Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 22 (2.6.1911)
- Date
- 1911-06-02
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 366 Dr. Blochs WochenschM Nr. 22 er für rein gelten." Baupolizeiliche Vorschriften finden wir in dem Gesetz: „Wenn du ein neues Haus baust, so mache ein Geländer um dein Dach und laß kein Blut kommen auf dein Haus, wenn jemand herabfiele." Wie viel Menschenleben wären in den Kriegen des Mittelalters bis in die Neuzeit hinein erhalten worden, wenn die Vorschrift Mosis beachtet worden wäre. „Emen Ort sollst du dir halten außerhalb des Lagers, daß du dahin hiuausgehest, und einen Spaten sollst du dir halten bei deiner Rüstung, und wenn du dich draußen hinsetzest, so grabe damit und bedecke wieder deinen Auswurs". Scheint es ferner nicht, als ob Mosis vorausgeahnt habe, zu welchen Mißständen die Jndustrieeutwicklung iu der Heimarbeit unserer Tage führte, wenn er schon eine so eingehende Vorschrift gab, wie die über die Heilighaltung des Sabbats: „Sechs Tage sollst du arbeiten und all dein Äerk verrichten. Aber der siebente Tag ist ein Ruhetag, dem Ewigen, deinem Gotte geweiht. Da sollst du keinerlei Werk verrichten, weder du noch dein Sohn oder deine Tochter, noch dein Knecht, noch deine Magd, noch dein Esel, noch überhaupt dein Vieh, auch nicht der Fremdling, der bei dir wohnt, damit dein Knecht und deine Magd Ruhe habe wie du selbst". Die Anfänge einer Prophylaxe gegen Seuchen und ansteckende Krankheiten finden wir iu dem Gesetz: „So bei einem Menschen auf der Haut seines Fleisches eine Geschwulst entsteht oder eine Flechte oder ein Fleck und es könnte an der Haut seines Fleisches zum Ausschlag oder Aussatz werden, so werde er gebracht zu dem Priester Aaron oder zu einem seiner Söhne, dem Priester". * * * Das Tagesjournal „Poseuer Zeitung" vom 23. Mai 1911 bringt nachstehenden Artikel unter der Ueberschrift: „Die jüdische Abteilung in der hygienischen Ausstellung Dresden". „Die moderne Kultur findet ihre Lehrmeisteriu iu der Vergangenheit. Wohl wenige unserer gegenwärtigen Kulturbestrebungen und Kulturaufgaben weisen nicht zurück auf Altertum und Mittelalter Oft sind es ganz bescheidene Spuren, die dort hinführen, zuweilen staunen wir aber über die gejadezu bedeutsamen Anfänge, die das Altertum uns als den gewaltigen Riesen zeigen, von des jen Schulter herab wir den weiten Ausblick uus verschaffen Dieses Faktum wurde uns wieder so recht zum Bewusstsein gebracht bei Betrachtung der his'orischen Abteilung der Dresdner Ausstellung. Der dem Menschen bestimmte Pavillon mit seiner wunderbaren Zusammenstellung alles dessen, was der Mensch im Kampfe gegen seinen Todfeind, die Krankheiten, zu seinem Schutze unternimmt, weist mit seinem genetischen Ursprung hin zur historischen Abteilung. Alles, was Griechen, Römer, Assyrer, Babylonier au hygienischen Schätzen besessen, feiert seine Verjüngung, wenn auch in stark modifizierter Form, seine Auferstehung. Vor Allem gilt das Gesagte für die Hygiene der Juden, die uns iu Bild, Wort und Modell vorgeführt wird. Es war keine leichte Aufgabe — und der Ausstellungskatalog gibt es auch zu — für Herrn Rabbiner Dr. Grunwald in Wien, -der vom Leiter der historischen Abteilung um Bearbeitung der jüdischen Gruppe ersucht wurde, eine so reichhaltige jüdische Abteilung zu schaffen, denn abgesehen von der finanziellen Frage, die nicht ohne die weitgegekendste Mitwirkung der Wiener israelitischen Kultusgemeinde zu lösen war, bot die substanzielle Seite noch weit grössere Schwierigkeiten, weil weder bildliche noch plastische Darstellungen vorhanden sind, weil weniger, als bei anderen alten Völkern, deren Bedeutung in hygienischer Hinsicht lange nicht au die Bedeutung des jüdischen Volkes reicht. Es ist sehr zu bedauern, da«s die jüdische Abteilung nicht in einem Raum Aufstellung finden konnte, vielmehr ein Teil in der assyrisch-egyptischen Abteilung zu s-hen ist, während der andere Ttil beim Mittelalter untergebracht ist. Wir hätten es lieber gesehen, wenn die Darstellung gezeigt hätte, dass die Hygiene der Juden von ihrem ersten Stadium bis in die Neuzeit hinein in einem und demselben Prinzip wurzelt. Leider ist auch hier wieder der nervus rerum der schuldige Teil. Schildern wir deshalb zunächst jene dem Altertum gewidmete Gruppe. Zum besseren Verständnis werden wir mit den lokalen Verhältnissen vertraut gemacht. Das geistige Zentrum des jüdischen Volkes Jerusalems mit dem Tempelberg und dem Tempel, Tiberias und andere bedeutsamen Punkte Palästinas werden uns im Bilde gezeigt. Bald wendet sich unser Auge jedoch einem Modell zu, das von hygienisch hoher Bedeutung ist, es ist das Modell der von König Salomon angelegten Wasserleitung mit den Zuführungen, Schleusen und Sammelbassins. In der Nähe des Silohtunnels mit den drei Teichen, selbst die Silohinschrift fehlt nicht. Treffliche Modelle machen uns in den Wohnungsverhältnisseu in Paleätina bekannt. Die primitivste Wohnung, das Zelt, das die Patriarchen schon benutzten und das Israel in der Wüste zur Wohnung diente, ist aufgestellt, ebenso wie das Lehmhaus, das jetzige Stadt und Landhaus in Palestina. Die Modelle der ausgestellten Wirtschaftsgeräte tragen teils das Gepräge des ländlichen, teils des städtischen Gebrauchs. Handmühle, Milch- und Mehlkrug aus der Stadt, Weinkeller, Oelpresse, die Mühle, aus den Reibsteinen bestehend, weisen auf das platte Land hin. Die verschiedenen Arten von Oefen und Herden scheinen für Dorf und Stadt gleichmässig Verwendung zu finden. Besonders interessant fanden wir den Backofen in Viereckform, auf dessen Boden das Feuer brennt und au dessen Wänden das Brot zum Backen angeklebt wird. Ueber diesen Modellen sind in herrlicher Kalligraphie, mit jüdischen Motiven versehen, Aussprüche der Bibel angebracht, deren Auswahl ist von Herrn Dr. Grunwald-Wien mit Unterstützung der Herren Doktor Funk, Boskowitz, Herrn Dr. Perls und Dr. Bamberger-Schönlanke getroffen, künstlerisch dargestellt hat sie Frau Dr. Hitzschmann in Wien. Gegenüber beobachten wir, durch eine Glaswand abgeschlossen, eine Reihe von Torarollen mit dem dazu gehörigen Toramäntelchen und dem Toraschmuck. Die Torarollen sind aufgerollt an jenen Stellen, welche die Speisegesetze, die Reinheitsgesetze und die Vorschriften für die Behandlungen der Aussätzigen und deren Ausschliessung mitteilen. Das Beerdigungswesen im heutigen und früheren Palästina wird uns ebenfalls durch Modelle der verschiedenen Gräberarten, Schiebgrab, Bankaratgrab, Ossarien, veranschaulicht. Die Modelle sind für diesen Zweck in Jerusalem aus einem weissen gipsartigen Stein gefertigt. Das jüdische Mittelalter steht unter dem Zeichen der Unterdrückung und Verfolgung. Doch gab es auch Momente der Freude, der Ruhe und Erholung! Sabbat und Festtag Hessen den Juden des Mittelalters alle Last und Pein der Werktage vergessen, weilte er in seiner Sabbatstube, dann hatte er gleichsam einen anderen Menschen angezogen. Und in der Tat, wir empfinden es, wenn wir die von Prof. Isidor Kaufmann in Wien in der Ausstellung - ausgestattete Sabbatstube in Augenschein nehmen. Freude und Friede strömt von da aus. Hochinteressant ist jedes einzelne Stück in diesem Raum, die Stühle, der Tisch mit der weissen Tischdecke, dem Kidduschbecher, der Sabbatlampe, den hebräischen Büchern auf dem Tisch, der alte Wiener Kamin, die alte Komode und die Gemälde au den Wänden, alles zu einander passend, löst eine eigenartige Stimmung bei uns aus, ausklingend in dem Ton „0, da gute alte Zeit!-* Am Eingang der Sabbatstube sind die wohlgelungeneu Modelle des Wiener Ghettos aufgestellt, bei einzelnen Häusern desselben das' biblisch vorgeschriebene schützende Geländer zu beobachten. Ein ebenfalls b emerkens wertesStück Mittelalter stellen die Modelle dar,welche uns die Mineralbäder Mikweh der alt jüdischen Gemeinden Worms, Speyer, Friedberg und Offenburg zeigen, die auch in architektonischer Hinsicht lehrreich sind. Apologetischen Charakters — und deshalb auch nicht mehr auf die Neuzeit berechnet — sind jene Modelle, welche die jüdische Schlachtmethode, die Methode des Blutentfernens, der Tieruntersuchung und die hygienisch vollkommen einwandfreien Instrumente für den Beschneidungsakt. Wir sind der festen Ueberzeugung, dass die jüdische Abteilung dazu beitragen wird, manchen unberechtigten Vorwuif gegen Juden und Judentum zurückzu weisen. Das wird auch der schönste Lohn sein für den verdienstvollen Herrn Dr. Grunwald in Wien. Schliesslich sei noch bemerkt, dass wir nicht etwa alle Gegenstände dieser Abteilungen benennen wollten, sondern nur einzelne hervorragende Vertreter, der Gruppe zu bezeichnen die Absicht hatten. Aus Anlass der Ausstellung erscheint unter der Redaktion von Herrn Dr. Grunwald ein grosses Sammelwerk „Hygiene der Juden“ (Verlag Lingner, Dresden), welches alle Fragen, die mit der jüdischen Hygiene irgend wie im Zusammenhang stehen, beantwortet.