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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1911-06-09 · 23 (9.6.1911) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
28 (1911)
Issue
23 (9.6.1911)
Date
1911-06-09
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Sette 384 Dr. Bkchs WocheiMM Nr. 23 zu dürfen und beeilten sich auch, den Truppenkommandanten durch eine Deputation mit den Rabbinern an der Spitze ihre Glückwünsche zum siegreichen Einmärsche darzubringen und seinen Schutz zu erbitten. Die' Juden scheinen diesen Schritt auf Geheiß des Sultans getan zu haben, der bekanntlich die Franzosen selbst gerufen hatte. Die Juden von. Fez kamen aber vom Regen in die Traufe. Waren sie auch momentan von den Marokkanern unbehelligt gelassen, so werden sie jetzt wieder von den französischen Truppen drangsaliert und geplündert. Es sind zumeist tunesische und algerische Regimenter, -ie sich zuhause so sehr an Ueberfälle auf JudeÜ gewohnt hatten, daß sie ihr Metier auch in Marokko nicht lassen wollen. Trotz strenger Maßnahmen seitens des Kommandanten Moinier konnte die Wiederholung solcher Ausschreitungen seitens der Mannschaft nicht verhindert werden. Kokowzew über die Judenfrage. Eine Unterredung mit dem russischen Finanzminister. Der russische Finanzminister Kokowzew hatte, nach einem der „Rufs. Korr." aus Petersburg zugehenden Telegramm, eine Unterredung mit einem Vertreter der „Rewyork Times", in deren Verlauf auch die schlimme Lage der Juden in Rußland berührt wurde. Minister Kokowzew sagte, daß nach seiner Auffassung der gegenwärtige Moment ungeeignet sei, um irgendwelche Milderungen in der Lage der russischen Juden durchzuführen. Das Verhalten der Juden während der Kriegs- und Revolutionszeit hätte ein scharf ausgeprägtes Nationalgefühl gegen sie hervorgerufen, weswegen Aenderungen zu ihren Gunsten vorläufig unmöglich seien. Man müsse in dieser Hinsicht warten. Der Interviewer warf ein: „Sie sind Mitglied eines Ministeriums, das in den Augen Europas und Amerikas als ein Ministerium des neuen Regimes angesehen wird, das Rußland dem Jahre 1905 verdankt. Sie behaupten, daß die Lage des Reiches jetzt eine glänzende sei. Wie erklären Sie es aber, daß die Juden offenbar die einzigen sind, welche immer neuen Drangsalierungen ausgesetzt werden, aus Strafe dafür, daß sie zusammen mit anderen zur Einführung des neuen Regimes geholfen haben?" Auf diese Bemerkung entgegnete der Minister mit der überraschenden Behauptung, daß alle Nachrichten über neue Drangsalierungen und Beschränkungen von Juden absolut falsch seien. Die Behauptung Kokowzews wird von dem Mitarbeiter der „Nuss. Korr." in einem Telegramm aufs entschiedenste bestritten. Nie, so führt er aus, war die gesamte Lage der russischen Juden so schlimm wie jetzt. So ist erst neuerdings einer Reihe von Judenkategorien, deren' Wohnrecht, auf Entscheidungen der höchsten Instanzen — so bei Senats und des Reichsrats — basierte, dieses Privileg abgesprochen worden, und die vorhandenen Beschränkungen erfahren Interpretationen, welche die Zeiten Plehwes in den Schatten stellen, so daß niemand mehr in seinem Domizil sicher ist. Täglich kommen aus den verschiedensten Gegenden, zuletzt aus Kiew, Riga, aus dem Gouvernement Smolensk und anderen Orten, die traurigsten Nachrichten über Ausweisungen, zum Teil selbst jahrzehntelang angesessener Familien, und selbst die Kinderausweisungen aus Moskau, die so viel Stäub aufgewirbelt haben, werden noch nicht redressiert». -^Augenblicklich wird sodann zahlreichen in Petersburg angesessenen Juden der Sommeraufenthalt in der Umgegend verwehrt, und das Besspiel Petersburgs findet bereits in vielen anderen Städten des Reichs Nachahmung. Jammervoll ist insbesondere die Lage-der Tausende jüdischer Jünglinge, die zufolge eines auch von den Oktobristen als ungesetzlich erklärten Zirkulars des Unterrichtsministers vom Abiturienteneramen zurückgewiesen werden. Die angeführten Beispiele sind nur einige Blüten der neuesten Judenverfolgungen, die Kokowzew einfach ableugnet. _Die russischst Prozentnorm vor Gericht. Durch einen Strafprozeß, der vorige Woche vor einem Odessaer Gerichtshöfe zur Schlußverhandlung gelangte, gewann die große Öffentlichkeit Einblick in.den moralischen Sumpf, in welchen die ganze russische Gesellschaft infolge der reaktionären Politik immer mehr geraten ist. Angeklagt waren einige Personen, Juden und Nichtjuden, dafür, daß sie jüdischen Studenten, die infolge der bestehenden „Prozentnorm" keinen Einlaß in die Hochschulen hätten erlangen können, diesen Einlaßauf Umwegen verschafften. Das Verbrechen dieser „Universitätsmakler", wie sie im Prozesse genannt wurden, bestand darin, daß sie im Wege ihrer hohen Verbindungen ILmpfehlungen für jüdische Studenten verschafften und diese Empfehlungen dann für bares Geld verkauften. Die Beschuldigten behaupteten, daß sie für die Empfehlungen, die sie verkauften, selbst auch in der einen oder anderen' Form bezahlen mußten?^ Und da ist es interessant, die Liste derjenigen kennen zu lernen, von denen diese wertvollen Empfehlungen stammten. An der Spitze marschiert der berüchtigte Baron Kaulbars, der schon so viele jüdische Eristenzen vernichtet hat, — mit seiner Tochter. Baron Kaulbars gab 16 verschiedene Empfehlungsschreiben, von denen jedoch bloß 9 berücksichtigt wurden. Ferner findet man in der Liste den Chersoner Adelsmarschall, den Bildungsminister,'' den Leib-Accoucheur der Zarin, Otsch, befi Chef der Geheimpolizei, die antisemitischen Deputierten Krupenski, Nowitzki, Graf Ubarow und selbst der gefürchtete Polizeipräsident von Odessa, General Tolmatschew fehlt nicht in der Liste. Charakteristisch ist ein Empfehlungsschreiben der Adeligen Twanowa, die einen jüdischen Studenten mit dem Hinweise darauf empfiehlt, daß sie „von der patriotischen Familie der Purischkewitsch stamme". Interessant ist auch, daß ein Empfehlungsschreiben des Grafen Witte an der Odessaer Universität nur sehr geringen Kurs hatte, denn der jüdische Student, den er empfohlen hatte, wurde nicht ausgenommen. Nach durchgeführter Verhandlung wurden sämtliche Angeklagte freigesprochen. Das Gericht anerkannte, daß an diesem Schacher eigentlich das gegenwärtige System schuld sei, das selbst innerhalb der Prozentnorm bei den jüdischen Studenten den Nachweis fordert, daß sie vollständig „einwandfrei" seien, wodurch dem Protektionsschacher direkt Vorschub geleistet wird. Man wird eben das Gefühl nicht los, daß die russischen Antisemiten alle die Rechtsbeschränkungen gegen diel Juden nur zu dem Zwecke erzwingen, um dann die Rechtlosigkeit der Juden für ihre eigenen Zwecke auszubeuten. Das Wohnrecht der jüdischen Kämpfer im russischejapanischstn Kriege. Die Kiewer Gouvernialverwaltung hat dieser Tage in einem konkreten Falle ein recht merkwürdiges Urteil gefällt. Hiernach haben in Kiew nur diejenigen jüdischen Soldaten, .welche im russisch-japanischen Kriege gekämpft haben, nur in dem Falle Wohnrecht, als sie während des Krieges eine schriftliche Auszeichnung oder dies Tapferkeilsmedaille in natura erhalten haben und diese Beweise ihrer besonderen Tapferkeit auch vorzuweisen imstande sind. Die Tatsache allein, daß ein Jude im Kriege sein Leben für Rußlands Ehre aufs Spiel gesetzt hat, genügt nicht.

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