Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 22 (2.6.1911)
- Date
- 1911-06-02
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 368 Dr. Bkochs WochenfOM Graf Stefan Tisza über die Judenfrage im' ungarischen Parlament.__ Das lleberhandnehmen antisemitischer Tendenzen in der ungarischen Gesellschaft hat es dazu gebracht, daß das ungarische Parlament sich in den letzten Tagen, anläßlich der Beratung des Kultusetats wiederholt mit der Judenfrage beschäftigte Verschiedene Redner beleuchteten diese,Frage von ihrem Parteistandvunkte und man hörte gehässige Worte, wie sie in den letzten zwei Jahrzehnten im ungarischen Abgeordnetenhause nicht gehört wurden. Wie eine Stimme des Gewissens der ungarischen Gesellschaft klang dazwischen die Zroße, bedeutungsvolle Rede des ehemaligen Ministerpräsidenten Grafen Stefan Tisza, der die gegen die Judenschaft erhobenen Vorwürfe, daß sie der Begründer und Verbreiter des Atheismus in Ungarn sei, mit folgenden Worten Widerlegte: „Sub rosa sei mir hier gestattet, mich daaegen zu verwabren, daß diese unendlich wichtige und gefährliche Sache unter falschem Schild iu den Verkehr gebracht werde. Diese Bestrebungen gehen von zwei Seiten ans, bei der einen verkappt, sub rosa, bei der anderen ganz offen. Es ist sehr modern geworden, diese materialistische, anarchistische Richtung mehr oder weniger zwischen den Zeilen mit dem Judentum in Verbindung zu bringen. Dagegen verwahre ich mich entschieden und feierlich. JL glaub-, auch innerhalb des Judentums finden die verschiedensten geistigen Richtungen Raum. Ick glaube: von der finstersten Biaotterie bis zum Atheismns sind im Judentum die verschiedenen geisttgen Bestrebungen anzutrkffen. Daraus darf daher eine neuerliche Ausreizuna keine Nahrung finden und darf in die ungarische nationale Gesellschaft nicht eine neue Brandfackel geworfen werden." Ebenso mächtigen Eindruck riefen auch seine Mahnmorte an den ungarischen Katholizismus hervor: «Warum ist der Ungar sche Liberalismus nicht reliaionsfeindkich? Warum respektiert er die heutige vornehme Stellung des Katholizismus in Ungarn und weshalb sucht er die Harmonie mit dem kompetenten Faktor des Katholizismus? Deshalb, weil der ungarische Katholizismus sich aewiffer Ueb-rtreibnngen enthalten konnte und die ungarische Gesellschaft den Begriff kannte, den leider manche Gesellschaft des Auslandes nicht kennt, den Begriff des liberalen Katholiken. Denn, um nicht noch mehr zu erwähnen. Ungarn besah einen Stefan Szechenyi und andere große Männer, die sich gleichmäßia durch ibren wahren inneren religiösen Eifer als durch ihre unerschütterliche Anhänglichkeit an den ungarischen liberalen Fortschritt auszeichneten. Diese Einheit ist ans dem Gesichtspunkte der ungarischen Nation ein sehr wertvoller Schatz, dock auch aus dem Gesichtspunkte des ungarischen Katholizismus. Sie kann wohl zerstört, es können Gegen - sätze entfacht, die dem ungarischen Katholizismus innewohnende Mackt kann für ultramontane Tendenzen eine Zeit lang mit Belchlag beleat werden, aber ein zweites Mittelalter wird man in Ungarn nie mehr machen. Diese Bestrebungen würden dem Katholizismus und der Religion d'e Elite der ungarischen gebildeten Gesellschaft entfremden, jene Elite, die heute noch bei den heiligsten, reinsten, edelsten Traditionen des ungarischen Liberalismus verharren will, bei jenen Traditionen, die Glauben mit Mffen, Relioion mit Kirche, Freiheit mit der Anhänglichkeit an die moralische Ordnung vereinigen. Und wir klomm rn uns au die heiligsten wahrsten Traditionen des ungarischen Liberalismus, der ungarischen Freiheitsliebe an. wenn wir inzwei Fronten kämpfend gegen den ultramontanen Sektarianismus und dem Sektariamismus anarchistischer Tendenzen gleicherweise zu Felde ziehen." Eine jüdische Gartenbauschule in Ungarn. Der Ungarische israelitische Handwerks- und Ackerbauverein ^veröffentlicht soeben den Bericht über seine Tätigkeit im Jahre 1910. Der Verein hat auch in diesem Jahre — das achtundsechzigste seines Bestandes — seine edle Bestimmung in anerkennenswerter Weise erfüllt und. die schönsten Resultate erzielt. Der Bericht gedenkt zu-! nächst der Errichtung der neuen Anlage zur Ausbildung, von jüdischen Gärtnern. In dieser seiner Aktion wurde £ der Verein von mehreren Wohltätern unterstützt und auchl, der Ackerbauminister hat sich wohlwollend der Sachet; angenommen. Die Summe der bis zum Ende des vorigem ' Jahres zugunsten der Anlage angemeldeten Stiftungen!, beträgt 282.400 Kronen, von denen 215.020 Kronen!!/ bereits eingeflossen sind. Das 'Vermögen der AnlageI Zwecken bestimmte Vermögen des Vereines 533.940 Kr. 83 Heller. Für das Iahr^OII wurden präliminiert: die Ausgaben bei der allgemeinen Manipulation mit 58.869 Kronen 9 Heller, bei der Anlage zur Ausbildung von Gärtnern mit 21.163 Kronen 21 Heller, die Einnahmen mit 55..090 Kronen 68 Hellen, beziehungsweise 10.969 Kronen 44 Heller. Die Zahl der Zöglinge betrug 553, davon sind Handwerkszöglinge 475, Zöglinge der Gewerbeschule 42, Ackerbaüzöglinge 19, Gärtnerzöglinge 17. Das Lehrlingsheim des Vereines hatte im verflossenen Jahre 40 Insassen. Zur Unterstützung junger Handwerker, die sich selbständig gemacht haben, wurden 6800 Kronen verwendet. Zum Schlüsse widmet der Bericht den im Vorjahre verstorbenen Mitgliedern einen warmen.Nachruf und verdolmetscht den Wohltätern des Vereines den Dank der Leitung. Erzbischof Metropolit Bilezewski «nd Rabbiner Müller. Samstag am 20. d. M kam nach Zloczow der röm -kath. Erzbischof Dr. Bilczewski aus Lemberg. Die dortige Judenschoft hatte auch eine Abordnung, bestehend aus dem Knltukpräsidenten Herrn Josef Gold und dem Rabbiner Herrn Mendel Müller zum feierlichen Empfang delegiert. Nach der Begrüßuna des Kultuspräsidenten Herrn Gold ergriff das Wort Herr Rabbiner Müller in lateinischer Sprache mit folgendem Wortlaut: „Sacerrime! Partieeps smn honoris nomine meorum Jndaeorum Te benedietissime salutarae. Vivas, crescas. floreas pro bono publico per multes annos memor missionis, Tibi a Deo omnipotenta traditae Amen!“ Sowohl der Erzbischof als auch das Publikum, bestehend aus allen hohen Beamten, Geistlichen und der kolossalen versammelten Masse, waren sehr erstaunt, von einem orthodoxen Rabbiner ein so reinklassisches Lateinisch zu hören. Gememderatswahlen in Nikolsburg. Seit undenklichen Zeiten beherrscht die sogenannte „deutschliberale Partei" voll und unbeschränkt die Gemeindestube, nie ist es derselben eingefallen, trotzdem die Juden einen beträchtlichen Teil der Wählerschaft repräsentieren, auch nur je einen Juden zu kandidieren und mag es der beste und tüchtigste sein. Ja das Verlangen einer Vertretung für die Juden wurde als eine förmliche Ueberhebung angesehen. Dem zielbewußten und mannhaften Auftreten, der beiden Herren B. Teltscher und Samuel Krakauer ist es endlich gelungen, dieses Prinzip zu durchbrechen, indem bei den eben vor sich gegangenen Wahlen unser allseits verehrtes Mitglied des Kultusvorstandes, Herr Rudolf Lampl, als erster Jude und zwar einstimmig in den Eemeindeausschutz gewählt wurde. Die sogenannte deutschfortschrittliche Partei, welche den Juden jedwede Vertretung entschieden verweigert batte, konnte sich zur Aufstellung der Kandidatur des Herrn Lampl erst dann entschließen, als die todsichere Gewißheit vorhanden war, daß Herr Lampl, welcher von der Gegenseite kandidiert worden, mit beträchtlicher Majorität durchdringen werde. Es war ein wahrhafter Kidusch Haschem, zu sehen, wie Seine Durchlaucht Fürst Ditrichstein-Mennsdorf, seinerzeitiger Flügeladjutant Seiner Majestät unseres Kaisers, ebenso die hohe Geistlichkeit unter Führung des Probst Baron Menshegen, persönlich, in geschlossener Reihenfolge, ihre Stimmen für Rudolf Lampl abgaben. Es liegt nur an den Juden selbst, ob Erfolge für selbe errungen werden sollen, eines ist hiezu erforderlich, ein einiges geschlossenes Vorgehen der Juden, dann würde die mährische Judenschaft so manchen. Erfolg zu verzeichnen haben, so manche judenfeindliche Macht niedergerungen werden. Vmkovci. Am 20. Mai weilte hier der Bischof Sirmiens und Bosniens, Dr. v. Krapac. Eine Deputation. bestehend aus den Herren : Oberrabbiner Schöni feld. Präses der isr. Kultusgemeinde Ignatz Löwy, Vize-