Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 20 (19.5.1911)
- Date
- 1911-05-19
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 3j8 Nr. 20 Dr. Blocks Wochenschrift Der unerhörte Mißbrauch der amtlichen Stellung seitens der Beamtenschaft ausschließlich zugunsten einer Partei — für die Dauer droht nämlich der Landesregierung die Zügel aus der Haud zu entwinden und — an ihrerstatt die ganze Macht des zumal in Galizien tatsächlich unbeschränkten Absolutismus des durch die verschiedenartigsten Beamten repräsentierten Negierungsapparates einer allpolnischen Nebenreg'erung des sogenannten Nationalrates (Rada narodowa), zur Veijü;ung und zu Gebote zu stellen. Demgegenüber lautet ein pa'.iklscher Glaubensartikel Bobrzyisk's, in seiner bekannten- „Veifayang Polens" (Ostroj Pol^ki), daß die Staatsgewalt stramm und einheitlich gehandhabt werden müsse. Das allpolnische Beamten syndikat muß aus Staatsraison zerschlagen werden. Uebrigens ist diese allpolnische Partei in Galizien gar nicht bodensta big. Ihr Ursprung reicht in die Tage der russ scheu Revolution zurück, als in Warschau die Fahne des Aufruhrs geschwungen wurde — nach Galizien ist sie durch die zahlreichen politischen Flüchtlinge und Emissäre gebracht und nach ruffisch-pnlnischem Muster eingerichtet Word n. Dieser ausländische, ruffische. Einfluß hat die den dortigen Verhältnissen eigene und angcpaßte Verbiffenh it und Unversöhnlichkeit nach Galizien verpflanzt und in dieses österreichische Kronland die Schlagwörter, sowie die brutale Kampfesweise ans Russisch-Polen eingcschlcppt. Dem redlichen Bemühen dieser Unruhestifter ist der Plan der Verhetzung vollauf gelungen. Nebenbei bemerkt, hat der Gründer der katholisch-nationalen Pirtei, Statthalter Graf Potocki, Sohn des Laudmarschalls, den b.- rüchtigten Jadenfresser Jeneskc-Choinski zwecks fachmännisch sicherer Betreibung der Volksverbctzung aus Rußland importiert. Das einst einzige judenfreundliche „Slowo polskie" ist durch diesen verderblichen Einfluß derart korrumpiert worden, daß es milsamt der ganzen, f-.üher liberalen, allpolnischen Partei die Schwenku g ins nationalistische Ant.femitenlager rückhaltlos vollzogen hat. Der Kampf gegen die Juden unter der angeblichen Parteibezeichnung der Zionisten hat dem allgemeinen, offenkundigen, ehrlichen und unbeschränkten Judenhasse den Raum gebahnt. Solche Verhältnisse sind seit dem Beginne dieses Jahres einfach unhaltbar geworden. Die Macht einer einzigen Partei ichieu ins Unendliche steigen zu wollen. Seit den Lemberger Gemeinderatswahlen im Frbruar laufenden Jahres haben sich die Dinge noch mehr zugespitzt. Ohne Rücksicht der PartcisUllung sind die Juden offen bl kämpft und hintergangen worden. Jüdische Kandidaten sind aus den verabredeten Listen über eine öffentlich plakatierte und den Wählern zugeschickte Verfügung eines anonymen, christlich-nationalen Komitees — entgegen Abmachung und Versprechen — massenhaft gestrich:n worden. Statt zehn sind fünf Räte auf dreiundfünfzlg gewählt worden. Also *5 Perzent Räte gegen 29 Perzent Bevölkerung Sogar der gewesene Abgeordnete Dr. v. Löwenstein mußte die durch ihn im Landtage verbrochene Veranlassung der Einberufung der bekannten Enqu te wegen des Judenelends mit dem Verlust seines Mandates büßen; seine Abwesenheit während der Tagung derselben hat unsere Gönner nicht versöhnt. Den klerikalen Herrschaften stach besonders die „jüdische" Präsidentschaft des dritten Vi.epräsidenten Aschkenase in die Augen; sie bekämpften ihn daher in einer maßlosen Polemik. Er, der patriotisch, polnisch, national, slavisch, „fortschrittlich" Gesinnte, ist als „Zionist", Landcsfeind, Polenfernd, rückschrittlich, Freimaurer, Rutheneufreund usw. hingestellt und bekämpft worden. Sein Name wurde zur sprachlichen Neubildung des Schimpfwortes eines Aschkenasisten (Asrkenazowiec) in der Hitze des Wahlkampfes verwendet worden. Nunmehr ist das Z'el erreicht. Das Präsidium der Landeshauptstadt wird mit der Neukonstltuierung judenrein werden. Die konfeffionelle Spaltung ist mit bedeutendem Erfolge auch in die Arbeiterschaft hineingetragen worden. Unter erzbischöfl cher Patronanz (Bischof Bilczewski) ist seit Neujahr ein großes, katholisches Arbeiterheim just im jüdischen Viertel errichtet worden. Die polnische Presse bat es allseits synpathisch begrüßt und unterstützt cs seither. Das jüdische Studentenheim hinwieder, vor zwei Jahren errichtet, ist dagegen sehr stark, und zwar sogar von manchen Auch-Juden als „separatistisch" bekämpft worden. Nun nahen die Neichsratswahlen. Die Allpolen kommen für uns gar nicht in Betracht. Die letzten Uederblcibsel, Dr. G o l o, gewesener Abgeordneter von Zloczow, und Gall, gewesener Abgeordneter von Tarnopol, sind endgilt g aus diesem Lager ausgeschieden (worden). Die agrarische Volkspartei Stapinsky zieht die jüdischen Städter nicht, die „katholische" Stojalowski-Parter umsoweniger; die adeligen Krakauer Konservativen auch nicht. Den Sozialdemokraten und Jüdisch-Nationalen tritt gegenwärtig als dritter Bewerber um de Mandate der jüdischen Bevölkerung die von Baron Battaglia durch „höhere" Eingebung ad hoc ins Leben gerufene und geleitete Polnische Demokratische Partei an die Seite. Diese politische Platform, auf die fernere Tienstbarwachung der jüdischen Parlamentsvertreter und ihre Erhaltung im Polenklub berechnet, ist das Werk des Statthalters. Die übrigen bisherigen Fraktionen schließen nämlich die Juden gegenwärtig automatisch oder ausdrücklich aus. Allein auch die Anziehungskraft dieser, aus der ganzen Kollektion der Fraktionen des Polenklubs, einzigen, unter den Juden überhaupt nur möglichen polnisch - demokratischen Partei nimmt gegenüber den sozialdemokratischen und national - jüdischen^ Mitbewerbern einen fraglichen Charakter an. Der Grund für diese tatsächliche, allgemeine Abneigung gegen die meisten jüdischen Kandidaturen auf polmschdemokratischer Basis in den großen jüdischen Wahlzentren läßt sich nämlich mit der Unpopulantät der meisten Bewerber allein noch nicht genügend erklären. Mit Ausnahme Dr. v. Löwenstein's und Doktor Ko lischei'-S treten jetzt nämlich überall Neulinge massenhaft auf, Männer, den jüdischen Gemeinden bisher unbekannt, welche außer dem ehrlichen Mandatshunger eigentlich sehr wenig für sich vorzubringen haben. Junge Publizisten, neuetablierte Advokaten trachten via Polnischer Nationalrat der jüdischen Wählerschaft als einzige, hon den Po!e i anerkan.te und approbierte Kandidaten aufgehalst zu werden^ Bei diesen Kämpfen hinter den Kulissen geht es dabei nicht immer recht erbaulich zu. Verdienste um die Verteidigung der spezifisch jüdischen Interessen werden hier nicht erwähnt, von den polnischen Herrschaften auch nicht gefordert. Diese Mißachtung und Bestreitung der traurigen Lage der sozialen, ökonomischen und kulturellen Verhältniffe des Gros der jüdischen Bevölkerung durch sämtliche Fraktionen des Polenklubs, nicht der polnische Charakter derselben hat den jüdischen Parteigängern das Herz der Wähler entzogen. Der Mangel eines ehrlichen, positiven, praktischen Arbeitsprogrammes vom Standpunkte der tatsächlich unerfreulichen, jüdischen Interessen bei den jüdischen Mitgliedern des Polenklubs hat die nationaljüdische Partei entstehen und gedeihen lassen und ist das Geheimnis ihrer Kraft. Der abstrakte, theoretische Z onismus hat dies nicht bewirkt; der angebliche,, chimärische Haß gegen die Palen oder den Polenklub umsoweniger. Auch die Sozialdemokraten siegten nicht durch die Kraft des internationalen, politischen Parteiprogrammes, sondern dank der Macht der Verheißung einer besseren Zukunft im Wege der Bekämpfung der anerkannt schlechten Gegenwart, speziell des konfeffionellen und nationalen Druckes. Die Rechte und Interessen der Hunderttausende von bekämpften uud boykottierten Juden müssen besonders und nachdrücklich verteidigt werden. 88. Generalversammlung der Israelitischen Allianz fti Wien. Mittwoch, den 10. d. M., um 6 Uhr abends fand im Saale der israelitischen Kultusgemeinde, unter Vorsitz des Präsidenten Herrn David N. v. Gutmann, die diesjährige Generalversammlung der „Israelitischen Allianz" zu Wien statt. Unter den Anwesenden bemerkte man außer den Vorstandsmitgliedern der Allianz, der Herren Vizepräsident Dr. Alfred Stern, Oberrabbiner Dr. Güdemann, Dr. Arthur Kuranda, Dr. Siegmund W a h r m a n n, Generqlrat Adolf Klein, Doktor Felix K atzau, Wilhelm Pappenheim, Großindustriellen Ferdinand Bloch, M. B. Eißler, Richard Bettelheim, die Herren Eemeinderabbiner Doktor Bach und Dr. Rosen Mann, die Kultusvorsteher Dr. Maximilian Steiner, kais.' Rat K a u d e r s und Adolf Schramek, Regierungsrat Dr. S. Frankfurter, kais. Rat Dr. Theodor Lieben, kais. Rat Johann L i ch t e n st a d 1, Inspektor Prof. K a n i tz, Prof. A n t s ch e r l, die Redakteure Dr. Josef S. Bloch und Dr. M. L ö w y, die Inspektoren der Baron Hirsch- Stiftung Wilhelm Engländer und Nathan Sperber, sowie zahlreiche andere bekannte Persönlichkeiten. Präsident Herr David R. v. Gutmann eröffnete die Versammlung, indem er des in. diesem Monate gefeierten hundertsten Geburtstages des Dr. Ignaz Kuranda gedachte, der einer der Begründer der Israelitischen Allianz war und durch sein ganzes Wirken so viel zur Ehre des Iudentumes, sowie zur Förderung der Ziele des Vereines beigetragen hatte. Herr David v. Gutmann schilderte auf Grund seiner persönlichen Erinnerungen in überaus lebendiger Weise die begeisterte Tätigkeit Kurandas, des ersten Präsidenten der Allianz Iosef v. Wertheimer, sowie der anderen Mitbegründer des Vereines, und hob hervor, daß die Allianz auch gegenwärtig im Geiste dieser Männer geleitet werde; sie sei seit vielen Jahren unermüdlich für unsere bedrängten Glaubensgenossen in Rußland, Rumänien und in anderen Ländern tätig, habe neuerlich wieder eine kostspielige kulturelle Aktion zu Gunsten der Aermsten unter den Armen in Galizien eingeleitet, und es sei eigentlich ein Rätsel für ihn, daß es in Wien und in ganz .Oesterreich halbwegs gut situierte Glau-