Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1911-05-12 · 19 (12.5.1911) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
28 (1911)
Issue
19 (12.5.1911)
Date
1911-05-12
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021927-3021947--20194-3045219
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 318 Dr. Vkochs Wochenschrift Nr. 1Z Firma „Königsberg und Deutsch", der in diesem Bauaufschwunge der Hauptanteil zufiel. Eine stattliche Anzahl öffentlicher Bauten, die unserer Landeshauptstadt zur Zier gereichen, wurde von ihr errichtet. Auch im Erbauen jüdisch-konfessioneller Anstalten betätigte sich die Firma sowohl in der Hauptstadt (z. B. das Gemeindehaus, das Siechenhaus im Vorjahre), wie in der Provinz, wo z. B. die Tempel in KriLevac und B r o d a. S. ihren Namen verewigen. Erst, in allerjüngster Zeit wurde ihr der ehrenvolle Auftrag zuteil, die Pläne für die Synagoge in Neu-Gradiska zu entwerfen. Die Skizzen hierzu, welche Leo Hönigsberg mit seinem Freunde Deutsch entwarf, waren das letzte Werk vor seinem allzufrühen Tode. Für seine rastlose Tätigkeit erntete er auch Anerkennungen. Die Firma erhielt den Titel eines k. u. k. Hofbaumeisters, er selber wurde mit dem goldenen Verdienstkreuz ausgezeichnet, wozu später noch der Titel des Baurates hinzukam. Welches Ansehen der Verblichene genoß, bezeugt der Umstand, daß er als kaum 35 jähriger Mann zum Vizepräsidenten der Gemeinde gewählt wurde, diese Ehrenstelle über zehn Jahre innehatte, und hernach einhellig zum Präsidenten gewählt wurde, trotzdem er sich mit Berufung auf sein Leiden sträubte, die schwere Bürde dieses verantwortungsvollen Amtes auf sich zu nehmen. Liebe zum Judentum, eifriges Interesse für alle Erscheinungen des Gemeindelebens, Sachverständnis, ein konziliantes Wesen, menschenfreundliches Empfinden und Handeln — diese waren die hervorragendsten Züge seines edlen Charakters, die ihm überall in der Gesellschaft Sympathie und Hochachtung gewannen, und ihn in der Gemeinde zur höchsten Ehrenstelle erhoben. Wohl bekleidete er diese nur drei Jahre, aber auch in dieser kurzen Zeit hat er einige dauernde Institutionen sgeschaffen, zu anderen, die einer baldigen Verwirklichung entgegensehen, die Anregung gegeben und die Vorarbeiten erledigt. Seine ruhige und sachliche Leitung entwaffnete jede Gegnerschaft und Opposition oder führte zumindest zur Ausgleichung auch der schärfsten Gegensätze. Mit Elücksgütern gesegnet, stellte er sich an die Spitze jeder wohltätigen Aktion und gab mit seiner seltenen Freigebigkeit das Beispiel der edelsten Mildtätigkeit. Er besaß den schönsten schon von Iohanan ben Zakai gerühmten menschlichen Schatz: ein gutes Herz, das gepaart mit einem schönen Charakter, ihn nicht nur die Herzen der Näherstehenden, sondern auch die Hochachtung und Sympathie der Fernstehenden ohne Unterschied der Religion gewann, wie es sich auch beim Leichenbegängnis zeigte. Unter großer Beteiligung der Bevölkerung, fast sämtlicher Mitglieder unserer Gemeinde, der Abordnungen zahlreicher auswärtiger Gemeinden wurde seine irdische Hülle zu Grabe getragen, wobei Oberkantor R e n d i mit gefühlvoller Rührung die Gebete vortrug, Oberrabbiner Dr. Jakobi den Schmerz der Familie und Gemeinde verdolmetschte, Universitätsprofessor Dr. Segen im Namen des Vorstandes vom Verstorbenen Abschied nahm.> Was sie sagten, empfand ein Jeglicher der ihn kannte, die einfachen Worte: Leo Hönigsberg war ein guter Jude und ein guter Mensch. Friede seiner Asche! Ehre seinem Andenken! Prof Dr. G. S ch w a r tz. Rabbiner Dr. Rudolf Ungerleider-Berlin. In seinem 78. Lebensjahre verschied, wie bereits gemeldet in Berlin Rabbiner Doktor Rudolf Ungerleider. Der Verblichene, der als hervorragender Kanzelredner und als feiner Kenner der Halacha gerühmt wurde, war nicht, wie von anderer Seite fälschlich mitgeteilt, der Nachfolger, sondern der Amtskollege Abraham Geigers als Rabbiner der Berliner Gemeinde. Er wurde ein Jahr, bevor Abraham Geiger nach Berlin kam, dorthin berufen, nämlich bereits 1669. Im Gegensatz zu Geiger war Ungcrleider keine Kampfnatur, vielmehr im Sinne Arons ein Priester der Milde, der Versöhnung, des Friedens, des Ausgleichens der Gegensätze. Obwohl auf dem Boden treuer Pietät gegenüber dem altüberlieferten Iudentume stehend, verschloß er sich doch nicht, wie Rabbiner Doktor Weiße in seinem ergreifenden Nachruf bei der Trauerfeier für den Verblichenen in der Hauptsynagoge hervorhob, dem Verständnis für die fortschreitende Entwicklung und für die Forderung der Zeit. Er war ein Helfer der Armen, den Freunden ein treuer Freund, ein warmer, verehrter Lehrer seiner Gemeinde Berlin, in der er ein volles Vierteljahrhundert das Wort Gottes lehrte. Als einen wahrhaft würdigen Priester, als eine Persönlichkeit, deren Grundzug Milde und Versöhnlichkeit waren, rühmte ihn Dr. Weiße, als einen geistigen Führer, der sich die unvergeßliche Liebe und Verehrung aller erwarb, mit denen er zusammenkam. Dr. Rudolf Ungerleider wurde acht Tage vor Rösch Haschonoh des Jahres 5593 (1838) in Neutra (Ungarn) geboren. Von Neutra kam er dann nach Preßburg, wo er sich in den berühmten Jeschibahs und bei den besten Lehrern dem Talmudstudium widmete. In verhältnismäßig jungen Jahren ging er dann nach Prag, wo er Schüler des berühmten Salomo Jehuda Napoport wurde, von dem er als 19-jähriger bereits die Hatora (Rabbinerqualifikation) erhielt. In Prag betrieb er auch seine Universitätsstudien und promovierte zum Dr. Phil. Sein erstes Nabbinat bekleidete er in Güns (Ungarn) und wurde dann nach Rawitsch in Posen berufen. 1869 erfolgte sodann seine Wahl zum Rabbiner der Berliner Gemeinde (für die konservative Richtung) wo er 25 Jahre segensreich seines Amtes waltete. 1894 nötigte ihn seine angegriffene Gesundheit, seine Pensionierung zu nehmen. Aber so sehr hing er mit seinem Herzen an der Gemeinde Berlin, daß er nach kurzem Wegzüge nach Wien sehr bald wieder nach der deutschen Reichs- Hauptstadt zurückkehrte, obwohl seine und seiner Gattin Familie in Oesterreichs Hauptstadt wohnten. Hier ist er in seinem stillen Gelehrtenheim in der Magdeburgerstraße, wo er einen großen Freundes- und Verehrerkceis »m sich sah, nach einem Schlaganfall zum ewigen Frieden abberufen worden. Auf schriftstellerischem und wissenschaftlichem Gebiete ist Ungerleider nicht herborgetreten, aber ganze Schr äi ke von Predigten und Arbeiten, die des großen Kanzelredners Spuren trägem harren der Sichtung, ein hebräisches Wörterbuch, an -dem er lange Jahre arbeitete, ist leider nicht zur Vollendung gediehen. Großes Aussehen durch die Größe und Gründli i kcit des darin niedergelegten Wissens erregte seinerzeit in Berlin und darüber hinaus ein glänzender Vortrag von ihm über »jüdisches Recht". Der schlichten Größe des Verblichenen, seiner Bescheidenheit und treuen Anhänglichkeit an die ihm lieb gewesene Berliner Gemeinde entsprach es, daß er als seinen letzten Wunsch die Bitte aussprach, es möge an seiner Bahre keine Gedenkrede gehalten werden, nur bitte er, daß seine sterbliche Hülle von dem jüdischen Gotteshause aus, wo er so oft das Wort Gottes verkündet hat, beerdigt werden möge. Diesem letzten Wunsche entsprechend, fand am vorigen Freitag eine Trauerfeier in der Hauptsynagoge Oranienburgerstraße statt, wo vor dem Oraun Hakodesch der Sarg niedergestellt war. Ein grüner Hain umrankte den schlichten Sarg und der ganze Raum von Kanzel, Vorbetertisch und bis hinauf bis zu dem Chore war mit reichem Grün geschmückt. Aus den umflo ten Gaskandelabern und Kronen siel das Licht im matten Dämmerscheine in den dichtgefllllten Betraum, auf dessen vorderen Plätzen der Vorstand der Gemeinde, die Repräsentanten, fast vollzählig, sämtliche Rabbiner, Kantoren und die Angehörigen des Verblichenen sich niedergelosfin hatten. Mit dem stimmungsvollen Vor-- trag des „Enausch kechozir jomow" durch den Synagogenchor wurde die Trauerfeier eröffnet, dann bestieg Herr Rabbiner Dr. Weiße die Kanzel und sprach ein ergreifendes Gebet, in welches er eine knappe Charakterisierung der Persönlichkeit und des Wesens des Verblichenen einflocht, sichtlich bemüht, den letzten Wunsch des Verewigten zu respektieren und keinen ausführlichen Nachruf ihm zu widmen. Dann sang der Chasan das „Adonoi Moh Odom Wateidoeiu" und der Chor „Schuwi Nafschi limnuchojchi". Dann wurde der Sarg h'.nausp''tragen, dem die Andächtigen das Geleite gaben. Auf dem Friedhofe in Weißensee zählte das Tranergefolge wiederum nach vielen Hunderten. Auch hier sprach Herr Rabbiner Dt. Weiße ein kurzes Gedenkwort und das übliche Gebet. Abnahme der jüdischen Bevölkerung in Rumänien. Der soeben erschienene Jahresbericht der Pariser „Alliance Jsraelite Universelle" enthält die folgenden beachtenswerten Daten über die konstante Abnahme der jüdischen Bevölkerung in Rumänien. Infolge des wirtschaftlichen Krieges, gegen die Juden und der ihnen unausgesetzt zugefügten moralischen Leiden Zeigte sich in den letzten zehn Jahren eine ununterbrochene Auswanderung von Juden aus Rumänien, deren Ziel hauptsächlich Amerika .ist. Laut der offiziellen Statistik betrug die Zahl der jüdischen Auswanderer aus Rumänien in diesem Zeitabschnitte über 40.000 Seelen. Im Jahre 1909 wurde die Auswanderung, infolge der damaligen amerikanischen Krise schwächer, erstarkte jedoch wieder im Jahre 1910, in welchem Jahre allein 3500 Juden, teils aus eigenen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.