Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 24 (16.6.1911)
- Date
- 1911-06-16
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 400 Dr. Blocks Wochenschrift Nr. 24 er mit bestem Gewissen der Gemeinde zur Wahl empfehlen könne. Redner fügt hinzu : Ich halte mich als Oberrabbiner der hiesigen Gemeinde und als der Aelteste der jetzt in Tätigkeit befindlichen Rabbinen verpflichtet, den vier jüngeren Kollegen^ die das Predigtamt in der Leopoldstadt seit dem Tode Dr. David's besorgten, die Arierkennung zu zollen, und ich glaube in Ihrem Sinne zu sprechen, daß sie dieses mit aller Würde und großem Erfolge getan, sich als tüchtig und Meister der Rede bewährten. Diese Kollegen haben natürlich die Empfindung, daß sie jetzt zurückgesetzt werden. Wenn sie Alle auch in gleicher Stellung bei derselben Wiener Gemeinde amtieren, so gilt die Kanzel der Leopoldstadt als die bevorzugtere. Allein so sehr ich diesen Schmerz begreife und mitsühle, habe ich doch die Ueberzeugung, daß sie einem Manne wie Dr. Löw gegenüber, dem es schon durch sein höheres Alter gegeben war, sich einen Namen zu schaffen, die Resignation üben werden, ihm den Vortritt zu lasten." In gleichem Sinne sprach Hofrat Prof. D. H. Müller, ein langjähriger Freund Dr. Löws. Dann kam Herr Hermann Plaschkes zum Worte, der das Vorgehen des Vorstandes in dieser Besetzuugsfrage kritisierte. Immer war es Sitte, daß ein Rabbiner vor seiner Wahl zunächst eingeladen werde, vor der gesamten Gemeinde im Tempel eine Gastpredigt abzuhalten. Der Gemeinde war Gelegenheit gegeben, den neuen Rabbiner vorerst kennen zu lernen und der Vorstand konnte den Eindruck wahrnehmen, den die Person und die Predigt in den verschiedensten Schichten der Gemeinde zurückgelaffen. Mannheimer, I e l l i n e k und auch der gegenwärtige Oberrabbiner Dr. Güdemann haben vor der Wahl eine Predigt in der Gemeinde gehalten. Statutengemäß hätte der Vorstand einen Konkurs ausschreiben sollen, wie es früher war, man sollte eine freie Bewerbung zulaffen. Die Abhaltung einer Probepredigt ist absolut nichts Unwürdiges und am Berge Sinai, als Moses ihm die Thora im Namen Gottes anbot, verlangte daS jüdische Volk, daß Gott selber zum Berge herniedersteige, damit die jüdische Gesamtheit aus seinem Munde die Thora vernehme. Oberrabbiner Dr. G ü d e m a u n erwähnte darauf, daß er nicht auf Grund eines Konkurses nach Wien berufen worden. Vielmehr habe er, nachdem sein Freund und Kollege, der verstorbene Dr. Perles aus München in Wien eine Probepredigt gehatten, Anstand genommen, durch eine Bewerbung ihm eutgegenzutreten, worauf der damalige Vorstand ihn später spontan zu einer Predigt eingeladen. Hofrat M ü l le r verwies auf Frankfurt am Main, wo die Gemeinde ebenfalls von der Publikation eines Konkurses abgesehen hat. Gemeindemitglied Herr Bernhard Hofbauer sprach im Namen seiner Gesinnungsgenossen gegen die vorgeschlagene Wahl. Direktor Heller von der Hohen Warte empfahl in begeisterten Worten Herrn Dr. L ö w, welcher mtt Recht eines hohen Ansehens sich erfreut, hob dessen Wirken auf die Jugend als segensreich besonders hervor. Herr Eduard Beer sagt: lleber die Qualifikation des Herrn Dr. Löw sich zu äußern, maße er sich nicht an. Allein das beliebte Vorgehen werde in wetten Kreisen der Gemeinde Mißstimmung Hervorrufen und.Redner hätte gewünscht, daß Herr Löw vorerst im Tempel der Leopoldstadt gehört worden wäre. Rektor Prof. Dr. Schwarz erwiderte mtt Hinweis auf die Stellung Löws, auf sein Ansehen und seine Autorität und meint, daß man, angesichts des fluktuierenden Charakters des Leopoldstädter Tempelpublikums, einen Manne wie Dr. Löw nicht zumuten dürfe, sich solchem Urteile auszusetzen. Nachdem noch Gemeindemitglied Herr Fischer, ein geborener Szegediner, und Herr Wilhelm Pappen heim, Vorstandsmitglied der rsraelttischeu Allianz gesprochen und keine wetteren Redner sich zum Worte gemeldet, schloß der Präsident die Beratung, worauf der israelitische Kultusvorstand sofort zu einer Plenarsitzung zusammentrat,-in welcher der Oberrabbiner Dr. Jmanuel L ö w aus Szegedin zum „Rabbiner der Wiener israelitischen Kultusgemeiude" bestellt wurde. Gleichzeitig wurde Herr Oberkantor Josef Morgenstern ans Sebastopol, dessen Probevorträge im Lerpoldstädter Tempel am 26. und 27. v. M. seitens des Publikums mit begeistertem Beifall ausgenommen wurden, zum Oberkantor für den Leopoldstädter Tempel gewählt. Da beide Wahlen zweifellos auch die statutenmäßige Gutheißung des Tempelvorstandes finden dürften, so erscheinen damit die Vakanzen im Leopoldstädter Tempel erledigt. Eine große Stiftung für die Wiener Israel. Allianz. Freitag den 9. d. M. wurde am Wiener Zentralfriedhof der im 92. Lebensjahre Hingeschiedene Jakob Adler zu Grabe geleitet, ein Mann, der Jahrzehnte hindurch in traditioneller jüdischer Weise still und bescheiden Wohltätigkeit geübt hatte. Seit dem Jahre 1882, in welchen die damalige große Hilfsaktion der Wiener Israelitischen Allianz für die Opfer der russischen Judenverfolgungen seine Aufmerksamkeit auf das segensreiche Wirken dieses Vereines gelenkt hatte, gehörte er der Allianz als eifriges Mitglied und freigebiger Gönner an. Durch eine Reihe von Jahren vor seinem Tode übersandte er dem Vereine jährlich einen Beitrag von- 1000 Kronen. In seinem Testamente verfügte er, daß sein gesamter unbeweglicher Besitz (hauptsächlich ein großes Gut in Ungarn, das auf über eine Million Kronen geschätzt wird) der Israelitischen Allianz zu Wien zur Förderung ihrer Hilfsw erke für die verfolgten Glaubensgenossen, sowie ihrer erziehlichen Tätigkeit zufalle. Es ist dies der erste Fall in Oesterreich, daß ein Wohltäter ein großes Vermögen nicht für lokale humanitäre Zwecke, sondern großzügig an eine zentrale Organisation wie die Wiener Allianz für gesamt-jüdische Zwecke hinterläßt. In einer Zeit, wo die von der Allianz so hoch gehaltene Idee der jüdischen Solidarität den weitesten Kreisen der Judenheit zum Bewußtsein gebracht werden muß,, verdient dieses Beispiel einer hochherzigen Förderung unserer parallel mit der Pariser Alliance Jsraelite Universelle seit nahezu vier . Jahrzehnten segensreich wirkenden zentralen Organisation in Oesterreich besondere Nachahmung. Die Wiener Israelitische Allianz wird durch diese Schenkung in die Lage kommen, sowohl ihren Hilfswerken für die bedrängten nGlaubensgenosseniuden östlichen Ländern, wie ihrer mit so viel Umsicht und Energie geleiteten Schulaktion in Galizien, über welche erst jüngst wieder durch den letzten Jahresbericht des Vereines umfassende Mitteilungen in die Oeffentlichkeit gelangten, eine größere Ausdehnung zu geben und die österreichische Judenheit, welche bei den vielfachen Hilfsaktionen der verflossenen Jahrzehnte auch sonst durch die Israelitische Allianz so würdig repräsentiert war, wird nun durch die größere Leistungsfähigkeit der Wiener Organisation einen um so ehrenvolleren Anteil an der Lösung der schwebenden jüdischen Probleme nehmen können. . Das Leichenbegängnis des Verstorbenen fand Freitag, den 9. d. M., am Zentralfriedhofstatt. Es chatten sich Vertreter verschiedener Wohltätigkeitsvereine in Wien, sowie Deputationen der Kultusgemeinden Baden und Galantha eingefunden; als Vertreter der Allianz beteiligten sich die Herren Vorstandsmitglied Wilhelm Pappenheim und Sekretär Dr. Armand Kamiuka. Oberrabbiner Dr. Güdemann hob in einem warmen Nachruf hervor, daß der edelgesinnte Hingeschiedene ungleich vielen anderen Wohltätern, die sich bei Lebzeiten nicht genug tun können, um den Ruhm ihrer Werke auszuposaunen, in stiller Zurückgezogenheit und wahrer Frömmigkeit humanitäre Werke gefördert, dann sich durch seine große Stiftung für die Allianz als hochgesinnter, warmfühlender Jude erwiesen habe. Herr Rabbiner Seidel aus Galantha sprach in Anknüpfung an das. biblische Wort: „Und Jakob zog seines Weges, da kamen ihm Engel Gottes entgegen", über die zahlreichen Unterstützungen, die der Verblichene in vornehmer Weise in der jüdischen Gemeinde seines Geburtsortes regelmäßig verteilen ließ. Zu jedem Purim und an. jedem Erew Jom K-ppur ließ erdurch Vertrauensmänner in Galantha jeden einzelnen Bedürftigen in der Gemeinde für seine Rechnung eine angemessene Spende schicken. Am offenen Grabe widmete Herr PäPPeuheim dem Verstorbenen namens der Allianz Worte tiefgefühlten Dankes. Fünfzigjähriges Doktorjubiläum Hermann Telekys. Heute vormittag fand aus Anlaß des - fünfzigjährigen Doktorjubiläums des angesehenen-Wiener Arztes Hermann Teleky eine Feier in seiner Wohnung statt, bei welcher der Rector magnificus Hofrat Professor Bernatzik im Namen der Wiener Universität gratulierte, der Dekan der medizinischen Fakultät Professor Höchstetter dem Jubilar das erneuerte Doktordiplom überreichte.