Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 19 (12.5.1911)
- Date
- 1911-05-12
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Sette 316 Dr. Blochs WochttWrist Nr. 19 Aorrespondenzen Eine jüdische Ehrensache. Unsere raschlebige Zeit vergißt nur allzu leicht! Noch sind es nicht volle drei Jahre, seit die Judenfeinde des österreichischen Parlaments mit der Resolution Schmidt den verbrecherischen Versuch unternommen haben, den Zutritt der Juden zu den Mittelschulen nach russischem Muster zu beschränken. Das nichtswürdige Attentat wurde mit Hilfe der tschechischen, polnischen und sozialdemokratischen Stimmen abgewehrt — von den deutschen Abgeordneten stimmten bloß die Mitglieder der damaligen deutschen Fortschrittspartei dagegen. Mehr noch als der Resolutionsantrag selbst hat diese Haltung der Vertreter des „deutschen Kulturvolkes" die gesamte österreichische Iudenschaft empört! Das also war der Dank für die jahrzehntelange treue Hilfe, welche die Juden dem Deutschtum in seinem schweren nationalen Kämpfe geleistet, der Dank dafür, daß die Juden für die Deutschen allen Haß des Slaventums auf sich genommen und in den gemischtsprachigen Bezirken oft ihre Existenz eingesetzt halten, um den deutschen Besitzstand zu erhalten! Ein B a r a hat gegen die Resolution gestimmt, die „Deutschfreiheitlichen" haben für dieselbe gestimmt. Unsere Zeit vergißt rasch, aber das vergißt sich nicht! Der Aufschrei, der. vor drei Jahren aus der Seele des jüdischen Volkes in Oesterreich erfolgte, hallt noch immer nach, er wird nie verhallen! Hier handelte es sich um unser Kostbarstes, unser Heiligstes, um unsere Ehre! Und nun kommen dieselben Gesinnungslumpen, dieselben heimtückischen Verräter und werben bei den Reichsratswahlen wieder um die jüdischen Stimmen. Süßlich und katzenfreundlich sprechen sie wieder von Freiheit und Gleichberechtigung und konfessionellem Frieden, um dann, wenn sie das Mandat ergattert haben, neuerdings ihrem Antisemitismus die Zügel schießen zu lassen. Ehrlos wäre jeder Jude, der diesen Heuchlern und Verrätern feine Stimme gäbe! Lieber den Sozialdemokraten, ja selbst den offenen christlichsozialen Antisemiten als einen solchen „Deutschfreiheitlichen" wählen! Soweit der Einfluß der jüdischen Wähler reicht, muß alle Kraft angewendet werden, um jeden niederzuringen, der für die Resolution Schmidt gestimmt hat. An alle jüdischen Wähler in sämtlichen Wahlkreisen ergeht daher unser, von Ehre und Pflicht gebotener.Ruf: Gebet keinen Kandidaten Eure Stimme, der Euch vor drei Jahren dienamenloseSchmach angetan hat. Eure Kinder vom Besuche der Mittelschulen ausschließen zu wollen! Hier die Liste jener „deutschfreiheitlichen" Abgeordneten, die am 26. Juni 1908 für die Resolution Schmidt gestimmt haben: Brunner, Budig, Dobernig, Einspinner, Erb, Hofmann v. Wellenhof, Messer, Lutsch, Markhl. Nagerle, Oberleithner, Purker, Roller, Schilder, Seidel, Spies, Stemwender, Sylvester, Teltschik, Wagner, Weidenhoffer und Winter. Für diese Herren, falls.si§ als Kandidaten wieder auftreten, darf kein Jude eine Stimme abgeben. * q- * In unserer dieswöchentlichen Taufliste findet sich ein Name, welcher die Aufmerksamkeit der Leser herausfordert : l)r. Albert Redlich, Industrieller, geh. 17. Juli 1867 zu Göding, wohnhaft Wien, XIX., Kreindlgasse 11b, hat am 5. Mai seinen Austritt aus dem Judentum beim Magistrat bekanntgegeben. Dieser Austritt und der Zeitpunkt seines Vollzuges bildet eine Demonstration besonderer Art. Unmittelbar vor der Reichsratswahl will die Familie Redlich öffentlich dem Judentum die Nichtachtung und Geringschätzung bezeugen — in der Sicherheit, daß die jüdischen Wähler in Lundenburg, Göding und Nikolsburg charakterlos genug sind, trotz alldem Herrn Josef R e d l i ch als ihren Vertreter für den Reichsrat und ihren Vertrauensmann für das „Volkshaus" zu wählen. Wir unsererseits können nicht glauben, daß diese Spekulation auf die öffentliche Bloßstellung des jüdischen Charakters von Erfolg sein kann; wir glauben vielmehr, daß die Juden dieses Wahlbezirkes unmöglich bis auf diesen tiefen Grad der Ehrlosigkeit gesunken sein können, um der jüdischen Gesamtheit die Schmach einer solchen Wahl zu zu fügen, Taufjüdische Kandidaturen in Galizien. Bekanntlich gibt es in Galizien mehrere zusammengelegte Wahlkreise, in denen die jüdische Bevölkerung überwiegt. Die Wählerschaft besteht hier aus kleinstädtischen Krämern und Händlern, welche dem jeweiligen Bezirkshauptmanne botmäßig sein müssen, weil ihre wirtschaftliche Existenz ganz und gar von der Verwaltungsbehörde abhängt. Diese Wahlkreise hat schon im Jahre 1907 der Statthalter Gras Potocki mit konservativen Parteigrößen (Abrahamowicz, Starzyüski, Bobrzyüski, Kozlewski, Moysa) besetzt und jeder Versuch, einen jüdischen Kandidaten dürchzubringen, blieb erfolglos. Dieser unabänderlichen Tatsache muß auch Heuer Rechnung getragen werden. Der gegenwärtige Statthalter Dr. Bobrzynski geht aber noch einen Schritt weiter: er besetzt jene Wahlkreise mit T a u f j u d e n. So hat er z. B. den Ministerialrat Dr. Ignaz Rosner aus Wien und den Universitätsprofessor Dr. Alfred Halban (geborener Blumenstock) bestimmt. Beide wurden als Juden geboren und beide find jetzt . . . stockklerikal. In dieselbe Kategorie gehört der Advokat Dr. Ignaz Steinhaus aus Jaslo, welcher als Regiemngskandidat indem Wahlkreise Zolkiew-Rawa-Sokal auftritt. Der Mann har seine Kinder taufen lassen, kandidiert auf das konservativ-klerikale ^Programm der Krakauer „Stanczyken"-Partei, wirbt aber um das Mandat bei den Chassidim, indem er sich naiverweise auf den Willen des Statthalters beruft. Alle drei Apostaten haben leider gute Aussichten, weil ihre jüdischen Wähler ihrer Mehrzahl nach weder wirtschaftlich widerstandsfähig noch politisch entwickelt sind. Aber es gibt noch in jenen Wahlkreisen Minderheiten, welche unabhängig und charakterfest genug sind, um diesen Schimpf nicht über sich ergehen zu lassen. Diese haben hier eine schöne Aufgabe zu erfüllen: Die Unwissenden und die Passiven aufzurütteln und in Wählerversammlungen den Taufjuden ein kräftiges „maimni de tabula!“ zuzurufen. Möge der Wahlsieg der Abtrünnigen wenigstens kein müheloser sein und den offiziellen Wahlleitern die Ueberzeugung verschaffen, daß man auch in der Politik nicht unanständig sein darf. Dr. Wollerner. Die Tauferzesse der Felizianerinnen. Man Hai jetzt verhältnismäßig Jfonge nichts gehört von der Seelenfangerei der Felizianerinnen in Krakau. Nun kommt wieder eine Nachricht von gewaltsamer Taufe jüdischer Mädchen. Vor zwei Wochen verschwand plötzlich aus einem galizischen Dorfe ein 20 jähriges jüdisches Mädchen, - Tochter einer achtbaren Familie. Vor einigen Tagen erfuhren die Eltern, daß sich ihre Tochter im Krakauer Kloster der Felizianerinnen befinde. Sie wandten sich an den Vizepräsidenten der Krakauer Kultusgemeinde, Dr. Rafael Landau, der sich schon seit vielen Jahren selbstlos solcher Angelegenheiten annimmt. Seinen energischen Schritten gelang es denn auch, das Mädchen zu befreien und Amen Ellern wiederzugeben. Wie das Mädchen erzählt; wurden in jüngster Zeit in dem Kloster abermals sechs jüdische Mädchen,