Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 21 (26.5.1911)
- Date
- 1911-05-26
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 21 Dr. Mochs Wochenschrift Sette 345 alten Gebräuchen undGesetzen des Landes, als einfache Fremde betrachtet und behandelt und als solche nicht blos von den biirgerlichen und öffentlichen Rechten, sondern auch von einer Menge von Beschäftigungen fern gehalten werden. Wir glaubten, daß wir eine Verbesserung des den eingeborenen Juden gegenüber adoptierten Systems erhoffen durften. Wir sehen aber mit Schmerz, daß die Maßregeln, durch welche den Juden die Mittel des Lebensunterhaltes beschränkt werden, fortgesetzt werden. Die unerschütterliche Ueberzeugung der eingeborenen Juden sowie aller derjenigen, welche die Judenfrage ohne Parteilichkeit oder Feindschaft studieren, ist, daß die für die eingeborenen Juden geschaffene Lage nicht bloß mit dem Geiste der Gerechtigkeit in Widerspruch steht, sondern auch dem Lande zum Schaden gereicht. Unter dem Vorwände der Nationalisierung des Handels, der Industrie und der Gewerbe hat man begonnen, durch Gesetze und Reglements nach und nach die Juden aus diesen Zweigen der Tätigkeit herauszuziehen, sie, die zur Hebung der Kultur und der Volkswirtschaft beigetragen haben und in mächtiger Weise beizutragen vermögen. Die Politik der Ausschließung der eingeborenen Juden — wir scheuen uns nicht, es zu sagen, weil wir es jederzeit beweisen können — ist, unserer Ansicht nach, eine autinationale Politik, weil ihrethalben wirtschaftlich-kulturelle Energien und Intelligenzen, die nichts anderes verlangen, als sich in den Dienst des Landes zu stellen, beseitigt werden. Wir Unterzeichneten Vertreter der „Vereinigung der eingeborenen Inden", die den Zweck hat, die öffentliche Meinung über die Judenfrage aufzüklären und diese Frage auf den Weg der Lösung im Laude und durch das Land zu bringen, halten es für unsere Pflicht, uns dieser neuen Verletz n n g d e r R e ch t e u u d I n t e r e s s e n der eingeborenen Juden gegenüber, au Sie als den Ch-.f der Regierung zu wenden und S e zu bitten, unsere Beschwerden zu prüfen und die Maßregeln zu ergreifen, damit das erwähnte Reglement nicht auf die eingeborenen Juden zur Anwendung gelange." Was Herr C arp darauf erwidert hat, verschweigt leider das „Bukarester Tagblatt", wir werden diesbezüglich recherchieren und das Resultat unserer Recherchen der jüdischen Oeffentlichkeit nicht vorenthalten. —W.— Eine ernste Mahnung. Wie dem Berichte Über die letzte Sitzung des Kultusvorstandes zu entnehmen ist, wird die mit wesentlichen Kosten errichtete Religionslehrerbildungsanstalt, die einzige, welche Oesterreich aufzuweisen hat, am Schluffe dieses Schuljahres aufgelassen. Die Wiener Gemeinde ist für längere Zeit genügend mit Lehrkräften versorgt, sie benötigt die Anstalt nicht mehr. Anders verhält es sich mit den Provinzgemeinden. Seit Jahr und Tag verläßt kein jüdischer Kandidat die österreichischen Lehrerbildungsanstalten, ein Nachwuchs ist also nicht vorhanden und die Besetzung eines Religionslehrerpostens bildet heute schon für die meisten Gemeinden eine schwere Kalamität. Es wäre demnach höchste Zeit, diesem Uebel zu steuern. Dies könnte nur durch Erhaltung der in Rede stehenden Religionslehrerbildungsanstalt geschehen. Mögen daher die berufenen Faktoren alles aufbieten, die Schließung der Anstalt hintanzuhalten. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Wiener Gemeinde ihren Beschluß rückgängig machen wird, wenn sie die Ueberzeugung gewinnt, daß die Prövinzgemeinden kein geringeres Interesse an dieser für die Zukunft des Judentums wichtigsten Institution besitzen als sie selbst. Ein Erlaß Miser Alerander I. gegen die Blutbeschuldigung. Jetzt, wo in Rußland die Antisemiten wieder zur Blutlüge greifen, um das Volk zum Vergießen jüdischen Blutes aufzuhetzen, ist es wohl am Platze, ein Dekret in Erinnerung zu bringen, das Kaiser Alerander I. von Rußland im Jahre 1817 erließ und das folgendermaßen lautet: '; : i „Hinsichtlich der Anklagen, die gegen die Juden erhoben werden, welche in den Gouvernements wohnen, die von Polen an Rußland übergingen, wonach dieselben Christenkinder morden, um sich ihres Blutes zu bedienen, befiehlt Se. Majestät: Mit Rücksicht darauf, daß solche Anklagen schon früher wiederholt durch kaiserliche Schriftgelehrte und ehrliche Nachforschungen widerlegt wurden, sei allen Gouverneuren der Wille des Kaisers kundgetan, daß von heute ab kein Jude ohne gründliche Beweise, bloß auf ein Vorurteil hin, des Christenmordes öffentlich beschuldigt werde. Sollte es jedoch einmal Vorkommen, daß ein Jude des Mordes an einem Christen angeklagt wird, so hat die Untersuchung auf gesetzlichen Grundlagen, so wie es gegen jeden anderen Menschen geschehen würde, der nicht dem jüdischen Glauben angehört und eines Mordes angeklagt wird, geführt zu werden." Antonio Fogazzaro und die Inden. Cincinnati. Geehrte Redaktion! In Verbindung mit dem Briefe Antonio F o g a z z a r o s, der in Nr. 15, S. 240, abgedruckt ist, erlauben Sie mir, darauf hinzuweisen, daß der verstorbene Dichter auch sonst seine Sympathie für Juden bezeugt hat. In seinem Roman „II Santo“ wird auch ein jüdischer Charakter, der Student Elia Viterbo, vorgeführt, der zu den Bewunderern des Heiligen gehört und offenbar das Prinzip zum Ausdrucke bringen soll, daß in außerkirchlichen, selbst in jüdischen Kreisen mehr Interesse an dem echten Christentum vorhanden ist, als in der offiziellen Kirche. Vielleicht hat auch dieser Zug zur Verurteilung des Buches durch die Index-Kongregation beigetragen. Außer dem Namen und dem Umstande, daß „er red't mit die Hand'" ist nichts Jüdisches an Viterbo, und am Schluffe tritt er auch wie die guten Protestanten zur alleinseligmachenden Kirche über. Ergebenst Gotthard Deutsch. Kömg Viktor Emanuel in der Synagoge von Florenz. Vorige Woche stattete, wie aus Florenz berichtet wird, König Viktor Emanuel von Italien der Florentiner Judengemeinde in deren prachtvoller Synagoge einen Besuch ab. Die Florentiner Synagoge ist eines der herrlichsten jüdischen Gotteshäuser der Welt und bildet auch vom architektonischen Gesichtspunkte eine Sehenswürdigkeit. Zum feierlichen Empfange haben sich die Delegierten aller jüdischen Anstalten von Florenz mit dem Präsidenten der Gemeinde, Cav. Ingenieur Edoardo Vitta und dem Oberrabbrner Dr. Margulies an der Spitze, eingefunden. Das Rabbinerseminar war durch Prof. Dr. Chajes vertreten. Nach einer kurzen Begrüßungsansprache des Präsidenten Vitta hielt Oberrabbiner Dr. Margulies die Festrede, die er mit dem Bibelworte: „Gesegnet sei. der im Namen des Ewigen kommt, wir segnen Euch vom Hause des Ewigen" einleitete. Dr. Margulies sagte unter anderem: „Majestät! Ich bin überzeugt, nicht nur die Gefühle meiner italienischen Glaubensbrüder, sondern auch diejenigen der Juden der ganzen Welt zu verdolmetschen, wenn ich in diesem Momente der nationalen Festesstimmung, in