Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 23 (9.6.1911)
- Date
- 1911-06-09
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 888 Dr. Mochs WochenfchM Nr. 33 ist es das Genie, das man anbeten muh, und was nicht Genie ist> muh man verachten: ja, für Schopenhauer ist der Minderbegabte die „Fabriksware der Natur". Larlyle wieder sagt, es wäre kein Schaden gew^en, wenn Millionen Menschen um des einen Shakespeareschen Genius willen zugrunde gegangen wären: und der einfache Mensch, dem die Natur die Mitgift der Begabung versagt hat, mag sich also nur voll Scham hinausschleichen aus dem Kreise der begabteren — er soll ihnen die Luft nicht verpesten, und wenn er im Verenden ist — es ist kein Schade um ihn! Da haben Sie., also die Höhen, zu denen diese Art souveränen Denkens die Weltdenker emporführen kann, bis sie zu Nietzsches Brutalität gelangen, der noch blendend in der Form, aber bereits wahnwitzig im Geiste, das Herrenmenschentum proklamiert, mit dem Rechte, dah es den Schwächeren einfach zertrete. Begreift man es dann nicht, dah die Leute aus dem Volke darauf schliehlich mit Worten reagieren, wie man sie bei Gerhard Hauptmann findet: „Ihr Hunde, Gott hat euch die menschliche Gestalt gegeben, aber das Herz versagt". Euer Genie, eure Geburt, eure Begabung, das sind ja Luruswerte: der Hauptwert, den ein jeder hat, ist sein Leben, einerlei welcher Religion, Nation, intellektueller oder ästhetischer Qualifikation er ist. Wenn wir an der Leiche eines auf der Strahl Verstorbenen Vorbeigehen, dann erschrecken wir und sagen, die Majestät des Todes habe uns gestreift. Da sind wir mitfühlend —. und damit wir Mitleid haben, muh also der Arme erst tot vor uns liegen. Und liegt er nicht tot vor unseren Augen da. so machen wir einen Unterschied zwischen Mensch .und Mensch, zwischen dem mit dem guten und dem Mit dem schlechten Gewände, zwischen dem, der keinen Geist hat und dem Genie. Nun denn, so wisset. wie es damit ist: Euer Genie ohne Ethos ist ebenso verächtlich, wie eure Raubtierschönheit ohne Güte und mit ihren Brutalitäten. Und das Gesicht, das plumpe Gesicht des treuen Knechtes, das schüchterne des armen Dienstboten, das demütige des Männleins und Weibleins auf der Strahe, wenn es uns mit guten Augen anschaut, ist mehr geadelt und hat mehr Schönheit, als das Gesicht einer Venus, und wäre sie von Phidias, wenn die Güte darin fehlt. Und mit diesem Gefühle des Ethikers nimmt also nun Lynkeus jedes Lebewesen her, welches immer es sein mag, und fragt: Warum schmerzt es denn so sehr^ wenn man ein Tier martern sieht? Turgenieff erzählt von einem russischen Lear, dem die Undankbarkeit alles genommen hat, bis auf ein Hündchen, das ihm zurückblieb. Auch das wird ihm schliehlich ersäuft, und da wird er wahnsinnig. Und ein anderer Russe erzählt, wie ein noch minderes Tier soeben noch lebte und wie man es im nächsten Augenblicke zu Tode marterte: und da fühlen wir auch uns dabei durchmartert, und es ist doch nur ein Tier. Was packt uns also so an der Sache, da es doch, nur ein Tier ist, das nicht in unseren Lauten zu uns spricht? Das ist es. dah es etwas Lebendiges ist, und wir alle haben einen so heftigen Lebensdurst in uns, dah uns leichter ist,. wenn etwas um uns lebt, und wäre es selbst nur ein Tier. Wenn wir des Nachts über «'inen Friedhof gehen, empfinden wir es als Befreiung, wenn ein Hund zu bellen beginnt, denn, nein, Tod, diese Stimme sagt mir, noch herrschest du nicht überall. Und dann lieben wir das arme Tier um seines Lebens willen: und wie erst, wenn wir es studieren, seinen Lebensapparat betrachten, der ein solches Wunderwerk isü! Und 'was ist aber das Tier, wenn wir es mit der Maschine vergleichen, die sich Mensch nennt und die in ihrer gröhten Verkrüppelung und Verkürzung noch immer so unvergleichlich wundervoll und erstaunlich ist. Ja selbst der Wahnsinnige, in dem die Gedanken irre gehen, und das armselige Geschöpf, das zweier und sogar dreier Sinne? nicht mäDiU ist, ist noch ejn Wunder. Wie denkt esl wie fühlt es?' Sieh, wie sein Gehirn arbeitet, es ist gewisser Porstellungeg und Willensakte mächtig,' und wir ÄÜpfWeMr nt* der Zurückgebliebenheit noch lebt hier das alte heilige, und erstaunliche Rätsel, wie aps der Materie der Geist entspringt. Und wenn es ein so reduziertes Wesen ist, dah die Nätur ihm versagt hat, was sie anderen Menschen gegeben, nun dann ist es doppelt mitleidswürdig und die Natur hat ein Verbrechen an ihm begangen, mit zweierlei Matzen gemessen, dich so arm, mich so reich gemacht. Und bist du nun so arm, dann sollte man dir das einzige nehmen und verbittern dürfen, was du noch hast, dein Leben, deine Existenz? Was heiht dies nun alles? Es heiht: Etwas^ um das von Anbeginn ' die furchtbarsten Kampfe geführt wurden, ist wieder in Vergessenheit geraten; der Mensch wird mihachtet und das Recht des Individuums auf sein Leben und seine Gesundheit wird noch immer täglich Millionenmale verletzt. Rom und Hellas erklärten: Meine Leute allein haben Menschenwert, und wgs /nicht von ihrer Art ist, gilt nicht als Mensch, sondern ist zur Sache geworden, und ich behandle es als totes Ding. Dann kam j-das Christentum und Wie:. Die Kriterien für die menschliche Qualität bestimmen sich nach etwas anderem, nämlich nach deinem Verhältnisse zum Jenseits, und entsprichst du. diesen Qualitäten nicht, dann behandle ich dich auch Nicht als menschliches Su.hiekt. Das brachte, wie früher erwähnt, erklecklich viel Glück in die Welt: wir sahen es in den mittelalterlichen Paradiesen. Und damit die Kunst, zwischen MensK und Mensch zu unterscheiden,'ja nicht etwa m Friedenszeiten in Vergessenheit gerate, wurde nocheine Kdtegorie statuiert, so dah auch für die Zeiten des Stillstandes des Blutvergiehens zwischen Menschen und Menschen Unterschieden werden konnte, und das war' die Kategorie von Aristokratie und Plebs. Dann kam die höfische Zeit, diy Zeit des monarchischen AbsolütiSMÜs, da hatten wieder nur iene Anspruch auf menschliche Behandlung, die zum Hofe Zulah hatten: alles übrige war Vieh. Nun und da kam endlich die befreiende französische Revolution und alles war gut : es gab Menschenrechte und Erklärungen der vollen menschlichen Gleichheit! Und nun heute, im Jahre 1911, ein Mann daher 'kommt, um wieder an die einfachste Forderung nach Ächtung des menschlichen Lebens zu erinnern, da mutet es gleichwöhl wie ein Novum an . . . ja wie kommt denn das? Ist denn die Revolution nicht dagewüen. oder wenn ia, wurden denn das Menschenrecht und die Menschengleichheit wieder eskamotiert? Und siehe da, so ist es. Lebte Uhland heute, er würde mit seinem aufgeregten. ^Gewissen, ..zugleich ein Sänger und ein Held", wieder wie damals, zum 18. Oktober 1818 klagen^ Aber nicht mehr bloß mit den Worten: " Ihr Fürstenrät' und Hofmarschälle ' Mit trübem Stern auf kalter.Brust, Die ihr vom Kampf um Leipzigs Wälle Wohl gar bis heute nicht gewußt.: . . . sondern heute würden sich Worte und Klagen an "eine andere Adresse wenden: Ihr Kämpfer um Menschenrechte. was habt ihr aus dem Menschen gemacht? Ungefähr die Hälfte des vorigen Jahrhunderts verging — man nannte es Verfassungskämpfe — mit der Fundierung des Hauses, in welchem die Menschenrechte ihren dauernden Schutz finden sollten: aber während nüch an dem Hause gebaut wurde, waren die Klugen so praktisch. es rasch zu beziehen, ehe es noch fertig wär :'und als man 'damit fertig geworden, nun, da standen die anderen drauhen, und die Klugen, die sahen drinnen.