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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1911-06-09 · 23 (9.6.1911) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
28 (1911)
Issue
23 (9.6.1911)
Date
1911-06-09
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Sk.« D«. «Mi Wa»«Mrift ®«uc av Ueker Josef Popper (Lynkeus). Vortrao, gehalten im »Verein zur Abwehr des Antisemitismus" am 24. März i911, von Adolf Gelber. (Schluß.) Nun aber eine andere Frage. Geht sie nicht zu weit, diese Anklage? Es ist ja heute ganz anders, wir leben doch in dem Zeitalter der Liebe und des Altruismus! . . . Und da ruft nun Lynkeus: Halt, Liebe — sagt das nicht zu viel? Man kann nie wissen, auf welche Irrwege man gelangt, wenn man sich über seine treibenden Kräfte nicht klar ist: man gerät so leicht zu falschen Zielen, wenn man. sich unter falschen Flaggen zu fahren gewöhnt. Liebe — diese Forderung zu erfüllen, ist in der Regel unmöglich: wie soll ich einen Menschen lieben, den ich nicht kenne, wie alle Menschen gleich lieben? Es gibt auch so manchen, den ich unmöglich, zu lieben vermöchte: unddoch ihn lieben? Was ist-das für ein Schnick-Schnack, wenn man das verlangt. Entweder ist das Wort also Phrase, oder es postuliert etwas gegen alle Natur. Doch abgesehen davon, war diese Liebe schon hübsch lange Zeiten auf dieser Erde tätig und hat sich dabei ziemlich verdächtig gemacht. Viele Jahrhunderte lang regierte sie die Welt und wie hat sie geliebt! In. ihrem Namen wurde gehabt, wurde sehr viel und unter Höllenqualen verbrannt und hingerichtet, wurde aus lauter Liebe für das Seelenheil der lebendige Mensch massakriert. Und auch um den Altruismus ist es eigen bestellt. In seinem Namen geschieht es, dah man andere mit Zwang glücklich machet will. In seinem Namen hat man die Egypter nötigen wollen, gute Engländer, die Finnländer gute Russen, die- Koreaner und die Bewohner der Mandschurei Zivilisationsmenschen zu werden. Der Liebe schwebte also ein Ideal vor über den Augenblick dieses Erdenlehens hinaus: das Jenseits: und der Altruismus will mit nur etwas neuzeitlicheren Mitteln die Menschen für ein Ideal haben, das nur anders heiht, ebenfalls ob sie.nun wollen oder nicht. Und so /odoriert maA die Jdc ale der. Vergangenheit mit Opfern und adoriert jetzt die Kulturideale inderselben Weise, und immer ist es der Mensch, den man ausliefert für etwas, das nur in der Vorstellung besteht und körperlich nicht liebt und nicht fühlt und nicht geht und nicht steht. Und da kommt zu der Gallerie dieser Glücksbringer der Spencerismus hinzp.- Was. meine Damen und Herren, ist der Spencerismus. nach, seiner funktionellen, Bedeutung? Die hohe Lauterkeit seines Urhebers hleibt -dabei natürlich unangezweifelt, denn dab Herbert Spencer im. Innersten von strahlender Reinheit war und nur das Beste wollte, — wem in der Welt ist das unbekannt? Seine Philosophie aber — ach, es ist das alte Elend, dah so oft in der Geschichte gerade irgend ein lichter Engel es ist, der uns die dämonischesten Geschenke bringt. Diese seine Philosophie ist es, die es dem Egoismus möglich macht, zu sagen: Was will man von mir? Da kam ja eine Philosophie zu mir, um mir zu sagen : hier hast du mich, damit du beweisen kannst, dab du gerade, dadurch einem Ideal dienst, dab du so miserabel bist, wie du bist. Du Egoismus brauchst ein 'Opiumgeschäft in China und brauchst ,es selbst um den Preis, dab dort Millionen Menschen pergiftet werden. Ebenso brauchst du deine holländische Wirtschaft auf Jana, mit dem Ergebnisse, das Multatuli im „Mar Havelaar" geschildert hat. Deine Oekonomie hat ferner zur Bedingung, dab in den belgischen Gruben die Menschen nicht älter werden als einige und vierzig Jahre, und überall ist es dem Kinde bereits bei der Geburt auf die Stirne gezeichnet, dab es frühzeitig vergiftet werden und dahinsterben mutz. Dabei bist du Egoismus heute gebildet und empfindest es. dab man doch nicht so rund heraussagen kann: das Geschäft ist nur wichtiger als dab ihr lebt. Darum brauchst du also eine Philosophie, und was noch mehr, Erhöhung in den eigenen Augen und Selbstachtung.... Und das eben ist das Schreckliche, verehrte Damen und Herren: wenn die Macht eine Philosophie braucht, dann ist sie auch schon da. Denn der Anblick Her Macht hat eine so suggestive Wirkung, dab man leicht verwirrt und fasziniert wird. Und man sagt dann: der Anblick ist so majestätisch, und was so beschaffen ist, hat eine Raison. Und dann setzt man sich hin, um zu beweisen, dab es so das beste ist: und das ist auch mit Herbert Spencer der Fall. Haarscharf ist nämlich da bewiesen, däb die heutige Kultur das alles nicht hätte schaffen können, wenn nicht alles in Ordnung wäre, und klagt einer: ich spüre nichts davon, mich hat diese deine Kultur im Gegenteil ja ausgesogen, dann kommt die Erklärung: Bist du komisch! Das ist doch der Lauf der Natur, und du weiht, Kultur kostet Opfer. Und fragen wir wieder, warum alsdann die Kultur anbeten, wenn wir von ihr nichts als die blutige Opferung unserer Persdn haben, dann wieder herbei mit einem Fetisch in rosenrotem Gewände: Kind, nicht dem heutigen Tage bringst du ja dein Opfer, sondern die — Zukunft ist gs, für die du leidest und stirbst. Denn diese Zukunft wird licht und freudig sein, lauter gesunde und heitere Menschen werden die Welt bevölkern, und wenn du unter die Räder kommst, dann muht du dir sagen f ich will nicht klagen, wenn mich die Räder zermalmen, denn «es ist sogar gut und wünschenswert, dah alles Schwache untergeht undalles Starke zurückbleibt — es geschieht ja für ein glückliches Dereinst. Also kein Jenseits und kein heutiges Kulturerfordernis mehr, sondern die Zukunft als Endziel! Und da sehen Sie den blutigen Wahnsinn dieser Menschenbeglückungstheorie: denn von dieser Eurer so prachtvoll erträumten Zukunft -habe ich ja erst recht nichts — ich lebe ja dann gar nicht mehr, noch kann sonst jemand die Gewißheit bieten, dah sie wirllich so aussehen wird, wie Euere Phantasie und Philosophie sie ausmalen will. Und ift, es also ein Trost, was Ihr uns bringt? Die Frau dtzs sterbenden Arbeiters bedankt sich einfach dafür, dah man mit dem Blute ihres Mannes die Steine der Zukunft verkitten will! Und nun gar noch die Frage, ob man denn nicht auch auf andere Weise diese Zukunft vorbereiten kann, und ob denn zu ihr kein anderer Weg führt, als dieser eine, dah in dem jammervollen Heute so viele verelenden und sterben müssen, als Dünger für das Glück einer späteren — und noch dazu problematsschen Zeit. Vielleicht könnte es doch anders und /besser werden, ohne die Ströme von Elend und Blut? Ja. vielleicht würden wir dann dem Paradiese noch rascher nahe zu kommen vermögen? Und so bedeutet denn diese Spencersche Lehre nichts anderes, als dah sie — wieder ein Popversches Wort — dem Egoismus ein gutes Gewissen gibt zu seinem schlechten Tun. Denn jetzt pfeifen sie ja auch alltäglich in allen Gegenden und Kategorien: Ich wäre schlecht? Das ist Lüge! Ich erfülle ja bloß' ein unabänderliches Gebot der Natur, welche will, datz einige leben und viele sich zermalmen lassen und sterben. Und diese einigen» was sind sie iin Grunde? Sie sind eine neue, die ökonomische Aristokratie. Dieser Zug nach Schaffung einer neuen Aristokratie wirkt aber auch in anderen Denkersyhären. Schopenhauer z. B. ist ebenfalls so ein Aristokrat. Bei ihm

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