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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1911-06-16 · 24 (16.6.1911) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
28 (1911)
Issue
24 (16.6.1911)
Date
1911-06-16
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 24 Dr. Blochs Wochenschrift Sette 399 mit Mißtrauen angesehen und mit der größten Strenge behandelt. Das Provinzialparlament von Toulouse hat niemals Neophyten in die Gerichtsverwaltung ausgenommen. Aymar ist es zwar gelungen, seine Sohne in Veziers und von da ins Parlament zu Toulouse einzuschmuggeln : allein man hat sie veranlaßt, ihre Aemter niederzulegen. Diese gerade sind es, welche einen Teil unseres Parlamentes (der Provence) bilden sollen! Warum wird das Parlament sie aufnehmen und ihr einziger Zufluchtsort sein? Unter den Grafen der Provence würden sie sich nie Zu solchem Ehrgeiz verstiegen haben, warum diese Gunst uEr dem üllerchristlichsten König? Sie sind nur Christen zum Schein, sie beobachten ihre alte Religion, sie tragen selbst zu den Kosten dL»c- Synagoge von Avignon bei. Beweis: Ein Jude jener Stadt, der kam, um den Beitrag für die Gemeinde zu erheben, hat sich irrtümlich an einen wirklichen Christen gewendet (den er für einen Scheinchristen hielt). Cs ist den Neophyten gelungen, die Angelegenheit zu vertuschen, allein nichts ist leichter, als eine Untersuchung einzuleiten und den Tatbestand sestzustellen. Dann sind sie einig unter sich, sie stecken sich zusammen, um sich gegenseitig zu helfen: sie haben nur einen Willen und vertrauen ihre Geheimnisse nur unter sich einander an!" Sie sind die reichsten in der ganzen Provence und bald werken alle ihre Aemter in ihren Händen sein. Ueberdies sparen sie nichts, um zu Ehren und Ansehen zu gelangen. Sie haben jene Neugierde, welche alles wissen will, was in Privathäusern gesprochen und getan wird: sie sprechen (als Beamte) nur Recht, um die Einen zu begünstigen und die Anderen einzuschüchtern. Diejenigen, welche Gerichtsbeamte sind, fürchten nicht, Wucher zu treiben und selbst mit Waren zu schachern. Aber was am meisten zu fürchten ist, das ist ihre Glaubensverschiedenheit, indem sie keine eigentlichen Christen sind; es ist nicht klug, sie alle in einer Provinz zu lassen. Ihr Geiz ist so groß, daß sie ohne Zweifel ihren Glauben verkaufen, gerade so, wie sie Gottes Sohn verkauft haben. Während der letzten Wirren haben sie eine Zuflucht zu Avignon gesucht, ihrem Heimatsland, denn sie betrachten sich mehr als Untertanen des Papstes als die des Königs. Endlich sieht man an ihnen sichere Zeichen des Flu ches Gottes: sie sind krank am Karfreitag diese Nachkommen derer, welche Jesus angespuckt haben, wenn sie ausspucken, so fällt der Spuck auf sie zurück! Welche Schande, solche Leute in unserm Land zu dulden! Schluß: Man muß sie fortjagen und ihre Güter einziehen, welche mehr als eine Million Gold wert sind. Wenn man zögert, sie zu verbannen, so nehme man ihnen wenigstens die Aemter, welche wieder verkauft werden können und zwar mit einem Provit von 50 000 Taler. Außerdem brandschatze man sie, wie zu Zeiten Louis XII. Hiermit ist die Serie der Beschwerden erschöpft, welche man gegen einelmächti'ge Familie schleudert, die im Schoße des Parlaments der Provence eins zu große Anzahl von Vertretern hatte. Der historische Apparat und die Uebrrfülle der Details, mit denen man sie umgibt, dürfen nicht irre führen. Man hat nicht bewiesen, daß die Aymar Etienne und Andrau oder Thomässin wirklich jüdischer Abstammung waren, was ohne Zweifel nicht unmöglich war. Aber die Anklage, einige Verbindung mit den Judentum und einige Beziehungen mit der isr. Gemeinde Avignon gepflogen zu haben, beruht nur aus einer sehr allgemeinen Behauptung. Der Verfasser der „Vorstellung" mit seiner vollendeten Geschicklichkeit würde nicht ermangelt haben, ganz andern Vorteil daraus zu ziehen, wenn er sie mit irgend einem ernsten Argument oder mit irgend einem weniger fiktiven Beweis hatte verstärken können. Man ist erstaunt, über diese Beharrlichkeit im Haß, mit dem man die getauften Juden verfolgt, denen man ihren Ursprung nicht verzeiht, so sehr sich auch derselbe in der Vergangenheit verliert. Der Nepotismus, ein Mißbrauch, der fast überall vorkam, wurde den damaligen Juden als Eigentümlichkeit aufgehalst und nach dem Sprichwort: Ote toi ole la pue je mV mette lustig auf die Leute los verljeumd'et. weil man sich an deren Stelle setzen wollte. Dies geht auch daraus hervor, daß man dem König eine höhere Summe bei Neuverkauf der Parlamentsstellen in Aussicht stellte. Und um desto sicherer den Schlag guszu-i führen, klagte man die bisherigen Parlamentsglieder an. sie stammten von Juden ab, was noch nicht einmal erwiesen war. Frankreich war übrigens lange Zeit das Land her Iudenvertreibung p.-.i-exeelleirne; da Beweis hiervon ist, daß Jahrhunderte lang von Philipp August an(1180-1223) bis zur Revolution vkn 1789 es fast gap keine Juden mehr in Frankreich gab, wenn man von Elsaß-Lothringen absieht, welch ersteres im 17.. letzteres im 16. Jahrhundert von Frankreich annektiert wurden, und dann noch von einigen Landstrichen im Süden, die auch später an Frankreich fielen und in denen meist spanische und italienische Juden wohnten, wie z. B. Avignon, der alten päpstlichen Residenz. Korrespondenzen Ans der Wiener israelitischen Krltusgemeinde. Donnerstag am 8. Juni hat im Sitzungssaale der israel. Kultusgemeinde Wien, I., Seitenstettengasse 4 eine statutengemäß einberufene Vertrauensmännerversammlung zum Zwecke der Aeußerung über die bevorstehende Wahl eines Rabbiners und Predigers für den Leopoldstädter Tempel stattgefunden. Der Versammlung, welche unter dem Vorsitz des Präsidenten Dr. Alfred Stern tagte, wohnten außer dem Oberrabbiner Dr. G ü d em a n n, dem Präsidenten der „Union" Siegm. Mayer, den Professoren Hofrat Müller, Hosrat Adam Politzer, Doktor Königstein — auch der eigens eingeladene Oberrabbiner aus Szegedin Dr. Jmanuel L ö w bei. Der Vorsitzende begrüßte die Erschienenen, erklärte den Zweck der Versammlung und erteilte das Wort Herrn Dr. L ö w, welchen er mit einer schmeichelhaften Charakterisierung der Versammlung vorstellte. Herr Dr. L ö w erinnerte zunächst daran, daß von Wien aus die Idee eines geregelten Gottesdienstes siegreich durch die jüdische Gesamtheit zog; Gesang und Rede wurden in der Wiener Judenheit zuerst nach den Grundsätzen der Kunst für den jüdischen Gottesdienst gestaltet. Es bildete den Ruhm der Gemeindesührer und sie waren vom Glück begünstigt, Männer, wie Mannheimer und Sulzer, Jellinek und Güdemann, gewinnen zu können. Mannheimer war ein hervorragender klassischer Redner, beeinflußt von protestantischen Vorbildern, Jellinek war der größte Prediger, den das Judentum hervorgebracht hat. Oberrabbiner Doktor Güdemann hat das unvergängliche Verdienst, das Ansehen des Rabbinerstandes gehoben zu haben. Aber jede Generation hat ihre besondere Eigenart und läßt in der Geschichte ihre Spuren zurück, wie der Baum Jahresringe ansetzt, welche durch die Aufeinanderfolge von Frühling und Herbst entstehen. Auch das Judentum, für welches gegenwärtig eine Zeit des Herbstes ist, darf nach den unveränderlichen Gesetzen der Natur einem neuen, blütenreichen Frühling entgegenhoffen. Nachdem Herr Dr. L ö w sich entfernt hatte, nahm Oberrabbiner Dr. G ü d e m a n n das Wort und hob die Bedeutung L ö w's als Theologe und als Mensch hervor, bezeichnete ihn als einen der bedeutendsten jüdischen Gelehrten der Gegenwart, welchen

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