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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1911-05-26 · 21 (26.5.1911) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
28 (1911)
Issue
21 (26.5.1911)
Date
1911-05-26
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 21 Dr. Mochs WvHmWM Seite 343 gibt, wurde die jüdische Kurie als die der „anderen Nationalitäten" verschämt belassen. Allein leider, leider — man hatte die Rechnung ohne — die Statistik gemacht. Im deutsch-jüdischen Kataster gibt es über 70% Juden, gegenüber kaum 30% Deutschen, und mit dem Momente, wo zwei ziemlich gleich starke jüdische Kandidaten auftraten, mußte das Minoritätsmandat für die Deutschen verloren sein. So geschah es denn auch in der allgemeinen Kurie der Städte, wo Vizebürgermeister Doktor Weiselberger und Prof. Dr. Kellner mit je zirka 4600 Stimmen gegen den Deutschen, Hofrat Prof. Skedl, (42OO Stimmen), durchdrangen. In Czeruowitz, wo die Partei des jüdischen Volksrates (Kellner-Partei) dem Dr. Straucher keinen eigenen Wahlwerber entgegengestellt hatte, hätte im letzten Augenblick die Beliebtheit des Dr. Straucher die Deutschen um das Mandat gebracht. Im letzten Moment nämlich, zweimal 24 Stunden vor der Wahl, trat gegen den „Führer der Judenschaft" ein Herr Mallstem als s e l b st ä n d i g e r Kandidat auf und die Beliebtheit des Herrn Dr. Straucher ist so groß, daß dieser Wahlwerber so viel jüdische Stimmen auf sich vereinigen konnte, daß er nun mit dem deutschen Kandidaten in die Stichwahl kam. Dieser letztere, Wenzel Krehan, nennt sich deutschuational und ist dabei ein Antisemit ausgesprochenster Richtung. Ein Freund eines guten Tropfens, macht er aus seinem Herzen keine Mördergrube auch dann, wenn nicht gerade der Wein ihn zum Bekenntnis der Wahrheit führt. Die Czernowitzer deutsche Intelligenz empfand selbst den schweren Mißgriff, den diese Kandidatur bedeutete, am allertiefsten und angesichts ihres Wahlwerbers war sie bereit, sich mit dem Verlust des zweiten Mandates abzufinden. Standen doch zirka 1700 jüdischen Stimmen knapp 8—900 deutsche gegenüber, und um jüdische Stimmen für Herrn Krehan zu werben, das fiel nicht einmal den wildesten Antisemiten ein, die Juden so tief einzuschätzen. Doch siehe da, die Hilfe kam — wozu ist man auch Kultuspräsident — Herr Dr. Straucher, jüdischer Land- Lagsabgeordneter, Präsident der israelitischen Kultusgemeinde, jüdisch-nationaler Rcichsratskandidat für Czernowitz-Oft mit Sadagora, das verzärtelte Schoßkind der Wiener zionistischen Parteileitung, berief seine Getreuen zusammen und verlangte von ihnen, daß sie einen Wahlaufruf unterschreiben für — Wenzel Krehan. Denn Herr Wallstein bekämpft seit Jahren Herrn Dr. Straucher in der Czernowitzer Gemeindestube, und was spielt es dem gegenüber für eine Rolle, daß Krehan Antisemit schlimmster Sorte ist? Daß die Juden ein Mandat im Landtag mehr hätten und bei der nun mit Sicherheit zu erwartenden Aenderung der Wahlordnung die beati possidentes wären?. Und nun geschah wieder etwas Unerwartetes, Unvorhergesehenes. — Die besten Männer der „jüdischen Nationalpartei" lehnten — fast möchte man sagen natürlich — die Zumutung ihres Parteichefs Dr. Straucher einmütig ab, die Juden zur Wahl eines Wenzel Krehan aufzuopfern. — Doch der Führer der Judenschaft ließ sich nicht irre machen. Bald prangten an allen Straßenecken deutsche und jüdische Plakate. In eindringlichen Worten werden die Juden aufgefordert, für Krehan zu stimmen, und ihnen widrigenfalls mit dürren Worten Pogroms seitens der Deutschen an gedroht. Unterschrieben „ein einsichtiger Jude" was böse Leute angesichts der Flucht aus dem Straucherlager als „einschichtiger Jude" lasen. — Und so wurde mit Flugzetteln, Plakaten, Aufrufen seitens der Kultusgemeinde für den Antisemiten gearbeitet. Am Wahltage selbst funktionierte dann der ganze Apparat, den die Kultuspräsideutenwürde Herrn Doktor Strauchers zur Verfügung stellte, mit allen Mitteln und den ganzen Terrorismus — für den Antisemiten. — Und so gelang es, 400 jüdische Stimmen hinüberzuzwingen. Das Judentum war gerettet, der Antisemit gewählt. Am Abend des Wahltages zogen im Fackelzug Wenzel Krehan und Dr. Straucher, jüdisch-nationaler Landtagsabgeordneter, Gemeinderat und Reichsrats-Kandidat für Czernowitz-Oft mit Sadagora, das verwöhnte Schoßkind der Wiener zionistischen Parteileitung, Arm in Arm durch die Straßen der Stadt zum Deutschen Haus, wo die Niederlage der Juden in wackeren kernigen Worten mit manch kräftigem Sprüchlein gesegnet und manch gutem Tropfen begossen wurde. — Leider muß gestanden werden, daß die Czernowitzer Juden nicht in vollem Umfang die ihnen erwiesene Ehre zu schätzen wußten, daß ihr Kultus-Präsident mit den Antisemiten an einem Tische sitzen durfte. Die Landtagswahlen sind vorbei, die in den Reichsrat nahen. Hofrat Skedl, der bisher das Mandat der Städte Suczawa-Sereth-Radautz mit 42% Juden inne hatte, will sich um Czernowitz-West bewerben, so daß die Möglichkeit besteht, ein zweites jüdisches Mandat in der Bukowina zu erobern. Doch wird dies nur bei voller Einigkeit der Juden in den drei Städten möglich sein, sonst besteht die Gefahr, daß bei zwei streitenden jüdischen Wahlwerbern der christlichsvziale Kandidat in der Stichwahl durchgeht. Was wird geschehen? Wird das Judeutum wieder nach dem Exempel Krehan gerettet werden? Es ist beinahe zu befürchten. Und darum ist es gut, daß man erfährt, „was hinten weit in der Bukowina" vorgeht, auch damit die richtige Note gefunden werde, wenn man in Versammlungsbegeisterung „die wahren Retter des Judentums, die unentwegt seine Fahne Hochhalten", zu preisen sich anschickt. Zur Naturgeschichte des österreichische« Zionismus. ii. Unter dem netten und recht bezeichnenden Titel „Finsterlinge" sucht das sattsam charakterisierte Preßorgan der Wiener zionistischen Parteileitung die 240 Christbaume, die Herr Böhm, ein Führer der Wiener Zionisten, im Vereine „Settlement" zur Verteilung brachte, als den hohen Prinzipien des Zionismus entsprechend, zu erläutern. Die „Oesterreichische Wochenschrift" hat in dieser ganzen Affaire nur die Meinung Anderer veröffentlicht, sie gibt dem ersten Einsender das Wort zu einer Schlußbemerkung : „Aus dem gewundenen Gestammel des Herrn Verteidigers geht Folgendes hervor: Herr Böhm als bewußter, nationaler Jude darf mit allen anderen Parteien für allgemeine Wohlfahrtszwecke arbeiten! Wir wollen uns das merken; wir fragen nur bescheiden, wo steckt das jüdische Bewußtsein, wenn Hunderte von Christbäumen im „Settlement" unter seiner Leitung verteilt werden? Herr Böhm als nationaler Jude müßte vor allem den jüdischen Damen predigen: „Lasset die Christbäume in Frieden, daß sind heilige Symbole der Andersgläubigen, die euch nichts angehen." Ich mag die Damen nicht angreifen, sie verstehen es nicht besser — aber Herr Böhm müßte ihnen sagen: „Dort, wo ich, der Zionistensührer, an der Spitze stehe, dürfen Jüdinnen keine Christbäume v rteilen." Jedenfalls aber müßte er dafür sorgen, daß die Judenkinder eine Chanukabescheerung bekommen und keine Christbaumfeier. Das wäre national bewußt und das würde ihm die Achtung Aller gesichert haben — der Juden und der Christen. Keine Chanukabescheerung, wohl aber Christbäumchen. Wir zählen seit langem zu den „Finsterlingen", welche solches „Wirken" als unwürdig, kriecherisch und verächtlich verurteilen. In dem Artikel heißt es auch, daß sowohl der Wiener Magistrat als auch die israelitische Kultusgemeinde mit dem „Settlement" zufrieden sind. Daß der Präsident der israelitischen Kultusgemeinde einwilligt, daß die Gelder der jüdischen Kultussteuer dazu verwendet werden, um Christbäumchen anzuschaffen, scheint denn doch fraglich; der Kultusvorstand ist gewiß hierüber nicht genau unterrichtet gewesen. Daß aber der Wiener Magistrat welcher der klerikal-antisemitischen Partei dient, von dem Wirken

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