Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 22 (2.6.1911)
- Date
- 1911-06-02
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 22 Sette 374 Dr. Blochs Wochenschrift Literatur, Universität, Fakultät, Diplom und Doktorat. Braucht es dafür der Beispiele? Hier ist eine arme Mutter, die weiß: in der kalten, feuchten Wohnung mutz mir das Kind, das ich jetzt geboren habe und das ich mit meiner mageren Milch nur schlecht werde ernähren können, es mutz mir frühzeitig tuberkulös werden. Oder hier ist ein Mann, der weih: in dem schlecht ventilierten Raume, in dem es an Sonnenlicht fehlt, kann ich, da ich die Sägespäne oder Fruchtrispen einatme, nicht alt werden und die Kinder, die ich in die Welt gesetzt , habe, bleiben auch als Futter für den frühen Tod zurück. Oder es ist in den Krankenhäusern kein Platz. Ich selbst sah es bei den Barmherzigen Brüdern in Prag und auch hier in Wien: , da lagen die Kranken auf den Fußböden und die Brüder klagten: man hat für alles Geld, nur nicht für unsere armen Kranken, wie sollen sie gesund werden? Und wenn das alles jo geschieht — und natürlich geschieht es nur den Armen so — dann mutz man fragen: Du arme Mutter, du armer Mann, du armer Kranker, wo haben denn deine Tränen das Doktorat gemacht, daß sie sich das Recht nehmen, aus deinem Herzen zu dringen? Und mutz man da also gebildet sein, um zu begreifen, datz solch ein Verfahren mit Menschen eine Schande ist, die das Herz zerreißt? Nein, die Empfindung, daß hier ein ungeheures Unrecht ist, setzt gar keine Studiengänge voraus, und wenn du für dich und deine Angehörigen und für jeden Leidenden Abhilfe erflehst, so bist du dafür ganz genügend legitimiert durch die einfache Tatsache, datz du ein Mensch bist und datz ein Herz in dir ist. Studien mutz man absolvieren, um akademische Grade zu erreichen: Um aber der Kultur sagen zu dürfen: Stolze Kultur, du bist über und über mit Schmach bedeckt, dazu genügt vollkommen das alte, verlachte Herz. (Fortsetzung folgt.) gitawta*. Johann Peter Lyser. Der Dichter, Maler, Musiker. Vou Professor Friedrich flirth. München 1911. Georg Möller. Preis 15 Mark. Dieses Prachtwerk hat allen Anspruch darauf, gerade in jüdischen Kreisen mit vollster Aufmerksamkeit beachtet zu werden. Der Verfasser schildert auf Grund sehr reichhaltigen Materials einen Freund Heinrich Heines aus dessen Hamburger Zeit, und eine Fülle neuer, bisher völlig unbekannter Tatsachen aus dem Leben des Dichters des „Buches der Lieder“ wird durch Hirths Publikation ersichtlich. lieber Lyser, einen sehr talentierten lyrischen und epischen Dichter, der seinen ersten Boman Ludwig Börne zueignen durfte, wusste man bisher so viel-wie nichts, und es ist ein Verdienst dieses Werkes, dass es restlose Klarheit über ihn schafit. Es ist auffallend, dass Lyser, der selbst Protestant war, zeitlebens zu unseren grossen jüdischen Künstlern in engsten Beziehungen stand; nicht nur Heine war sein Freund und hat sich über ihn in den „Florentinischen Nächten“ voll warmer Anerkennung geäussert, auch Felix Mendelssohn- Bartholdy war Lyser sehr gewogen, und als dieser nach Wien kam, wo er während der grossen Revolution einer der tüchtigsten journalistischen Wortführer war, wurde er der beste Freund Ludwig August Frankls. Eine Fülle von Briefen an Frankl ist in dem Werke Hirths zu finden, das ausserdem Lysers gesamte Korrespondenz mit Robert Schumann enthält — ein für die Musikgeschichte unendlich wertvolles Material! Auch sonst findet man in dem Buche Anregungen in grosser Zahl; es ist die erste fesselnd geschriebene Geschichte eines deutschen Journalisten aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. — Sechzig Bilder Lysers, der auch ein wirklich genialer Karrikaturist war, sind dem Werke in ausgezeichneten Reproduktionen beigegehen, wodurch dieses namentlich Liebhabern von seltenen Stichen etc. besonders wertvoll werden muss. Man kann dieser interessanten Publikation, die splendid ausgestattet und inhaltlich ungemein anziehend ist, von ganzem Herzen nur die weiteste Verbreitung wünschen. Martin Donath. „Die Hilfe1*. Wochenschrift für Politik, Literatur und Kunst. Herausgegeben von Friedrich Naumann, M. d. R. Nummer 21. 25. Mai 1911. Aus dem Inhalt: Friedrich Naumann: Soziologie. — Richard Gharmatz: Der Bruderkampf in der österreichischen Sozialdemokratie. — Günther Wendland: Der deutsch-schwedische Handelsvertrag. — Max Rumpf: Recht und Liberalismus III. — Paul Rohrbach: Egypten VI. — Unsere Bewegung. — Soziale Bewegung. — Paul Zschorlich: Gustav Mahler. — Erich Köhrer: Vom Bühnenverein. —Karl Wilhelm F r-i t s c h: Um Michelburg. Roman. — Paul Westheim: Von Geschäftsräumen und Geschäftshäusern. — Büchertisch. — Politische Notizen. — Buchverlag der „Hilfe“, Berlin-Schöneberg. „Die Quelle“. Das Juni-Juli-Heft (Doppel-Nummer), welches Karl Schönherr und Arthur Schnitzler gilt, bringt deren mit den Porträts der Dichter geschmückte ergreifende Novellen „Das flenkersmahl“ und „Die Mütter“ resp. „Andreas Thameyers letzter Brief“. K. J. Ratislavs mit drei prachtvollen Meisterbildern von A. Dürer gezierte Charakterstudie über die beiden Dichter kommt ebenso wie Max Morolds neue Details bringender Essay (mit Porträt) über Ferdinand Bronner (Franz Adamus) zur Geltung, Lyrische Beiträge sind von Hans Fraungruber, Herma v. Skoda, Alfred Po llak, Alfons Petz old und dem Herausgeber Dr. Robert Reinhard, denen sich die Novelle „Der Spiegel des Hauses Uller“ von Rudolf Dattler, die scharfe Rubrik „Gegen den Strom“ und die Bücherschau, sowie die Aufrufe für A. Petzold und Stephan Milows Gesamtausgabe anschliessen. Diese von uns wiederholt empfohlene Zeitschrift, deren IV. Jahrgang mit August 1. J. abschliesst, verdient die weitestgehende Förderung aller ehrlichen Volksfreuade. — Abonnementspreis ganzjährig 4 K. franko. Administration: Wien, III, Linke Bahngasse 9. Jakob Frommer. Ghetto-Dämmerung. Eine Lebensgeschichte. Zweite und dritte Auflage. Verlag Schuster & Löffler, Berlin, W. 57, Bülowstrasse 107. Marianne Beskiba. Aus meinen Erinnerungen an Dr. Karl Lueger. Mit einem Porträt der Verfasserin und zahlreichen Phototypien von Originalbriefen Dr. Karl Luegers. Zuschriften an die Buchdruckerei E. & J. Edhoffer, Ges. m. b. H., Wien, IX., Liechtensteinstrasse 21. Kriefkaste« K. F. Zu den größten Verehrern Gustav Mahlers gehörte der deutsche Kronprinz. Er teilte diese Vorliebe mit seiner Gemalin, die auch eine feine Musikkennerin ist und den Liedern von Strauß mth Mahler große Verehrung entgegenbringt. Nebenher wird erwähnt, daß der Kronprinz auch oft die Konzerte des Geigenvirtuosen BroniSlav Hubermann besuche. Die Antisemiten, die über die Königsberger „deutschvölkische" Rede des Kronprinzen so entzückt waren, werden trauernd ihr Haupt verhüllen. Denn auch Hubermann ist — semitischer Abstammung. Interessant ist, daß die klerikale „Germania" Mahler geradezu für das Deutschtum reklamiert: „Ein deutsches Wesen erfüllt seine Musiken von der ungezwungensten Fröhlichkeit bis zur tiefsten Traurigkeit. Deshalb zählen wir Gustav Mahler, der ja auch deutscher Abstammung ist, zu den musikalischen Großherren unserer Nation. Sein früher Heimgang ist im Interesse der Kunst, die wohl noch manches Bedeutungsvolles aus seiner Hand erhalten hätte, zu bedauern! Wer wäre wohl würdig, für ihn die Lücke in dem Kreise der Führenden im Reiche der modernen Musik auszufüllen?" L. B. Im „T. P.'s Magazine" erzählt es N. H. Walker, daß man die Mode des Humpelrocks schon im alten Jerusalem gekannt habe und der Talmud gibt für die Gründe, aus denen die Frauen an diesem Kostüm festhielten, eine recht amüsante Erklärung. Es wird berichtet, daß „die Töchter von Zion an den Tagen der großen Feste sich sehr prächtig kleideten" und daß sie „bei gewissen Gelegenheiten io enge und schmale Gewänder trugen, daß sie sich nur mit ganz kurzen Schritten fortbewegen konnten." Als Erklärung fügt der Chronist hinzu, sie hätten diegetan, „um den Zuschauern eine längere Zeit zu gewähren, daß sie sie mit Muße bewundern könnten." - H. E, in Sereth. Abgeordneter Prof. Skedl hat nicht für die Resolution Schund gestimmt. Sind. M. K. Im Sinne eines Beschlusses des im letzten Winter stattgefundenen Karäerkongresses begann am 1. d. M. in Moskau die karaitische Zeitschrift zu erscheinen, die den Titel „Das Leben der Kar allen" führen wird. Zur gefälligen Beachtung! Wir ersuchen diejenigen unserer Abonnenten, welche noch mit der Äbonnementsgebühr im Rückstände sind, die zur Einhebung derselben von uns versendeten Postaufträge gefälligst honorieren zu wollen. Die Administration.