Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 22 (2.6.1911)
- Date
- 1911-06-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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fc" Dr. Bloch’s Zentralorcjan kür die gesamten Interessen des Zudentums. —-□_- Wien, 2. Juni 1911 LrscDetnt jeden Fr et tag. > Brief-Adresse: Wien. IX/i. Hahngaffe 15. Telegramm-Adresse: Bloches Wochenschrift, Wien. oo-— ~ ==öo p Verugsprris für Vrfirrrrirh: Halbjährig 8 Kronen: Einzelexemplare 50 Heller. Für'» Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 Kronen. Anzeigen: Die 4malgespal» 2 tene Pettlzeile 24 Heller. n P ■ —-Q O og O A. K. Pofksxsrkafsrnarnr Sleartng-Verk ebr «r. S10.S76. Redattion und Administratton: O w i r n H/i. Hahngaffe Nr. 15. Telefon Nr. 14.847. Do O O0= =0 o Inhalt: Leitartikel: Christlichsoziale VolkSrettung. — Die jüdische Schrift. — Ein Appell an die jüdischen Reichsratswähler in Galizien. — Das Reichsratsmandat beS Kaiviertels. — Juden in der k. u. k. Kriegsmarine. — Der Einfluß des rabbinischen .Schrifttums auf die Kirchenvater. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Der Romanschriftsteller A. Halber! und der Balladendichter "Borries Freiherr von Münchhausen. Jüdische Ahnfrauen adeliger Geschlechter. Vandalismus an einem jüdischen Adelsbriefe. Wie sprach Goethe? Aus den Memoiren der Baronin Jenny von Gustedt. Die erste authentische Nachricht über die Belagerung von Jerusalem. Hygiene der Juden auf der Internationalen Hygiene-Ausstellung in Dresden 1911. — Korrespondenzen: Das Jubiläum des Kammerpräsidenten v. Horowitz. Gründung des Oesterreichisch-Jsraelitischen Religionslehrerbundes. Der Tempel des Gott Nimm. Graf Stefan Tisza über die Judenfrage im ungarischen Parlamente. Eine jüdische Gartenbauschule in Ungarn. Erzbischof Metropolit Bilezewski und Rabbiner Müller. Gemeinderatswahlcn in Nikolsburg. Vinkovci. Das Kaiserpaar in Köln. Zwei jüdische Paschas in Egypten. Auszeichnung eines tunesischen Juden. Neues Emigrantenghetti in Antwerpen. Wenn in Rußland ein Jude Erfinder ist. Russisch-jüdische Künstler in der Kunstausstellung in Rom. — Vermischtes. — Feuilleton: Ueber Josef Popper (Lynkeus). — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. ChristUchsoziale Dolksrettung. Am 25. d. M. war in der klerikalen „Neuen Zeitung" folgende Annonce zu lesen: Bitterer Ernst. Schuldenfreier Staatsbeamter, X. Rangkl., dem Wohnungspreise unerschwinglich, sucht in Wien hölzernen Schupfen oder alten Möbelwagen als Wohnung. Anträge unter „K. k. Proletarier 134" an die Verwaltung des Blattes. 134 Es ist nicht ganz klar, ob es sich trotz der Ueberschrift der Ankündigung nicht doch um einen Scherz handelt. Aber die Annonce könnte wahr sein und sie wird noch erheblich verstärkt durch einen Artikel in der gleichen Zeitung, welcher mit der schärfsten Entrüstung das herrschende Wohnungselend bespricht. Es wird ein Bericht der Bezirkskrankenkasse angeführt, welcher eine ganze Reihe krassester Uebelstände in Massenquartieren in ganz Wien aufzählt und schließlich in der Tatsache gipfelt, daß ein Hausbesitzer im dritten Bezirke in seinem Hofe einen Eisenbahnwaggon stehen hat, in welchem er Plätze zu zwei Kronen pro Woche und Person vermietet. Himmelschreiende Uebelstände also, eine unerhörte Verelendung. Die „Neue Zeitung" sagt selbst, daß es so nicht weiter gehen könne. Aber wem sagt sie das? Sie sollte wahrlich die Verantwortlichen anrufen, die sie gar nicht weit zu suchen hat und denen sie einen recht schlechten Dienst erweist. Seit vielen Jahren sind die Christlich-Sozialen die unbeschränkten Herren von Wien und sie haben oft genug gesagt, daß unter ihnen das goldene Zeitalter für das christliche Volk herankommen werde. In Wirklichkeit haben sie überhaupt nichts getan und in der Wohnungsfrage schon gar nichts. Sind ja doch die Führer der Partei fast durchwegs selbst Hausbesitzer und sorgen selbstverständlich nur für die eigene Tasche, In Wahlzeiten allerdings, wenn der Klingelbeutel und die Agitatoren herumgehen, da wird immer so getan und so geredet, als ob etwas geschähe. Da hat zum Beispiel der ebenso beliebte als ehrenhafte Präsident der Baukreditbank und der christlichsozialen Partei, Herr Geßmann, kürzlich höchst eigenhändig einen. Leitartikel, natürlich ebenfalls an klerikaler Stelle über die Elektrisierung und Verbilligung der Wiener Stadtbahn geschrieben. Das war eine ganz überflüssige Mühe. Denn der Gelegenheits-Journalist brauchte gar nicht zu reden und zu schreiben, er brauchte bloß zu handeln. Der Wiener Stadtrat und der christlichsoziale Parlamentarierverband stehen ja zu seiner Verfügung. Er brauchte bloß zu wollen und. anzuordnen und die faktische Tat wäre in Kürze vollzogen. Aber das fällt dieser Partei gar nicht ein. Sie macht bloß Worte und ist im allgemeinen der grenzenlosen Geduld der Wiener sicher. Bei tausend Millionen Kronen haben die Rathausgewaltigen neue Schulden gemacht, aber haben aus diesem riesigen Gelde nichts als die laufenden Ausgaben gedeckt, kein größeres Werk durch geführt. Unter der Last der neuen Steuern und der Zinsenzahlung bricht das gerettete christliche Volk zusammen. Riesige Beträge werden gezahlt und was geschieht? Im Wege des Landtages werden schwere Summen aus Wien dazu verwendet, um die niederösterreichischen ländlichen Wähler des Herrn Geßmann zufrieden zu stellen und zu bezahlen. Den Wienern werden Flausen vorgemacht, den Bauern nötige und auch unnötige Bahnen gegeben, Meliorationen und Hilfsgelder gezahlt. Zum Dank dafür werden die Landvertreter im Landtag übermütig und stimmen die Wiener Abgeordneten in Schulfragen nieder. Wenn es der Wiener Kommune halbwegs ernst wäre, so brauchte sie nur einfach fremde Beispiele nachzuahmen. Eine ganze Reihe von deutschen Städten, die lange nicht so reich sind wie Wien und in denen die Wohnungsnot nicht halb so drückend ist, haben in weitem Umfang gemeinnützige und billige Kleinwohnungen, ganze Villenvorstädte für Beamte und Arbeiter gebaut, welche sich prächtig verzinsen und dem Zinswucher ein für allemal ein Ende gemacht haben. Bei uns aber sind die Geister zu klein und der Egoismus zu groß. Die christlichsozialen Politiker haben vor allem daran zu denken, wie sie sich selber retten, möglichst rasch zu Vermögen kommen und ihre vielen gutdotierten Aemter erhalten. Für die Wähler bleibt nichts übrig als Worte. Der Handels- Minister Weiskirchner hat kürzlich gesagt, er habe geholfen, Wien zu einer Großstadt zu machen. In der „Neuen Zeitungbekommt er auch die Würdigung seiner Rede. Ein etwas verbesserter Verkehr, eine Initiative der Gemeinde und gleich würden große Vorstädte entstehen, welche die Menschenmassen ableiten und die Wohnungszinse verringern würden, welche durch ihre Höhe jeden Hausvater zur Verzweiflung bringen,