Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 22 (2.6.1911)
- Date
- 1911-06-02
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Jlx. 22 Dr. Blochs WochenMeift Delle 373 nun, dann nennt man uns eben sentimental und übt das Mittel der Verhöhnung, das heute überhaupt zu einer ganz methodisch betriebenen Kunst entwickelt worden ist. Nehmen wir den toten Gegenstand, nach dem ich hier greife, Ton oder Holz: wenn er mich ärgert, dann zerbreche ich ihn und werfe ihn zu Boden, aber das leblose Ding zu verhöhnen, fällt mir. nicht ein. Dem Menschen gegenüber aber sind wir in einer viel besseren Position; Dn kann man nicht blotz zerbrechen, sondern auch über die physische und moralische Mitzhandlung hinaus, noch zum besonderen Vergnügen mit wildestem Spott überhäufen und Salz in die tiefen Wunden streuen, damit sie stärker brennen, was es gegenüber leblosen Dingen -eben nicht gibt. Mit einem Wort, wir Kulturmenschen haben die Klaviatur unserer Freuden um eine Freude vermehrt, um die Freude, wie sie einst die spanischen Henker bei der besonders kunstvollen Marterung ihrer Opfer empfanden. Und da stellt denn Popper die Frage: Kann und soll und mutz man da nicht helfen und gehört denn irgend eine Gelehrsamkeit dazu, um einzusehen, datz man da notwendig helfen mutz? Jährlich bleiben. so und so viele auf den Schlachtfeldern, das können wir in der Statistik lesen. Wie viele aber auf den Gefilden der Not bleiben oder widerstandsfähig untergehen, weil man gegen diesen Wall der Unliebe nicht aufkommt: und wie viele Herzen in der Stille unter den Stützen dieser barbarischen Menschenmitzachtung zu brechen verurteilt sind, das erfährt kein statistisches Amt und das erzählt keine Kommission. Blickt man auf unsere Stratzen mit ihren prunkvollen Palästen, die als Denkmäler unserer hochgestiegenen Kultur sich erheben, dann mutet es wie Torheit an, wenn jemand behauptet: Trügerische Hülle, was birgst du für einen faulen Kern. Und doch ist dem so! Will man aber helfen, welcher Gegnerschaft begegnet dann der Reformer neben dem Hohne zunächst und zu allermeist? Nun, zunächst hat er, man kann sie so nennen, die Interessenten gegen sich, diejenigen, die etwas zu verlieren fürchten, wenn eine Aenderung eintritt, und wer die in unserem Falle sind, brauchen wir nicht zu sagen. Es sind diejenigen, denen es noch immer in dem Staate um allerbesten geht und die trotzdem noch am allerhäufigsten und am allerlautesten rufen: Der Staat ist in Gefahr! Aber dann gibt es eine gar merkwürdige Sorte von Gegnern, die uns eigentlich sehr nahe stehen sollten, weil sie aus unseren Reihen hervorgegangen sind. Das sind die.sogenannten „Realpolitiker", die auf die Nüchternheit Eingeschworenen, die „Studierten", die es etwa in dem Sinne sind, wie es nach dem Ausspruche eines österreichischen Ministerpräsidenten „studierte Deutschböhmen" gegeben hat oder noch gibt. Sie müssen nämlich wissen, datz es für die Art, wie man sich zu neuen Ideen zu stellen hat, Moden gibt, ganz so wie für.die Wahl des Hosenstoffes und wie man die Weste zusammenschneidert. Jahrzehnte hindurch war es in Mode, in Ekstase zu geraten: das gehörte zur Jnteressantheit, und wie etwas auftauchte, das das Herz ergriff, fragte man nicht nach den Schwierigkeiten, sondern mutzte notwendig dabei sein — damit putzte man sich so recht auf vor der Braut. Heute ist es anders. Seitdem Bismarck, in Ausführung seines harten und notwendigen Geschäftes und keineswegs, weil er dabei etwa frivol gedacht hätte, sagte: „Ich gehe irre, wenn ich mich Phantasmen überlasse" und seitdem er, nach Vollbringung seines gewaltigen Werkes sieggekrönt heimkehrte, seitdem wurde es Mode, ihn nachzuäffen und scheinbar realpolitisch zu tun auch dort, wo es nicht notwendig ist. Und so oft also jemand mit einer Reformidee vor die Menschen tritt, stehen die Kalt- und Fischblütigen da, die von oben herab sagen: „Ans Gefühl wird appelliert? Lächerlich und unpraktisch. Die Ethik regiert nicht die Welt." Und nun ist gar das Schlimme, datz die Zahl dieser Realpolitiker heute Legion ist: sie sind in der Schule, auf dem Katheder, auf der Bühne, im Parlament und sogar in der Dichtung. Was aber beweist das für den Effekt? Hier ist die Geschichte, und sie zeigt: wann hat es denn einer sich regenden Idee an solchen kalten Kritikern gefehlt? Roch mehr, sie sind ja geradezu zein Typus geworden, den dis Kunst verewigt hat. Erinnern Sie sich an Rafaels Gemälde von der Transsubstantiation? Da schwebt bereits der entkörperte und zum Aether gewordene Gedanke hoch oben, und hier auf der Erde steht der arme Knabe mit dem Zuge des Visionärs im Gesichte. Er blickt -empor und sieht so deutlich schon die sieghafte Idee, die von aller Last befreite — und in der Gruppe von Menschen, die ihn umgeben, die einen ernst und gedankenvoll, die anderen naiv und staunend, die dritten im tiefsten bewegt und mit feuchten Augen, wen sehen wir da mitten unter ihnen auch schon stehen? Ja, Gott zum Grütze! da sind sie ja wieder, die Herren mit dem geringschätzenden Blick und der Unterlippe, die sich so verächtlich herabzieht, die Realpolitiker, dir „Positiven", denen alles über den Tag hinaus kindische Dummheit ist. So hängten sie sich an die ersten Regungen vor der französischen Revolution und Tiefen: „Unmöglich!" Ebenso bei der Geburt des Sozialismus, ebenso bei der Friedensbewegung, ebenso bei jedem Freiheitskampf. Ueberall riefen sie: Es kann nicht sein! und es hat sich dann doch durchgesetzt, weil die Wurfweite einer Kanone nur 30.000 Schritte weit reicht und die Wurfweite einer Idee geht in die Zeiten. Das, meine Herren und Damen, ist auch so ein Poppersches Wort! Und beginnt die Idee zu wirken, hei, wie kommen sie, die einst sagten „unmöglich", gelaufen, um geschäftig zu beweisen, datz es gar nicht anders kommen konnte und naturnotwendig und ganz unabweislich war. Darum geht denn auch der Reformer von jeher gerade an diesen Stimmen mit keinem anderen Gefühle vorüber, als mit dem der Verachtung. Schreiet nur weiter euer: impossibile! >ich gehe weiter meinen Weg. Aber da findet man, wenn man hinter sich blickt, auf einmal eine zweite zahlreiche Gruppe, und das sind — ist es nicht zum Staunen? — gerade die Armen und die Demütigen, die dem neuen Gedanken so sehr Erfolg wünschen und sich doch nicht getrauen, mitzutun, bis er zur Wahrheit werden kann. So oft nämlich die grotzen ethischen Bewegungen kamen, sagten sie: Das wäre so schön und gut. doch mir fehlt das Recht, mitzureden, weil ich ja ungebildet bin und im Kreise der Wissenden stumm bleiben mutz. Den tiefsten und rührendsten Ausdruck für diese Bescheidenheit, die so hold, aber leider auch so verhängnisvoll und so unkundig ist ihrer eigenen Kräfte, den wundervollsten Ausdruck dafür finden wir in der Bibel, in der Szene vor dem brennenden Dornbusch, da einer niederkniete, als die Stimme aus dem Innersten seines eigenen Herzens sich erhob. Denn immer quillen die Stimmen, die von oben zu kommen scheinen, aus dem Herzen, und immer dringen die Stimmen, die von dem Herzen geboren werden, nach oben und tönen dann gleich einem Ruf der Göttlichkeit in die Welt hinaus. And da rief denn diese Stimme aus der Mitte der Flamme dem Manne zu: „Wage es, du wirst es vollbringen." Und er erwiderte erschauernd : „Wer bin ich denn, datz ich es je und je wagen sollte^ zu sprechen vor dem Volke?" Aber die Not brachte es hoch über ihn und er tat es, und siehe, er war allein. Und so ist es ja, wie gesagt, bei allen ethischen Ideen in ihrem Ursprünge. Die in Wahrheit und nach Notwendigkeit zu allererst mit ergriffen waren, das waren einige fühlende Herzen, und sie empfanden die Wahrheit ganz ohne Kunst und Wissenschaft, ganz ohne