Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 20 (19.5.1911)
- Date
- 1911-05-19
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Gerte 326 Nr. 20 Dr. Blochs Wochenschrift Vorreden, sich in den heftigsten Rigorismus gegen die Tendenzen ausländischer Kunst, ja sogar gegen die wesentlichen Vorzüge derselben ergietzen." ... Dies patzt ganz gut auf die modernen deutschen Chauvinisten und Verehrer Wagners. Dieser aber fährt fort: „Der sonderbare eigentümliche Zug der Deutschen hat gewitz auch Meyerbeer belastet; der dadurch verursachte Kampf fesselte seinen Genius, und man mutz annehmen, datz er auf demselben Punkte war, auf dem viele verkümmern. Aber Meyerbeer war so deutsch, datz er bald in die Futztapfen seiner alten deutschen Vorfahren geriet; diese zogen mit der vollen Kraft des Nordens über die Alpen und eroberten sich das schönje Italien." . . . „Mit deutsch erGründlichkeit und italienischer Schönheit ausgerüstet warf sich Meyerbeer in den französischen Enthusiasmus... er hat deutsch gelernt, hat das Italienische durchgemacht und fing nun Französisch an." . . . Von gewissen gebräuchlichen und populären Rhythmen und Melismen hat er die moderne Schreibart zu einem grandios einfachen Stil geführt, der den unendlichen Vorzug besitzt, datz er seine Basis in den Herzen und Ohren des Volkes hat — und nicht blotz als eine raffinierte Erfindung eines neuerungssüchtigen Kopfes *) ohne Grund und Boden in der Luft herumschwimmt... Er hat sein deutsches Erbteil bewahrt, die Naivität der Empfindung, die Keuschheit der Erfindung. Die jungfräulich verschämten Züge tiefen Gemütes sind die Poesie, das Genie Meyerbeers, er hat ein unbeflecktes Gewissen, ein liebenswürdiges Bewutztsein bewahrt, das neben den riesigsten Produktionen, oft selbst raffiniertesten Erfindungen in keuschen Strahlen erglänzt und sich bescheiden als den tiefen Brunnen erkennen lätzt, aus dem alle jene imposanten Wogen des königlichen Meeres geschöpft wurden" . . . Seitdem Meyerbeer in seinen Opern die Religiosität verherrlicht hat, sei es nicht mehr nötig, grotze gelehrte und ritualnrätzige Messen und Oratorien zu schreiben; wir haben durch diesen SohnDeutschlands erfahren, wie auch auf der Bühne Religion gepredigt werden kann, wenn unter diesen Massen von Pracht und Leidenschaft ein so edler, einfacher und jungfräulicher Sinn erhalten blieb, wie er in Meyerbeer Äs der Quell all' seinen berauschenden Schöpfungen zu Grunde liegt." Selbstverständlich schrieb der „grotze, echt deutsche Meister" in noch lobhudelnder, speichelleckerischer Weise in einem Briefe an den „Juden" Meyerbeer selbst: „Ach, wenn Sie wützten, welch' unermetzliche Wohltat Sie mir dadurch (die Empfehlung an die Berliner Operndirektron) angedeihen lietzen! Wenn Sie empfinden könnten, zu welch' überschwänglichem Dankgefühle Sie mich durch diesen so einfach an den Tag gelegten und deshalb so hoch zu ehrenden Beweis Ihrer Teilnahme Hinreitzen! Ich werde in aller Ewigkeit nichts anderes gegen Sie aussprechen dürfen als Dank! Dank! Gott mache Ihnen jeden Tag Ihres schönen Lebens zur Freude und trübe Ihr Auge nie mit Kummer. Dies das aufrichtigste Gebet Ihres alleraufrichtigsten Schreibers und Dieners." Aber fast gleichzeitig schrieb der reine Arier in einem Briese an Schumann in höchst beleidigender Weise von Meyerbeer, sprach ihm jede Originalität ab und erklärte, datz ihm der blotze Geruch von dessen Musik aus weiter Ferne Zuwider ist. So weit Dr. Kapp. Damals wagte sich Wagner nicht mit einer solchen *) Da scheint Wagner schon seine Zukunftsmusik geahnt zu haben. — Spottet seiner selbst und weiß nicht wie. Nebenbei bemerkt, ist das „Musikdrama" Wagners eigentlich eine Erneuerung und Modernisierung des italienischen Oramiria per musica des siebzehnten^ und achtzehnten Jahrhunderts, dessen Theorie der Dichter und Aefthetikcr Giuseppe Parini schon einige Jahrzehnte vor Wagners Geburt! aufgestellt hatte. Aeutzerung an die Öffentlichkeit, denn er brauchte noch die Protektion des Juden, aber als sich seine Position gebessert und befestigt hatte, rückte er mit seiner wahren Gesinnung heraus, beschimpfte in seinem „Das Judentum in der Musik" und in „Oper und Drama" Meyerbeer, dessen Musik und das ganze Judentum in der gemeinsten, frechsten Weise. Von diesen „Meisterwerken" erwähnt er, wie. es scheint, nichts in der Selbstbiographie. Der Eifer, mit dem Wagner das Deutschtum Meyerbeers wiederholt hervorhebt, obwohl er doch wissen mutzte, datz dieser Jude war, erregt in uns den Verdacht, datz er im voraus jede Einwendung gegen die Echtheit seines eigenen Deutschtums widerlegen und andererseits beweisen wollte, ein wie grotzer Künstler auch ein „Semitenstämmling" sein konnte. Und nachdem er in dieser Weise indirekt für sich plaidiert hatte, fand er es, älter und berühmter geworden, seine eigene Abstammung vergessen oder verdunkelt worden war, wieder vorteilhafter, den unbequemen, noch immer höher als er selbst stehenden Meister herabzusetzen, durch gemeine Schmähung der Juden jeden Verdacht seiner Zugehörigkeit zu ihnen zu vernichten. Und dies ist ihm so ziemlich gelungen. Ich sagte „Verdacht", denn schon der alte Homer hat gesagt: „von selber weitz niemand, wer ihn erzeugt hat." In den Memoiren spricht Wagner mit grotzer Liebe von seinem Stiefvater, dem Schauspieler und Dichter Ludwig Geyer, der als Hausfreund die Mission hatte, die „mit Recht oder Unrecht über Flatterhaftigkeit ihres Gatten klagende Hausmutter" zu trösten. Und das „Trösten" ging so weit, datz der kleine Richard unter dem Namen Geyer in die Schule eintrat und bis zu seinem vierzehnten Jahre Richard Geyer hietz. An den armen Ehegatten, den Leipziger Polizeiaktuar Wagner, scheint der Sohn (?) ganz vergessen zu haben, obwohl er später, wohl um seine wahre Herkunft zu verheimlichen, den Namen Wagner annahm. Auch in seinen Memoiren spricht er nur wenig und nicht mit kindlicher Liebe von ihm; aber die Welt kennt den Autor der „Nibelungen" und des „Parcival" nur als Richard Wagner. [ * . Nun berichtete vor etwa sieben Jahren das „Iewish Chronicle" nach einem damals erschienenen Werke „Overtones" von James G. Huneker, ein berühmter Wagner- Dirigent (Mottl?) habe in Newyork erzählt, er habe in der Villa Wahnfried die handschriftliche Selbstbiographie Wagners, die erst nach Ablauf einer gewissen Frist veröffentlicht werden dürfe, (also die jetzt erschienenen Memoiren) gesehen und dieser gebe darin zu, der Sohn Ludwig Geyers zu sein und datz dieser jüdischer Abkunft war. Ueberdies waren in der Villa Wahnfried wohl Porträts von Wagners Mutter und von Geyer, aber keines vom königlich sächsischen Polizeiaktuar zu sehen gewesen. Wenn dies wahr ist, so mutz man annehmen, datz die jetzigen Herausgeber der Memoiren Wagners, ym den guten Ruf seiner Mutter zu schonen und seine jüdische Abstammung zu verheimlichen, die betreffenden Stellen weggelassen haben. Wir können demgemäß vermuten, datz Richard Wagner seinen Charakter von der Mutter, sein musikalisches Genie von Geyer geerbt habe, da ja grotze musikalische Begabung bei Juden häufig vorkommt. Diese haben sich in Beziehung auf die Konfession seiner nicht zu schämen, denn er ist ja nicht als Erwachsener um materieller Vorteile willen zum Christentum übergetreten, sondern als Kind getauft worden, war jedenfalls der Sohn eines U getauften Vaters. Immerhin werden sich die alldeutschen MWagner-Enthusiasten mit dem Gedanken vertraut machen Dmüssen, datz der grotze deutsche Meister mit Moses näher verwandt war als mit Wodan. L.