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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1911-05-19 · 20 (19.5.1911) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
28 (1911)
Issue
20 (19.5.1911)
Date
1911-05-19
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 20 Dr. Bkochs Wochenschrift Seite 327 Gine lumpige Kelridignng jüdischer Damen. Das „Deutsche Volksblatt" versäumt bekanntlich keine Gelegenheit, sich durch eine möglichst plumpe Gemeinheit hervorzutun. So hat es denn auch gegenüber den jüdischen Damen, welche sich an dem Wiener Blumentag beteiligten, eine bodenlose Büberei verübt, indem es über das Schlußfest folgende Nachricht brachte: „Leider ging es bei dem gestrigen Feste auf der Hohen Warte nicht überall einwandfrei zu. So erschienen in unserer Redaktion mehrere Personen, die sich über die Manierlosigkeit mancher jüdischen Komiteedamen und -Herren beschwerten. So sollen einige Damen Kunstblumensträußchen zu einer Krone angeboten haben, die Beträge aber nicht in die beim Feilbieten vorgeschriebenen Büchsen geworfen, sondern mit der Hand in Empfang genommen und in ihre Ridikül gesteckt haben. (Etwas unglaublich, denn unser Berichterstatter sah nichts Derartiges.) Solche Vorfälle seien einigemale beobachtet worden. Auch das Aufdrängen von Zigaretten, Bäckereien und Ansichtskarten soll in mehr als der guten Sache dienlichen Weise vor sich gegangen sein. Es ist dies neuerlich ein Fingerzeig, das jüdische Element von solchen Veranstaltungen fern zu halten." Man beachte nun, wie der anonyme Preßbandit vom „Deutschen Volksblatt" sein schmutziges Handwerk treibt. Er beschuldigt die mitwirkenden jüdischen Damen nebst der Zudringlichkeit ganz ungeschminkt des Diebstahls. Damit ihn jedoch die Gesamtheit der jüdischen Damen, welche sich wohl gegen die unerhörte Beleidigung sammeln und zur Wehre setzen würde, nicht im Gerichtssaal gehörig zur Verantwortung ziehen könne, kneift der traurige Held auch schon im Bogen aus. Er selbst hat nichts gesehen, gar nichts, nur der merkwürdige Anonymus hat mit seinen Luchsaugen alles beobachtet. Wenn nun der Redakteur selbst konstatieren konnte, daß die Verleumdung ungerechtfertigt sei, warum hat er sie dann im Blatte aufgenommtn? Das ist echteste antisemitische Bubenmethode. Man hat immer so gearbeitet. Hat sich versteckt und verkrochen, wie ein Strauchdieb vergiftete Pfeile aus dem Verborgenen abgeschnellt, immer den großen Unbekannten der Tat verdächtigt. Mit solchen Gemeinheiten hat sich nicht nur die Bevölkerung, haben sich nur allzu oft auch die Behörden einfangen lassen, haben die jüdischen Untaten geglaubt, die von niemandem anderen gesehen wurden, wie vom Anonymus Verganis. Dieser Anonymus hat leider nicht gesehen, wie die christlichsozialeu Politiker in wenigen Jahren zu enormen Reichtum gelangt sind, hat nichts bemerkt von dem ganzen kolossalen Sumpf, den die christlichsoziale Partei bedeutet, aber den Ritualmord hat er gesehen, die Feigheit der Juden, ihre Unehrlichkeit und andere Gebilde einer lügnerischen Phantasie. Solange es nun gegen die Juden in ihrer Gesamtheit ging, mußte man sich den Kampf nicht verdrießen lassen. Nun aber der Anonymus, hinter welchem sich der Lump verbirgt, wehrlose Frauen und Mädchen auf das Tiefste beleidigt, steigt einem der Ekel vor diesem Subjekt so stark in die Kehle, daß er jedem die Lust zum Widerstand benimmt. Ein Faktor hätte sich allerdings sofort energisch melden müssen: Das Komitee, welches die Hilfe der jüdischen Damen für die Sammlung am Blumentage in Anspruch genommen hat. Dieses Komitee hätte dem Verganischen Sudelblatt seine tiefste Entrüstung aussprechen und die mitwirkenden Jüdinnen energisch in Schutz nehmen müssen. Deny was war in Wirklichkeit geschehen? Die jüdischen Damen waren, wie immer, gutherzig genug gewesen, bei einer Aktion für die Wohltätigkeit trotz der hohen eigenen Kosten mitzuwirken. Sie hatten in dem vorliegenden Falle die großen Strapazen mehrstündiger Straßenwanderungen bei Regen auf sich genommen, um die Wohltätigkeitsblume zu verkaufen. Zum Danke dafür läßt man ohne ein Wort des Protestes ihre Ehre von einem antisemitischen Buben durch den Kot schleifen. Die Betroffenen haben es wahrlich nicht nötig, sich erst eine ausdrückliche Satisfaktion zu holen. Sie sind zu erhaben über den ausgesprochenen Verdacht, um ihm ausdrücklich widersprechen zu müssen.. Aber einen selbstverständlichen Anspruch auf eine Aeußerung des Zentralkomitees hatten sie. Wenn diese nicht erfolgte, so darf man das auf die Denkungsart einiger Personen im Komitee zurückführen, welche es mit ihrem Adel und ihrer Erziehung für vereinbar halten, jüdische Damen in Anspruch zu nehmen, ihre Beleidigung aber zuzulassen. Für die jüdischen Damen ergeben sich nun aus allen diesen Ereignissen einige Zwangsfolgerungen. Sie sollen zwar wegen eines Lumpen ihr gutes Herz nicht verleugnen und die Armut aus allen Kräften unterstützen. Sie sollen aber nicht gleich bereit sein, bei jedem Feste mitzuwirken, dessen Reinerträgnis nicht eine deutliche Bestimmung hat. Gewöhnlich sind die Arrangeurinnen großer Wiener Feste Mitglieder der Aristokratie und gewöhnlich bieten diese ihren Einfluß auf, um das von anderen Leuten gesammelte Geld klerikalen Institutionen zuzuwenden. Wir sind nun durchaus nicht blinde Feinde der Klerikalen. Wir anerkennen gerne, daß die katholische Kirche viele Institutionen der Wohltätigkeit aufopfernd und zum Danke der Menschheit versorgt. Diese zu unterstützen muß jedermann bereit sein. Aber mit den Sammlungen bei großen Festen werden sehr oft auch klerikale Institutionen versorgt, welche mit Wohltätigkeit gar nichts zu schaffen haben und nur dazu bestimmt sind, den klerikalen Antisemitismus zu züchten. Für solche Zwecke sollten sich nun die jüdischen Damen umso weniger hergeben, als dieser Geist der Hetze jene Gemeinheit hervorgebracht hat, deren Aeußerungen jetzt im „Deutschen Volksblatt" nicht zum erstenmal zu sehen sind. Wir wollen keine Namen anführen, aber wir bitten die jüdischen Damen sowie ihre Gatten und Väter, die Augen aufzumachen. In Wien wird eine ganze Reihe großer Festlichkeiten abgehalten, deren Erträgnis erst nachträglich seiner Bestimmung Angeführt wird und durchaus nicht der richtigen. Feudale und Klerikale sind eben Freunde und wo die ersteren etwas zu reden haben, kommen die letzteren nicht zu kurz. Nicht nur Aristokraten aber haben diese Tendenz, sondern oft auch Leute, von denen man es nicht vermuten sollte, die aber Schleppträger der Adeligen und diesen um jeden Preis gefällig sind. Die Positionen ihrer eigenen Feinde zu stärken, haben aber Juden und Jüdinnen nicht nötig. Wenn die Beleidigung des Lumpen vom „Deutschen Volksblatt" geeignet ist, darauf energisch aufmerksam zu machen, ist in ihrer Gemeinheit doch noch etwas Gutes gelegen. Briefe aus Galizien, i. - Wir stehen hierzulande gegenwärtig im Zeichen der bevorstehenden Wahlen für das Abgeordnetenhaus. Das Rauschen des Blätterwaldes der Journalistik beginnt allmälig stark, nachhaltig und weithin vernehmbar zu werden. Die verschiedenen Parteien strecken ihre Fühler nach allen Richtungen aus. Der Statthalter Professor Dr. Bobrzynski sucht die meisten Fäden in seine starke Faust zu erlangen. Seine öfteren Reisen nach Wien, sowie sein längerer Aufenthalt zu Krakau werden von der Presse mit gutem Rechte fleißig vermerkt. Die Richtung seiner Einflußnahme läßt sich beinahe mathematisch genau vorher bestimmen und aus seiner ganzen Persönlichkeit ableiten. Exzellenz Bobrzynski's politisch und religiös konservative Ueberzeugung. seine formelle Zugehörigkeit zur Krakauer Stanczyken- Partei sind von ihm, dem Politiker und schriftstellernden Profeffor. hinlänglich bekannt. Jede turbulente, schreiende und anspruchsvolle Demokratie mußte ihm im Voraus mißliebig sein. Allein die Nationaldemokraten, diese seit Glombinski ministeriabel gewordene Partei der unersättlichen Allpolen, durste noch wohl aus einem anderen Grunde die Gunst des Statthalters von Galizien verscherzt haben. Bekanntlich besteht diese lediglich städtische Partei vorwiegend aus den hier unzähligen Beamten. Die Bauern haben sich infolge der bekannten Konzessionsbestechungsaffäre endgiltig von ihnen abgewandt, die Juden sind teilweise und wurden teilweise ausgeschieden.

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