlung eine Katastrophe. Sie haben also vergeblich und zwecklos die deutsche Literatur und Kultur sich angeeignet, nutzlos sind sie „Deutsche" geworden, sie mußten nun alles umlernen. Noch immer bildeten die „Jaden" Pie erdrückende Mehrheit. Allein allmählich traten Erscheinungen auf, welche auf eine Bewegung in den Massen, in den breiten Volksschichten auf dem Lande schließen ließen. Die allgemeine Schulpflicht, der nunmehr ausschließlich persönlich geleistete Militärdienst, die materiellen Einbußen infolge der Unkenntnis der polnischen Amtssprache haben in den letzten Jahrzehnten die Judengemeinden beinahe umgewandelt. Die Bildungsfrage eines noch immer kleinen Kreises ist in eine Kulturfrage der ganzen galizischen Judenheit umgeschlagen. Die Doppelpersönlichkeit des „deutschen" Juden hatte inzwischen dem vollständig entjudeten Polen mosaischer Konfession Platz gemacht. Das chauvinistische Groß- und Allpolentum hat sich auch den «assimilierten" Juden mitgeteilt. Den Höhepunkt erreichte diese rückfichts- und grenzenlose Vorwärts-, „Forlschritts"- und Sturmbewegung im Jahre 1891. Allmählich trat eine Ernüchterung ein. Die Massentaufen in Warschau haben begonnen. Die führenden polnischen Israeliten haben Israel verlassen. Das jüdische Volk wollte nicht mitgehen, die jüdische Intelligenz auch nicht. — Der polnische Klerus begann sich zu regen. Die führenden Geister unter den Polen, Sienkiewicz voran, suchten und fanden das sie alle einigende Band im christkatholischen Glauben und den nötigen Schutz und Schirm bei der römischen Kirche, beim Vatikan. Das Kreuz auf der Krone Polens wuchs immer mehr. Die Toleranzideen, die Losungsworte des Fortschrittes und des Liberalismus büßten langsam, aber stetig ihre Zugkraft ein. Die polnische Intelligenz begann noch dazu den ökonomischen Boykott der Juden zu lehren und zu leiten. Die Schlagworte der Assimilation, als des endlichen und endgiltigen Aufgehens der Juden in einem konfessionslosen, g fühlsfreien und jeglichen nationalen Chauvinismus entledigten Menschentum, sage Polentum, haben sich als phantastisch und unmöglich erwiesen. Die Polen hangen zu sehr an der römischen Kirche; der Katholizismus, ultramontan ungemein stark betont, ist noch immer im Wachsen begriffen und derselbe hat bislang seinen Sättigungsgrad bei weitem nicht erreicht. Andererseits denken die Juden in ihren Tausenden und Aber-' tausenden durchaus nicht daran, den geschichtlichen Faden jäh abzureißen, die Vergangenheit lebt in ihnen. Die Assimilation, als die negierende Bewegung zur Auflösung des Judentums unter dem positiv gehaltenen Deckmantel des Anschluffes an das Polentum hat infolge beiderseitiger Abneigung gegen die Eintauschung einer gefühlsbetonten Vergangenheit mit einer gehirnkalten, berechnet'«, nationalisierten Zukunft, unstreitig. Schiffbruch gelitten. Die Assimilatoren von heute bilden nur noch eine dünne Schichte aus der Mitte bis zu den Neunzigerjahren des XIX. Jahrh. Zu diesen entjudeten, zentrifugalen-.