Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 22 (2.6.1911)
- Date
- 1911-06-02
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 360 Dr. Blochs Wochenschrift schaftlichen Interessen werden sie aber nur dann wirksam begründen und durchsetzen können, wenn sie sich als treue Söhne des Landes sühlen, bekennen und betätigen werden." Ofsin und ehrlich gesprochen, will die gedachte „Bedingung des Lebens" heißen: Von den das Land Galizien de facto beherrschenden, alles Leben für sich in Beschlag nehmenden polnischen Herren des Landes, die selbst leben, aber die Juden nicht leben lassen. Ja, „vom Leben!" Diese zwei ominösen Worte erinnern mich an die in dem bekannten Einakter „Ein Wort an den Minister!" wie folgt geschilderte dramatische Szene: Ein Abgeordneter der Wiener Judenschaft will eine Audienz beim Staatskanzler Kaunitz erlangen, um für seine unterdrückten Glaubensgenossen zu bitten, welche ihm von dem übelgelaunten Staatsmann unter der Bedingung gewährt wird, daß er sein Anliegen nur in einem einzigen Worte Vorbringen dürfe.' Der Abgesandte willigt ein, läßt sich ruhig anschnauzen und wartet stumm auf die Gelegenheit, den Fluß des Ministers durch E i n Wort zu unterbrechen, jenes Wort, das ausg« drückt enthalt-', was er vorzubringen hat. „Nun hat man ja euch ohnedies schon dies und jenes bewilligt. Was wollt ihr eigenrl'ch noch? ' fährt ihn endlich der Staatskanzler an. Und der Alte bricht in das einzige Wort aus: „Leben!" Genug davon. Es ist j-tzt nicht die Zeit mit Worten zu spielen. Denn Zeit gewinnen heißt jetzt Zeit verlieren. Die Not der Juden, welche eine Grenze erreicht hat, die nicht weiter zu überschreiten ist, schreit um Abhilfe. „Wenn wir verhungert sind" — sagte jüngst ein freisinniger deutscher Wahlwerber in seiner Kandidatenrede — „können wir weder gute Patrioten noch national gesinnt sein. Die Vorbedingung sider Betätigung ist . die Erhaltung des Lebens, und schon Konfuzius hat die Definition der Politik gegeben: „„Zuerst das Volk nähren, und dann das Volk lehren."" Die Wahlzeit, wo die Juden in Galizien ein wichtiger Bestandteil der Gesamtwählerschaft, sogar in vielen städtischen Wahlkreisen die Mehrheit und in sehr vielen, wo vorhandene rivalisierende Kandidaten polnischer Fraktionen sich gegenseitig befehden, das ausschlaggebende Gewicht in der Wagschale der Entscheidung bilden, diesen Zeitpunkt sollten wir nicht ungenützt vorübergehen lasten. Zur Zeit der Judcnerquete im Monat Februar hatte man noch keine Ahnung von der Auslösung des Reichsratcs. „Vor Tisch", will sagen, vor Wahlen, redet's sich anders und werden friedlichere Tasten angeschlagen. Jetzt entscheidet bei der Wahl der kleine Mann, der Burger und nicht der Adel, weil die kleinen Leute doch die Mehrheit sind und Stimmen gezählt und nicht gewogen werden. Und doch treten jetzt merkwürdigerweise gerade in Galizien Herreuhausmitglieder und Lxzellenz-Herren als wie: die Grafen Kozlowski, Dzieduszycki, Badeni jun., Adam Goluchowski, Skarbek, Bawarowski, Fürst Lubomirski. v. Starzynski, Bilinski, Korytowski u. a., unterstützt vom mächtigen Einfluß der k. k. Landes- und der polnischen Nebenregierung, „Rada narodowa" genannt, als Mandatswerbe auf, um — bürgerliche und vor allem jüdische Mandate au'sich zu reißen! Wie, gefreut es diesen Herrenhäuslern nicht mehr in ihrem Oberhause, daß sie, wie vom Heimweh plötzlich gepackt, nach dem auf Grund der demokratischen allgemeinen Wahlen aufgebauten Volkshause drängend, sich herablasten! Was will denn v. Starzynski wieder im jüdischen Wahlbezirke Rawa-ruska, der es vier Jahre hindurch nicht dazu ankommen ließ, seine sehr stark angefochtene Wahl verifizieren zu lasten? Als I. Vizepräsident des Abgeordnetenhauses wird ihm doch die ganz unzweideutige Bestimmung des § 41 der neuen Reichsratswahlordnuvg nicht unbekannt gewesen sein, welche wörtluh lautet: „Das Haus der Abgeordneten veranlaßt die Vorberatung über die Wahlakten und entscheidet nach erstattetem Berichte über die Giltigkeit jeder Wahl längstens binnen einem Jahre, nachdem sie erfolgt ist." Nun besitzen wir die vom Minister des Innern Grafen Wickenburg einer Sozialisten-Deputation gegebene Zusicherung „reiner Wahlen" in Galizien. O, „g a l iz i s ch e" Wahlen — und Nr. 22 „reine!" Bald nach der erfolgten Auflösung des Reichsrates sind 5 große Möbelwagen — es werden wohl mitunter auch Mistwagen gewesen sein — vor dem Parlamente aufgefahren, um die das Haus „verunreinigten" voluminösen Protestakten der 118 angefochtenen Wahlen als Makulatur fortzuschaffen. 118 Träger protestierter unverifi.ierter Mandate haben durch vier Jahre die Immunität genossen mit der Auszeichnung, durch einen gleichen Mandatsgenoffen sogar im Präsidium als „I. Vize" repräsentiert zu werden. Diese Makulaturpapiere wurden vorher von Parlamentsdienern nach einzelnen Königreichen und Ländern sortiert. Schade über das profane Schicksal der für die „galizischen Wahlen" charakteristischen Wahldokumente. Unter den galizischen Akten sollten sich auch sehr interessante Stimminstrumente wie: Die Moral — will heißen eine Urne — mit Doppelboden, eine kunstvoll konstruierte Weckuhr zur Auferweckung to'er Wähler, Toten- und Stichwahllisten und andere dergl. originelle Hilfswerkzeuge „galizisch?r Wahlen", vorgefunden haben, — für das polnische National-Mu^eum geeignet. Ich hätte die erwähnten „Makulaturpaprere" gerne aufgekaust und sie dem gewesenen Rawa-ruska'er Abgeordneten und I. Vize- Präsidenten v. Starzynski, als „würdiges" Geschenk zum ewigen Andenken gewidmet, um nicht etwa durch profanen Gebrauch der Makulaturen . . vom Krakauer Gerichte, wegen Herabwürdigung einer Landeseinrichtung, belangt zu werden. Außer dem Minister des Innern läßr auch Minister Glombinski in seinem an den in der Führerschaft der Allpolen ihm nachgefolgten derzeitigen Parteiführer Dr. Pawlikowski gerichteten Telegramm wissen, „daß es der Wunsch der Regierung sei, daß die jetzigen Wahlen vollständig objektiv, ohne irgend welche Nebeneinflüsse durchgcführt werden." Daß dies der Wunsch der Regierung ist, will ich gerne glauben, bezweifle aber, ob die allpolnische Partei des Minister Glombinski sich darnach richten wird, welche in den letzten Jahren die antisemitische Verhetzung leidenschaftlich betreibt. Glombinski ist der personifizierte Repräsentant des Allpolentums, der Inspiratorseines seit 2 Jahren verwandelten, früher liberalen, jetzt antisemitischen Parteiorganes „Slowo polski“. Glombinski, dieser allpolnische ,Mlas", ist Universitätsprosistor und Gemcinderat in Lemberg, Abgeordneter des galizischen und seit 2 Monaten zugleich auch des Bukowinaer Landtages, Reichsratsabgeordneter und Eisenbahnminister mit Nachsicht der Fachkenntnisse. Streifend will ich bemerken, daß die Assimilationspolitik in der letzten Zeit schmählich abgekracht hat. Sogar die bisherigen Träger dieser verfehlten Politik, haben dies jetzt, sozusagen am eigenen Leibe, erfahren müssen. Dr. v. L ö w e n stein ist bei den jüngsten Gemeinderatswahlen in Lemberg, dank der schwindelhaften Machinationen und den antisemitischen Verhetzungen der Allpolen, durchgefallen. Auch der bisherige jüdische Vize-Bürgermeister in Lemberg Dr. A s ch k i n a s e wird nicht mehr wiedergewählt. Die früheren Abgeordneten Gold und Galt, die als „gemäßigte" Israeliten der allpolnischen Partei angehörten, werden nicht mehr von der unter dem Namen „Rada narodowa“ bestehenden gegenseitigen Mandatsversicherungsgesellschaft begönnert und deren Wiederwahl wird von der allpolnischen Agitation heftig bekämpft. Nach alldem müssen wir uns jetzt über das: Was nun? klar werden. In erster Linie handelt es sich jetzt für die jüdischen Wähler nicht nur wer gewählt, sondern wer nicht gewählt werden soll. Uns stehen nun zwei Wege offen. Der erste ist der Weg friedlicher, praktischer Kompromißpolitik, zu versuchen, uns mit den maßgebenden Realpolitikern des Landes gütlich auseinanderzusetzen, um für die arme, jüdische Bevölkerung einen Modus vivendi zu erzielen. Wir müssen mit taktischem Geschick und Verständnis die Zeit der Wahlen hiezu benützen. Vielleicht gelingt es jetzt, leichter als zur Zeit der Februar-Enquete, Erfolg zu erzielen. Jetzt ist zu Hoffen, daß, bei ernstem mannhaften Auftreten unsererseits, man an unseren berechtigten Forderungen nicht mehr ignorierend vorübergehen wird, schon aus vernunftgemäßen Erwägungen der Polen selbst, im wohlverstandenen eigenen Interesse, und im Interesse des ge-