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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1911-06-02 · 22 (2.6.1911) · page 16

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
28 (1911)
Issue
22 (2.6.1911)
Date
1911-06-02
Page
– (sequence 16)
Language
German
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/ 1 *-&■ - '«HOA- *, Seite 372 wenigen Worten nahm er herzergreifenden Abschied von dem einzigen Sohne. Nicht wolle er wit dem Patriarchen Jakob sprechen: „Mit Trauern werde ich zu meinem Sohne in die Grube fahren", sondern sich desselben Erzvaters Wort: „Noch lebt mein Sohn Joseph", getrösten. Denn das traute Bild seines herrlichen Sohnes lebe in der Seele der Eltern unverlöschlich fort als köstlicher Besitz. Mit dem Priestersegen schloß der tiefgebeugte Vater. — Bald wölbte sich der Grabhügel über dem Sarg, und tieferschüttert verließ das Leichengesolge den Friedhof. _ Feuilleton. Weber Josef Popper (Kynlreus). Vortrag, gehalten im „Verein zur Abwehr des Antisemit smus" am 24. März 3 911, von Adolf Gelber. Wie soviele Menschen heule, bin mutmaßlich auch ich von Eitelkeit nicht frei und sehr wesentlich ästhetisch verbildet. Und handelte es sich um das Wichtigste, vor allem ist es uns um die Form zu tun, und auch dem Redner, der sich vor Ihnen Jeweilig produziert, geht es oft zunächst darum, daß er die eigene werte Person nur ja ins rechte Licht rückt. Das ist nun sehr lustig und oft auch entschuldbar. Wenn aber die großen Menschheitsfragen zur Debatte stehen, ist das kunstlose Gestammel, der schlichte Ausdruck des Herzens und der unartikulierte Laut, der gar nicht einmal mehr definierbar ist, tausendmal vielsagender, als alle Schönrednerei, wenn er so geartet ist, daß jedermann ihn als den wahren Ausdruck des Schmerzes empfindet. Heute bin ich in einem solchen Falle, wo man einem Redner immer zurufen möchte: „Hier wird sich zeigen, welche Gesinnung du hast und was dir wichtiger ist: daß man dir Bravo zuruft, oder daß du dich zur Wahrheit beke-wst." Selbstverständlich kann ich nicht hoffen, hier den ganzen Inhalt des neuen Buches von Popper-Lynkeus'') zu erschöpfen. Eines aber lassen Sie mich sagen, daß nämlich in unserer Zeit selten einer mit solcher Gewalt dargestellt hat, daß auf dieser Welt noch lange, lange nicht alles in Ordnung ist. Nein, wir sind von den Paradiesen noch sehr ferne, und zu d/n Männern, die seit dem Tage von Golgatha mit überströmender Kraft des Gefühles daran mahnten, gehört sicherlich auch Popper-Lynkeus. Es ist dies derselbe Mann, dem einst hier in Oester-' reich ein geniales Buch konfisziert, wurde: im Namen der Tugend und Sittlichkeit hat man es konfisziert. In seinem neuen Buche. , . aber ich frage mich, warum ich Sie in diesem Vereine hier von diesem neuen Werke unterhalte? Es kommt darin nicht fünfmal das Wort „Jude" und gewiß keine dreimal das Wort „Antisemitismus" vor: ist dies hier also die berufene Stätte füreinen Vortrag über dieses Buch? Allein anderseits frage ich mich, was denn die Männer wollten, die diesen Verein gegründet haben, dessen würdiger Senior Professor Szeberenyi uns heute präsidiert. Sie haben den Verein geschaffen und unter Drangsalen bis zu diesem Augenblicke geleitet, in dem liefen Gefühle, daß dort, wo die Krankheit des Antisemitismus sichtbar wird, notwendig der ganze sittliche und politische Organismus krank ist, und daß dort, wo man Schußgelder auf die Juden predigt, auch der Ruf nach Schußgeldern bald auf diese, bald auf jene, die nicht Juden sind, laut werden kann. Dieser Verein ist also mit einem Worte ein Kulturverein, er hat das allgemeine Interesse im Auge, er ist allumfassend und liebt es nicht, bloß für einen Bruchteil der Menschheit Advokat zu sein. Ist dem aber so und strebt er das, was er will, für alle an und nicht bloß für Teile, dann gehört das neue Buch des Popper-Lyn- *) „Dos Judentuw und die Bewertung mciischlicker Existenzen" Verlag Karl Rechner, Dresden 1910. Nr. 22 keus in allererster Linie hierher, vor dieses sein Forum, denn dieses Buch gilt selbst der Abwehr eines der allgemeinsten und ungeheuersten Uebel, die die Welt durchziehen. Wollen Sie indessen, verehrte Damen und Herren, zunächst versichert sein, daß es mir bei diesen Auseinandersetzungen nicht um die Person des Autors geht. Der Biograph und der Naturhistoriker werden sich einst gewiß mit der Persönlichkeit Poppers zu beschäftigen haben und ich bin nicht in Sorge, welches Urteil dann gesprochen werden wird. Heute aber wollen wir um des Allgemeinen willen den Einzelnen, um seiner Ziele willen den Autor vergessen und annehmen, meinetwegen daß wir nicht einmal wissen, wer der Verfasser ist. Nur die rein sachliche Frage, was dieses Buch enthält,, dessen Verfasser uns ein Anonymus sein soll, soll uns beschäftigen. Und da finden wir, wenn wir zu lesen beginnen, daß der Mann mit der ungeheueren Schlichtheit seiner Rede gewiß mit Einem recht hat, und das ist, wenn er unsere Zeit und unsere Kultur eines Haupt- und Grundschadens anklagt: nämlich der tiefen Mißachtung des Menschen, die in den denkbar differenziertesten Formen zum Ausdrucke kömmt. Da sind natürlich zunächst die Gemetzel auf den Schlachtfeldern, und man lacht ja gewohnheitsmäßig, wenn die Baronin Suttner unermüdlich und immer wieder von ihnen spricht. Dann sind da die Nationalitütenkämpfe, wo es vorkommt, daß ebenfalls verlacht und verhöhnt wird, wer da und dort nach vorgekommenen blutigen Opfern von unmenschlicher Leidenschaft und Rückfällen in die Barbarei spricht. Ferner ereignete es sich, daß Präsidenten von Vertretungskörpern — natürlich bevor sie noch Präsidenten waren und natürlich auch nur zum Scherz — künstliche Juden auf einem künstlichen Galgen aufhängten, und es wurde dazu gelacht. Oder daß man im Kämpfe um .Rechte der „unappetitlichen Masse" zunächst ihre „Unappetitlichkeit" vorwarf: jchon zu Cascas Zeiten wurde darüber die Nase gerümpft und gelacht. Oder daß man den Schönheitssinn ^verletzt fühlt und abrückt, wenn in der Tramway das eben auf der Straße zusammengestürzte Weib, das man ins Spital transportiert, just neben uns plaziert wird . . . Kurz, Mißachtung des Menschen, seines Lebens, seines Rechtes, seiner Not und seines Elends auf der ganzen Linie. Und jede dieser Szenen der Mißachtung ist frivoler und schändlicher als die andere. Man hat da einst von „Külturschande" gesprochen, aber — und das ist wohl einer der schneidendsten Beweise für diese um sich fressende Menschenverachtung — auch dieses Wort ist schon diskreditiert. Als nämlich Kaiser Friedrich das Wort von der Schande des Jahrhunderts sprach, wurde ihm von den Nichtsentimentalen mit solchem Hohngelächter geantwortet, daß ein Gebildeter, der nicht gerne verlacht werden will, sich sehr bedenkt, ob er noch zu diesem Worte greifen soll. Lassen wir es also und verzichten wir überhaupt auf pathetischeMusrufe. Nur .. . das Herz kann nicht so leicht seine alten Unarten verlernen und krampft sich doch zusammen, wenn man zum Beispiel einen Menschen sieht, von dem man weiß: mein Lieber, du wirst ganz gewiß >im Alter von 40 bis 45 Jahren sterben, weil du in dem Stollen, in dem du arbeitest, einfach nicht älter xoerden kannst. Oder es wird ein junges Leben herausgerissen und mit Gewalt in die Mandschurei getrieben, für Vaterland und Ehre: und wenn die Brutalität jn einer in her Geschichte noch nicht dagewesenen Weise besiegt und ihr das Rückgrat gebrochen worden ist, dann gesteht sie, daß Vaterland und Ehre wohl hätten bestehen können, ohne die jammervolle Hinopferung von so und so viel Tausend Mann. Wenn es uns aber, wie gesagt, nicht in den Kopf will, daß das und hundertfach ähnliches recht sollte sein dürfen auf Erden, Dr. Vlochs Wochenschrift

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