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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1911-05-12 · 19 (12.5.1911) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
28 (1911)
Issue
19 (12.5.1911)
Date
1911-05-12
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 19 Dr. Blochs WochenWrist Sette 317 die gleichfalls ihren Eltern entführt wurden, «getauft. Ueberdies befindet sich gegenwärtig im Kloster ein jüdisches Mädchen aus Lemberg, dessen Rainen unbekannt, das jetzt zur Taufe vorbereitet wird. Karlsbad. (Zu den kommenden Reichsratswahlen.) In den kaufmännischen jüdischen Kreisen unserer Stadt gewinnt die Ansicht immer mehr Anhänger, datz es bei der kommenden Wahl empfehlenswert ist, sich der Wahl zu enthalten, und es ist sogar möglich, daß auch ein großer Teil der nichtjüdischen deutsch-fortschrittlichen Wähler den gleichen Entschluß fassen wird. Man nimmt in den kaufmännischen jüdischen Kreisen den Standpunkt ein, daß sich in Karlsbad seit geraumer Zeit die Gewerbetreibenden und Handwerker, welche fast durchaus der deütschnationalen oder der deutschradikalen Partei angehören, die Herrschaft über die Stadt errungen haben, und wenn auch nominell die deutschfortschrittliche Partei im Stadtverordnetenkollegium mit einer Stimme Majorität eine Scheinregierung führt, so unterliegt es keinem Zweifel, daß heute Karlsbad gänzlich vom Kleinbürgertum regiert wird. Die jüdische Bevölkerung, insbesondere die jüdische Kaufmannschaft, ist völlig auf sich selbst angewiesen; es fehlt ihr ein Führer, der den Mut hat, den Kampf mit Gegnern aufzunehmen, denen kein Mittel der Erniedrigung, der Verleumdung und Beschimpfung zu gering ist, um die Person, das Familienleben und bürgerliche Fortkommen ihrer Gegner in den Kot zu ziehen: es fehlt den Juden Karlsbads an einer Zeitung, welche im Orte für sie Eintritt; es fehlt an Personen, die öffentlich für den Kaufmannstand eintreten, und unter solchen Umständen fehlt die Neigung, sich an der Wahl zu beteiligen, weil man. nicht für den deütschnationalen Kandidaten, Professor Lößl, der keine Geneigtheit bisher gezeigt hat, auf die Wünsche jüdischer Wähler einen Wert zu legen, stimmen kann und jeder andere Kandidat, beim Mangel jeder agitatorischen Tätigkeit keine Aussicht hat, durchzudringen. Sache des deutschfortschrittlichen Stadtverordnetenkollegiums wäre es allerdings, sich endlich auszuraffen und einige Energie zu zeigen. Man müßte um jeden Preis einen Kandidaten aufstellen, für ihn agitieren und trachten, ihn durchzubringen. Selbst ein Fiasko darf davon nicht abschrecken. Es unterliegt keinem Zweifel, daß. wenn auch die Kleinbürgerpartei, die für Professor Lößl stimmt, ziemlich groß ist, die Hausbesitzerschaft, Kaufmannschaft, die Israeliten und sogar ein Teil der Beamtenschaft nicht für die Wahl Professor Lößls ist, weil seine bisherige Mandatstätigkeit nicht befriedigte und weil er für die Stelle eines Reichsratsabgeordneten zu schwach ist. Es wäre sicher keine Ueberraschung, wenn ein Gegenkandidat aufgestellt würde und derselbe würde gewählt, denn man muß schließlich mit der Tatsache rechnen, daß ein großer Teil der Karlsbader Bevölkerung nur deshalb Professor Lößl wählen will, weil kein anderer Kandidat da ist. Die deutschfortschrittliche Partei befindet sich in einem Zustande vollständiger Erschlaffung, aus welchem sie bisher nicht aufzurütteln war, und dies ist die ganze Ursache, daß Karlsbad, eine Kürstadt, die von den Kurhausbesitzern, Hoteliers, den Aerzten, sowie Personen, die dem Fremdenverkehr angehören, beherrscht und geleitet werden sollte, tatsächlich von den Handwerkern, Gewerbetreibenden und teilweise auch den Volks- und Bürgerschullehrern beherrscht wird, und daß derzeit kein anderer Wille mehr zur Geltung kommt, wie der ihrige. Vergebens wird man unter den Besitzern der Prachthotels und Kurhäuser des Westends, der Mühlbrunnstraße, Alten Wiese oder Marienbaderstraße, des Marktes oder der Reuen Wiese, Personen suchen, die einen entscheidenden Einfluß auf die Angelegenheiten Karlsbads haben; aber wenn man in den entlegenen Seitenstraßen, in den Handwerker- und Greislereiläden Umschau hält, dann wird man bald finden, wie in Karlsbad der Wind weht. Das sind hie Gründe, warum man derzeit empfiehlt, daß die Juden Karlsbads sich an der nächsten Reichsratswahl nicht beteiligen. sondern die Zeit abwarten, in welcher wieder bessere Verhältnisse herrschen. Dies ist aber nicht eher denkbar, als bis die gegenwärtige Generation im Karlsbader Gemeinderate, die „am Papier" der deutschfortschrittlichen Partei angehört, zur Einsicht kommt, daß für sie die Zeit gekommen ist. jüngeren Kräften Platz zu machen, welche bereit sind, den Kämpf aufzunehmen und durchzuführen, um bessere Verhältnisse zu schaffen. Major Wolf Bardach v. Chiumberg gestorben. In Czernowitz isl am 8. d. ein mit der goldenen Tapferkeitsmedaille geschmückter Veteran, der Husarenmajor des Ruhestandes Wolf Bardach Edler v. Chiumberg, im 73. Lebensjahre nach kurzem Leiden gestorben. Major Bardach, der seine Soldatenlaufbahn als einfacher Unterkanonier begonnen, hat sich die seltene Auszeichnung im Jahre 18(16 auf dem Schlachtfelde von Cnlum verdient. Er war Kadettfeuerwerker bei einer Kavalleriebatterie, die sich in einer sehr exponierten Stellung befand; da sein Oberleutnant vom Pferde geschossen wurde, übernahm Bardach das Kommando einer Halbbatterie und setzte ihre Geschütze so energisch und trefflich in Aktion, dass er den anstürmenden Feind lange authielt. Er schuf auf diese Weise den eigenen Tr ppen Z*-it zum Rückzug. Als das erreicht war, liess Bardach die Batterie gleichfalls zurückgehen, blieb aber selbst auf dem Kampfplatze, da er das Reitzeug seines gefallenen Pferdes mit sich nehmen wollte. Er brauchte aber zum Abschnallen des Reitzeuges so lange, dass er sihliesslich seine Batterie nicht mehr fand; zu Fuss marschierte er allein weiter und stiess dabei auf der Strasse nach Königgrätz plötzlich auf einen unbespantden Artilleriewagen, bei dem ein Artillerist Wache hielt. Bardach entdeck!e, dass sich in dem Wagen eine vollgefüllte Kasse befand; um sie nicht in die Hände di s Feindes fallen zu lassen, hob sie Bardach mit dem Artilleristen aus dem Wagen und beide schleppten den Kasten in dunkler Nacht nach Königgrätz, wo sie glücklich anlangten, ln Neuköniggrätz wurde Bardach dem Erzherzog Josef vorgestellt, der unter anderm die Frage an ihn stellte, ob der auf der Straße vor der Prager Vorstadt zurückgebliebene Train nicht zu retten wäre. Bardach bot sich hiezu freiwillig an, sammelte etwa achtzig Leute aller denkbaren Truppen und Branchen, denen es zumeist an jeder Waffe mangelte, ja von welchen viele nicht einmal eine Kopfbedeckung hatten, und verließ mit dieser zusammengewürfelten Abteilung die Festung. Er such e unter dem durcheinandergeworfenen Train vorerst die Geschütze heraus, forschte nach Munition und schickte die als brauchbar erkannten Geschütze und Munitionswagen zur Festung zurück. Mitten in di< ser Arbeit überraschte ihn eine preußische Totenkopfnusarenpatrouille; es entspann sich ein kurzer Kampf, in welchem Bardach durch einen Stich in den Oberschenkel verwundet wurde. Trotzdem vermochte er sich der Gefangenschaft zu entziehen. Für die vielen Beweise von Mut und Entschlossenheit erhielt Bardach die goldene Tapferkeitsmedaille; er wurde im Jahre 1871 nach Ablegung der entsprechenden Prüfungen Offizier und legte seine weitere Karriere im 9. Husarenregiment zurück. Im Jahre 1888 wurde ihm als Rittmeister derAdelsstand verliehen, ln den neunziger Jahren fungierte Bardarch als Adjutant im Militärreitlehrinstitut in Wien; 1899 trat der verdiente Offizier in den Ruhestand. Agram. Dienstag am 2. Mai hat die Agramer Gemeinde durch das Ableben ihres Präsidenten, des kgl. Baurates Leo Hönigsberg. einen großen Verlust erlitten. Er stand in der Blüte der Mannesjahre, in der Vollkraft des Schaffens, als ihn der Tod plötzlich seiner Familie entriß und vom Felde der Arbeit abberief. Wohl hatte ihn vor einigen Jahren ein schweres Herzleiden ans Krankenbett geworfen, doch ahnte niemand, daß er seit damals den Todeskeim in sich trug, wie auch er selber genesen, wieder mit der alten Rüstigkeit und Schaffensfreude, mit unermüdlichem Eifer, seine Tätigkeit als Architekt und Gemeindepräsident aufnahm. Leo Hönigsberg entstammte einer alten, angesehenen Agramer Familie. Er widmete sich der Architekienlaufbahn und gründete vor etwa 22 Jahren mit seinem Studiengenossen Julius Deutsch die im ganzen Lande berühmte Baufirma „Hönigsberg und Deuts ch", die zu den ersten und bedeutendsten Agrams gehörte und bald eine dominierende Stellung einnahm. Als in unserer Stadt nach dem Erdbeben des Jahres 1883 eine großartige Bautätigkeit einsetzte, war es die

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