Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 22 (2.6.1911)
- Date
- 1911-06-02
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 358 Dr. Blvchs Wochenschrift Nr. 22 die Wohnungen mit Bettgehern unhygienisch vollpfropfen, die Mafsenquartiere begünstigen und im Falle einer Seuche die größte Gefahr über Wien heraufbeschwören. Der Waggon im Hofe und das obenstehende Inserat sind die schönsten Zeichen christlichsozialer Volksrettung. Die fLdische Scherst. Von Dr. Heinrich Loewe, königl. Bibliothekar in Berlin. (Schluß.) So lange die Münzschrift nur auf Inschriften und im Gepräge erschien, hatte sie steife und gerade Formen. Mit dem «Schreibmaterial änderten sich auch die Formen insofern, als sie etwas weicher und runder wurden. Darin vKehen die Unterschiede der späteren samacktanischen- Schrift von den alten Schriftzeichen der Denksteine. 2n ganz ähnlicher Weise haben die Schreibstoffe auf die Form der Quadratschrift eingewirkt. Je mehr geschrieben wurde und Mar auf glattem Pergament, spater auf Lumpenpapier, um so mehr nahmen die Buchstaben rundere Formen an. Die große Schreibtätigkeit des Mittelalters veranlaßte ebenfalls eine Erweichung und leichtere Schreibform. Die Buchstaben wurden rundliche Wahrend die heiligen Schriften nach wie vor nur in der überlieferten Form der stilgerechten Quadratschrift abgeschrieben und weiter gegeben wurden, bildeten sich für den täglichen SchriftgArauch und für die Handschriften der nachtalmudischen Schriftsteller die bisher starren Buchstaben zu runden und dünneren Kursiobüchstabe-n um. Deshalb wird diese Kursive, die sich nur noch durch ihren Duktus von der assyrisch-hebräischen Schrift unterscheidet von den gelehrten Urhebern der Totzafot kurzweg die dünne Schrift ( nrns npn) genannt. Sie hat sich nur insofern von der ehrwürdigen Quadratschrift entfernt, als sie, abgesehen von her Stärke der Buchstaben, nur durch die Haltung der Feder beim Schreiben beeinflußt ist. Der Uebergang von der Rohrfeder zuM Federkiel hat seinerseits zu dieser Umänderung beigetragen. Diese von den modernen 2uden nach den hauptsächlichsten in dieser Schrift überlieferten Gelehrten Raschi-Schriftgenannte Kursive wird noch heute Dvn den sefardischen Juden des Orients als ihre gewöhnliche hebräische Schrift benutzt. Daneben entstand eine besondere provenyalische Kursiv-Schrift und ebenso wie das Taalik im Arabischen und Persischen und wie die gebrochene Mönchsschrift des Mittelalters, die zu dem Irrtum einer deutschnationalen Schriftart Anlaß gegeben hat, eine blondere hebräische Frakturschrift ( 2/12 ), die eben auch mtt gebrochenen Strichen schnörkelte. Vielfach wußte man den Ursprung weder der Schriftarten noch ihrer Namen, aber man gebrauchte sie, bis eine andere Form der Schrift sich aus ihnen entwickele oder sich von Mderer jüdischer Seite eine solche zu ihnen verpflanzte. So vertauschen jetzt die nach Erez Jisrael ausgewanderten jemenuchen Juden dort ihre aus der Heimat mitgebrachte sehr eigenarüge und ganz kurze Kursivschrift gegen die bei den Sefardim Vorgefundene Raschi-Schrift, wie sie andererseits ihre hebräische Aussprache zwar im Gebet und bei der ToraoorlHung noch beibehalten haben, sie aber im täglichen Verkehr gegen die gemeinsefardische bereits aufgeben. Bon blonderer Bedeutung wurden diese hebräischen Kursiven dadurch^ daß die Juden der verschiedenen Länder allmählich dazu kamen, ihre Landessprachen in diesen hebräischen Buchstaben zu schreiben. Nach Dukes war es den 2uden rächt erlaubt, sich! der arabischen Schrift, in der der Kur'an medergeschrieben ist, zu bedienen. Nach Grobergs ist es noch in neuerer Zeit in Marokko den 2uden verboten gewesen, arabisch schreiben und lesen zu lernen, weil sie «als Ungläubige nicht würdig seien, den Kur'Ln zu verstehen. Aehnliche Gründe mögen in Persien, das ebenso fanatisch wie Marokko ist, maßgebend gewesen sein, daß die 2üden, die ja sogar ihren Gottesdienst zum Teil in persischer Sprach'e abhalten, die persische Sprache mit der sefardischen Kursive schreiben, die sie übrigens nicht Raschi-Schrift, sondern Targüm-Buchstaben nennen. 2n dem Vertrage, durch den das staatsrechtliche Verhältnis der 2uden zu den Muslimin geregelt wird, heißt es ausdrücklich : „Wir machen uns verbindlich, nicht mit ihren (der Muhammedaner) Worten zu sprechen und nicht mit ihrer Schrift zu schreiben." Aber abgesehen davon, daß dies nur in gewissen Zeiten und dann auch nur bei den nicht-arabischen und nicht-türkischen Völkern des islamischen Orients durchgefuhrt wurde, bedeutet es ja nur die Sanktion eines bestehenden Zustandes, da die 2uden von altersher arabisch und persisch! mit hebräischen Kursivbuchstaben zu schreiben gewöhnt waren. Wenn also auch die Araber oder vielmehr arabisierte Völker des Orients zum Teil einmal Wert darauf legten, daß die Juden sich nicht der ihnen heiligen arabischen Schrift bedienten, so ist dies doch vor allem ein Eharakterzug der Juden, sich in ihrer Korrespondenz mit Vorliebe der hebräischen Schrift zu bedienen. Selbst die zum Judentum übergetretenen Chazaren haben für ihre Sprache die hebräische Schrift angenommen. Wie wir aus den ^Kommentaren eines Raschi und aus den Schriften der Totzafisten ersehen, haben die französischen 2uden den Gebrauch gekannt, statt mit lateinischen Buchstaben französische Wörter mit hebräischen Schriftzeichen ihren gelehrten hebräischen Werken einzufügen. Wahrscheinlich aber werden sie auch ganze zusammenhängende Stucke in französischer Sprache» aber hebräischer Kursivschrift niederlegt haben. Daß die 2uden die Landessprache in ihrer eigenen Schrift schrieben, die von den anderen Landesbewohnern nicht gelesen iwurde, trug auch! noch dazu bei, die Bildung besonderer 2udendialekte zu fördern. Denn diese Schrift entzog den jüdischen Schreibstil der unbewußten Kontrolle der gleichsprachigen Bevölkerung anderer Nattonalität. Der deutschsprechende Teil der 2uden war nicht bloß durch seine große Zahl und durch sein besonders starkes Festhalten an altjüdischer Bildung während des ganzen Mittelalters hervorragend, sondern er hat trotz der frühen und intensiven schöpferischen Teilnahme am deutschen Kulturleben nicht weniger als die andern Teile des versprengten Volkes eine eigene Dialektbildung vorgenommen. Für die Schreibung dieses Dialektes ebenso wie für die ihnen durchaus geläufige Schriftsprache bedienten sich aber diese 2uden im allgemeinen der hebräischen Schrift, wenn es auch ausdrücklich gezeugt ist, daß sie sich der gebräuchlichen Schrift des Deutschen vielfach zu bedienen wußten und es als rechtsverbindlich! ansahen, daß eine jüdische Gerichtspartei die andere zwingen konnte, sich zu ihren gerichtlichen Darlegungen der deutschen Schrift zu bedienen. So haben die Juden allmählich arabisch^ spanisch, französisch, deutsch, italienisch und neugriechisch mit hebräffchen Buchstaben geschrieben, die Karäer und Krimischaren auch tatarisch. Für das Jüdisch-deutsche liegen sogar zwei verschiedene hebräische Kursiven vor, von denen die eine aus dem schriftlichen Gebrauch bereits seit anderthalb Jahrhunderten gänzlich verschwunden ist, während sie sich zum Druck von jüdischen Erbauungsbüchern, meist für Frauen, bis in die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts gehalten hat. 2n den letzten Jahrhunderten, wo die hochdeutsche Sprache die Jüdendialekte in Deutschland hat schwinden machen, wurde nach! dem Vorgänge Mendelssohns vielfach auch das Neu-Hochdeutsche mit hebräischen Buchstaben von seinen jüdischen Trägern geschrieben. Bei der llebertragung der hebräischen Schrift auf andere Sprachen müßte sie vielfach teils mit besonderen unterscheidenden Zeichen versehen, teils ihren Elementen