Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 22 (2.6.1911)
- Date
- 1911-06-02
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 22 Dr. Vlochs Wochenschrift Seite 361 saniten Landes; schon mit Rücksicht darauf, daß mit einem so bedeutenden Teil der Bevölkerung, wie die Juden es sind, es gewiß wertvoller ist, in Ruhe und Frieden zusammen zu leben, als mit den importierten revolutionären Elementen, welche sich aus Russisch-Polen rekrutieren. Wir wollen hoffen, daß man uns nicht auf neue Wege drängen wird. Bilden ja die Polen nicht die numerische Mehrheit der Bevölkerung im Lande. So wehrlos sind wir doch nicht. Jeder Druck zeugt, nach einem alten physikalischen Gesetze, Gegendruck. In der Not und Bedrängnis haben die Polen jederzeit an das menschliche Mitgefühl der zivilisierten Welt appelliert. Zwinge man uns nicht zu einem verzweifellen Exist nzkampfe. Das gleiche Wahlrecht. Mann für Mann frei ausgeübt, wird sich als das wirksamste Instrument für uns erproben, zur Erlangung der uns staatsgrundgesetzlich gewährleisteten gleichen Rechte. Im Notfälle aus uns selbst angewiesen, werden wir auch in uns selbst die Quelle der vereinten Kraft finden. Wie unser österreichisches Parlament, sind leider auch die galizischen Juden verarmt an tüchtigen und tapferen Männern. Als Realpolitiker haben wir zu wählen, unter Uebelu leider, da0 Kleinere! Gewiß kommt es bei der Auswahl mehr auf die Qualität als auf die Quantität der Vertretung an. Ich vermisse unter den bisher bekannt gewordenen, zahllosen Bewerbern, den bestgeeigneten und bestqualifizierten Professor Doktor Rosenblatt in Krakau, den die galizischen Juden jetzt im Parlamente brauchen könnten. Groß, sehr groß, ist auch die Verarmung der Polen an liberalen Mknschknsreunden. Franz S m o l k a und Eduard Ritter v. Gniewosz. gesegneten Angedenkens, haben leider keinen ebenbürtigen Nachwuchs zurückgelaffen. Diese beiden Menschen- und judenfreundlichen, edlen Polen alten Stils, sind uns Juden, ach, am meisten abgestorben! In Erkenntnis der gegenwärtigen Sachlage, daß es jetzt opportun wäre — ehe zwischen Polen und Ruthenen ein Ausgleich zustande kommt, um nicht zwischen Hammer Md Ambos zu geraten — noch einmal einen Versuch zur Verständigung mit den maßgebenden, einflußreicheren und ausgleichsfreundlicheren Faktoren im Lande zu machen — dürfen wir nicht, ohne vorher nochmals einen äußersten, friedlichen Schritt versucht zu haben, uns leichtfertig kopfüber in einen schweren Kampf stürzen, während unser jüdisches Volk in bitterer Armut und Bedrängnis Hunger und Not leidet. Ich habe heute vor Allem dem Frieden das Wort geredet .... "CHS '2 Ql*?»*? '3K Wien, am 29. Mai 1911. Das Reichsratsmandat des Kai Viertels. Wer sich an die Wahlvorgänge vor vier Jahren erinnert, muß sich an die Haare greifen, wenn er sieht, wie plötzlich der erste Wiener Wahlkreis (das Kaiviertel) Gegenstand eines heftigen, leider aber auch nicht fairen Kampfes wurde. Vor vier Jahren kandidierte ursprünglich in diesem Wahlkreis Herr kaiserlicher Rat Wilhelm Anninger, ein Mann, der als Kaufmann in der Wiener Gefchästswelt sich des besten Rufes erfreut, der auch als Jude für die Interessen seiner Glaubensgenossen stets warm eintritt. Aber als Hofrat K u r a n d a über Aufforderung eines sehr angesehenen Teiles der Wählerschaft sich ebenfalls um das Mandat bewarb, trat Herr Anninger zurück und stellte sich in den Dienst des neuen Mandatsbewerbers. Herr kaiserlicher Rat Anninger, als ruhiger und überlegter Mann, erkannte, daß in der Person des Hofrates K u r a n d a die Interessen der Wählerschaft und auch der jüdischen Bevölkerung bestens vertreten werden und gab sich damit vollkommen zufrieden. Hofrat K u r a n d a hat auch in Wirklichkeit den in ihn gesetzten Erwartungen nach jeder Richtung entsprochen. Keiner Partei zugehörig, hat er es kraft seiner gründlichen volkswirtschaftlichen Kenntniffe, die schließlich für einen Vertreter der City von Wien immerhin notwendig find, seines reichen Wissens und politischen Taktes verstanden, sich eine besonders maßgebende Position zu verschaffen. Seine Referate in den wichtigsten Ausschüssen des Parlamentes haben zur Förderung der wirtschaftlichen Jntereffen des Reiches beigetragen. Stets war er sich dessen bewußt, daß er der Vertreter eines jüdischen Wahlkreises ist, und hat er an allen Aktionen, die von den jüdischen Korporationen des Reiches eingeleitet wurden, lebhaften Anteil genommen» Im Parlamente selbst, so oft es galt, gegen Verunglimpfungen des Judentums aufzutreten, war K u r a n d a nicht der letzte. Es ist nicht notwendig, hier einzelne Fälle hervorzuheben, denn all diese Momente leben noch im Gedächtniffe der Wählerschaft. Und nun entsteht ihm in der Person des Gemeinderates Dr. O-kar Hein ein Gegenkandidat, der ihn nicht etwa deshalb bekämpft, weil ihm das politische Programm des Hofrates K u r a n d a nicht paßt, er, Dr. Hei n, gehört selbst schon viele Jahre der fortschrittlichen Partei an, dieser Partei verdankt er auch sein Gemeir.deratsmandat. Andere sonderbare Gründe werden ins Feld geführt. K u r a n d a ist Hofrat, K u r a n d a ist der Sohn eines hochverdienten Politikers des rongen Jahrhunderts, dem die Reichshauptstadt Wien mit der höchsten Würde, die sie zu verleihen halte, auszeichnete, indem sie ihm wegen seiner Verdienste für das Vatnlrnd das Ehrcnbürgerdiplom verlieh. Ein Mann also, der als Jude der erste Hof- und Ministerialrat wurde und der, wenn er dem Beispiele seiner anderen jüdischen Kollegen in den diversen Ministerien folgen würde, das heißt, wenn er sich ebenso wie sie taufen ließe, heute schon Sektionschef und Geheimrat wäre — ein Mann, der das Pech hatte, der Sohn des einstigen Präsidenten der Wiener Kultusgemeinde zu sein, muß unbedingt gerade von der Wiener Judenschaft über Bord geworfen werden. Man versucht es, die Hofratswürde Kurandas so darzustellen, wie wenn sie ein ererbter Titel wäre, wie etwa ein Adelsprädikat. Wem die Verhältnisse der österreichisch-jüdischen Staatsbeamten bekannt find, weiß es, wie oft jüdische Beamte präteriert werden, nur deshalb, weil sie Juden sind, und wie viel ein Jude leisten muß, bis es ihm gelingt, die längst verdiente Stellung als Hofrat zu erreichen. In den Augen der Fürsprecher der Gegenkandidatur Kurandas ist der Rang eines jüdischen Hofrates allein schon ein Verbrechen. Als Ministerialrat hat K u r a n d a uns Juden nur Ehre gebracht, Herr Dr. Hein, will diese Stellung — seltsam genug — jetzt als Waffe gegen ihn benützen. Außer diesen Gründen fand Dr. Hein noch einen wichtigeren, der allrin genügt, dem K u r a n d a das bisherige Vertrauen der Wählerschaft zu entziehen. In einem Aufruf macht er ihm zum Vorwurf, daß er in kulturellen Fragen nicht zu den Radikalsten zähle. Ja wohl, Herr Dr. Hein Sie haben Recht! Hofrat K u r a n d a stand nicht im verfloffenen und hoffentlich auch nicht im kommenden Parlamente an der Spitze der „Freien Schule" und der „katholisch Geschiedenen". Auch wir sind der Meinung, daß die jüdischen Wähler andere, wichtigere Jntereffen haben. In diesen Fragen scheint Herr K u r a n d a derselben Ansicht zu fein wie Graf Stephan Tisza, dem der Freisinn gerade so nahe geht, wie Herrn Dr. Hei n. Als freisinnige Gemeinderäte, die eine Verantwortung gegenüber der Wählerschaft haben, täten die Herren Sde i n und Dr. H e i n beffer, wenn sie ihre Kräfte, statt in der hoffentlich ganz nutzlosen Bekämpfung des Hofrates K u r a n d a, gleich den anderen Kollegen des fortschrittlichen Gemeinderatsverbandes, in den gefährdeten Bezirken zur Verfügung für den Dienst des Freisinnes stellen würden. Die Wiener freisinnige Bevölkerung würde ihnen dafür dankbar sein. Der gesunde Menschenverstand der Wählerschaft des Kaiviertels wird am 13. Juni d. I. dasselbe zu tun wissen, was vor vier Jahren in so imposanter Weise geschah, indem Hoftat Camill K u r a n d a als der einzige freifinnig-bürgerliche Abgeordnete in der Hauptwahl gewählt wurde. I. Gr ob tu ch.