Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 23 (9.6.1911)
- Date
- 1911-06-09
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Dr. Mochs WocheMrift Sette 389. Nr. 23 Und nun folgten wieder 50 Jahre, bis sich die Drautzengebliebenen erst bescheiden, dann immer deutlicher zu melden begannen, und bis heute ist die Zeit der Anmeldung nicht vorbei. Denn furchtbar wenig ist das, was bis heute in bezug auf die Rechte des Menschen erreicht — man nennt es „bewilligt"—worden ist. Und es gibt also nur ein Mittel, es zu erwirken: man mutz wollen. Man mutz wissen, ein Wort, wie es Kaiser 2osef. über den Augarten hinschrieb: „Allen Menschen von ihrem Schätzer", das i]t ein Programm. Man gibt uns Gärten in dieser Stadt, und das ist auch notwendig; wir bitten aber auch um unsere Rechte, denn das ist wichtiger,. als was die Gartenkunst schafft. , -v. . : , Aber wo sind heute die Menschen, die das r Gefühl-- für den Menschen haben? Die gibt es noch nicht; sondern sie müssen erst geschaffen, müssen dazu erzogen wer-, den, und da haben Sie also den Grund, warum man für die Schule als Allerwichtigstes den Moralunterricht fordert und warum die grotze Gegnerschaft mit solcher Erbitterung gerade dieser Forderung widerstrebt. Denn, es geht um ihre Interessen: die sind gefährdet, wenn das Kind „aufwächst nicht mehr blotz mit der Begeisterung für alte Grafen, neue Milliardäre und auf weitzen Pferden sitzende Generäle, sondern mit dem unauslöschlichen Gefühle für die so einfache Wahrheit, datz das Recht des Menschen auf sein Leben und seine Gesundheit ein kostbares, datz es das heiligste aller Rechte ist und nicht verletzt werden darf. Also wirklich wieder Kampf um dio Seelen der Menschen und Werbung zu diesem Kampfe unter allen, unter den Gebildeten und Nichtgebildeten. Unter den Gebildeten mit den Worten: Schäme dich nicht-vor den Salonhelden, die dir vom Herrenmenschen erzählen: ihr Herrenmenschentum zergeht und sie werden seihe, wenn das eherne Recht sich regt. Und sag' es ihnen nur offen: Wir der Ethik uns schämen? Schämt ihr euch eurer lumpigen Philosophie! . . . Und dann Werbung unter den Ungebildeten mit den Worten: Wie könnt ihr denn ernstlich glauben, datz ihr im Winkel stehen mützt, sobald es um etwas , so Heiliges und Selbstverständliches geht, wie um das Recht auf euere Eristenz? Hervor, und weg mit der Demut, die man euch gepredigt hat, hier heitzt es einsehen und rund heraus erklären: Wir wollen helfen, denn wir müssen helfen)- und keiner Wissenschaft und keiner Sophismen bedarf es, um das zu begründen: darüber hat einzig und allein unser Gemüt das Wort. Dem entsprechend spricht auch Lynkeus' Buch nicht blotz mit dem Charakter der Gelehrsamkeit, sondern in den Tönen reinsten Gemütes, zu dem Leser, und es ist ganz eigen, wie es uns dabei geht. Es ist wie mit dem Schleier der Fee. Man kann ihn Zusammenlegen und in der Handfläche nachhause tragen, so dünn ist das Gewebe und so fein: über breiten wir esLraus, so ist es unzerreitzbar, Faden mit Faden verkettet' und unauflöslich: und wirft man es dem Gegner über den Kopf, so ist es, als trüge der Herkules das Restusgewand. Mit Absicht, scheint mir, schüttelt der Autor hie upd da die Gemütstöne und die Gedankenfolgen durchemander, um vergessen zu machen, datz es die eiserne Logik ist, die aus ihm spricht. Aber so wie es ist, ist es wie der Hauch einer Strenge und einer Liebe, die wir nicht gewöhnt smd. Und mit dieser Strenge richtet es. gegen-- über allen romantischen, gegenüber allen erträumten, gegenüber allen Vergangenheits- und Zukunftsrechten das Recht des heute lebenden Menschen, das Recht der Gegenwart auf. Heutzutage verleiht man Friedenspreise, und mit Recht wurde er. der Baronin Suttner, dieser bewunderungswürdig tapferen Frau zuerkannt. Jetzt wird wieder ein Oesterreicher: der Schriftsteller Alfred Fried, für den Friedenspreis kandidiert, und ich. als Mann der Feder, bin darüber glücklich, denn dieser Mann hat alle die Jahre unter Mühen und Verzichten so selbstlos seiner Idee gedient. Welche Tantiemen und welche Honorare wären auch für ihn erreichbar gewesen und wie lachten wir Weltkundigen über ihn ob seines Treu und Glaubens an seine Idee. Heute aber sieht man an ihm, was es heitzt, einer Idee dienen. Und mit aus diesem Grunde bin ich doppelt glücklich, datz ich in diesem der Abwehr bitteren Unrechtes gewidmeten Vereine von Lynkeus reden kann. Er macht die Grundwurzel aller Krankheiten unserer Kultur namhaft. Er ruft: Nicht blotz im Kriege, sondern auch im sogenannten Frieden be- . kriegt ihr den Menschen und schlachtet ihn ab. Er ruft: Das Recht des Menschen auf seine Eristenz, es ist heilig. - Und so verdient er ebenfalls einen Friedenspreis, der ' ein Menschheitspreis ist. Literatur» Religionsphilosophische Probleme in der arabischen Legende. Ueber dieses Thema sprach Herr Dc. I. Eifeuberg aus Dobk's, am 23. d. M. im „Deutsche V-reni für Voik-kunve und Sprachwissenschaft". Seine Ausführungen bilden einen Teil jener wiffenichasillchen Arbeiten, die der Vortragende der au vergleichenden semitischen Zagenkunde widmet und die bisher teilweise m der amerikanischen Encyclopedia hebrew, in einigen Broschüren und verschiedenen Zeitschriften iyre V-iöff^iilUchnng fanden (z. B. das Leben Hiobs und Mosis nach der aravlichen Legende (*>10) oder noch der Bublizierung darren. Der Vortragende führte etwa folgendes aus: Die arabische Phantasie, die in den ersten Jahrhunderten des Islams das Lebe» und Wirken der von Mohammed zu Propheten genempelten drbtiichen Personen mit überschwänglichen L^genoeii zu schmücken bestrebt war, interessierte sich auch für die religiösen Fragen, die die geistigen Führer jener Periode beschäftigten, und verstand cs. die einmal gefundene Lösung ebenfalls legendarisch auszugestalten. Dadurch sollte der Beweis geliefert werden, daß der um die einzelnen Fragen entbrannte Kampf schon früher einmal biblische Propheten in Anspruch genommen und dieselbe Lösung gezeitigt hatte, wie sie später die betreffende Sekte ve trat. Die Streitbegriffe, die die mohammedanische Welt in ^Orthodoxe und Freidenker- (Matrz-liten) spalteten, betrafen vornehmlich die E'nheit Gottes, die Souverenitäl, ob sie dem Hause der Omejaden oder Alis gebühre, Prädestination usw D-e O thodoxen, z. B. faßten diese Lehren bis in die äußersten Konsequenzen auf und erklärten die Prädestination, analog manchen christlichen Scholastikern infolge der Erbsünde, dahin, daß sie selbst die Freiheit des göttlichen Willens verneine. . Denn Gott habe alle künftigen Ereignisse ein für alle Mal auf die SchicksalSkafel geschrieben. Die. Freidenker hingegen legten diese Begriffe im freiheitlichsten Sinne ans. Interessant ist es, zu verfolgen, wie beide Sekten Legenden schmiedeten, die beim Volke beliebt waren und das Seelenleben desselben wiederspiegelten, um ihre eigenen Anschauungen biblischen Propheten zuzuschreiben und ihnen so Halt und Stütze zu verleihe». Daß viele dieser Legenden ihren Ursprung in Talmud und Midraich finden, sei hier nur nebenbei bemerkt. Der Vortragende h't die Quellen derselben im rabbinrschen Schrifttum nachgewiesen. Manche der verlesenen Legendengruppen haben auch in der Jetztzeit aktuelle Bedeutung. Als die Magier die Lerchenverbrennung deshalb befürworteten, weil der Mensch schon bei Lebzeiten die Luft verunreinige, geschweige denn nach dem Tode, da wendete ein Fakib ein: „Wem soll man ein Kind ausfolgen, deffen Mutter oder Amme"? „Gewiß, der Mutter", lautete die Antwort. „Ist also die Erde, der wir entstammen, nicht als unsere Mutter anzuseben, der wir auch unsere Toten zurückzugcben haben", bemerkte der Fakih. — Um nachzuweisen. daß die Prädestination selbst die Eheschließung der Geschlechter im Voraus bestimme (nach dem Talmud wird dem Manne vierzig Tage vor der Geburt seine Gattin bestimmt) erzählte eine Legende vom 10. Jahrhundert, König Salomo habe ebenfalls diese Ansicht vertreten, die jedoch ein Greif verneinte. Auf die Mitteilung Salomos, zwei Königskinder verschiedenen Geschlechtes aus entgegengesetzten Weltteilen seien einander als Mann und Weib bestimmt worden, erhob sich der Greif in die Lüfte und entführte das Mädchen auf eine ferne Insel, wo es auf dem. höchsten Berge festgehalten wurde. Dadurch sollte die eheliche Bestimmung vereitelt werden. Als der Knabe groß war, unternahm er eine Fahrt auf dem Meere. Da trieb ein heftiger Sturmwind sein Schiff unaufhörlich weiter, bis er nach einigen Tagen zur Insel gelangte, wo das Mädchen vereinsamt weilte. Ec begab sich zum höchsten Berge, näherte sich dem Mädchen, sie erklärten einänder ihre Liebe und feierten ihre Verehelichung. Bemerkt sei. daß die Sage vom Greif auch in die späteren Midraschim Eingang fand und zweifellos den Grund für den I. Teil der Kudrünsage (entstanden im 13» Jahrhundert) bildet. Denn auch hier raubt ein Greif einander als Ehegatten bestimmter Königskinder aus verichiedenen Weltteilen und erzieht sie auf einer fernen Insel, die, sobald siegroß werden, dennoch einander ehelichem — Allgemeine»Beifall lohnte diese Ausführungen.