Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 19 (12.5.1911)
- Date
- 1911-05-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Mr. 19 De. Blochs Wochenschrift Beite 311 während die Massen verarmen. Dieses Bewußtsein, das Bewußtsein der Schuldigen hatten die Verfasser des Wahlaufrufes und daher kommt es, daß sie nur stammeln und schwatzen, daß sie kläglich sagen: „Jedem das Seine". Denn die Bevölkerung könnte vielen Christlich Sozialen wohl in einem Moment des Erwachens sagen, daß fti buchstäblich weit mehr genommen haben als das Ihre. Man hört aus dem Aufruf die Stimme eines Kranken, eines Uebersättigten, eines Schuldigru. Das es tatsächlich die erste SLrcphe eines beginnenden Tranerliedes ist, geht aber aus den nachfolgenden Kandidatenlisten der Partei hervor. Eine ganze Reihe von Kandidaturen mußte unbesetzt bleiben. Daraus g'ht nicht etwa hervor, daß die Christlich- Sozialen zu wenig Leute haben, sondern daß sie zu viele Bewerber haben. Die Raben streiten um die Beute und einer will den andern vom Futterplatz wegjagen. So zeigen und mehren sich auf allen Seiten die Merkmale. daß die schwarze Herrschaft in Oesterreich den Zenith bereits überschritten hat und sich im Niedergange befindet. Es ist zwar wahrscheinlich, daß Wählerlisten, ein Heeresaufgebot von Agitatoren, jahrelange Hetze und die Geduld und Trägheit vieler Wähler Geßmann und seinen Getreuen noch eine kurze Zeit der Herrlichkeit erhalten. Aber der innere Fäulnisprozeß der Christlich-Sozialen breitet sich aus, ihre jämmerliche Politik wird immer deutlicher sichtbar und der nächste Versprechuugsschwindel im Wahlaufruf wird bereits von der Bevölkerung als Politischer Betrug betrachtet und behandelt werden. Die Inden und die Armee. Von Moritz Frühling Die grundsätzliche Nichtaufnahme der Juden in das Offizierskorps der deutschen Armee führt alljährlich bei Beratung des Militäretats im deutschen Reichstage zu heftigen Debatten, die Heuer einen besonders leidenschaftlichen Charakter angenommen; die Erregung gegen diese Praxis zittert noch in verschiedenen Protestversammlungen mächtig nach. Dadurch wurde auch die hier erscheinende „Militär- Zeitung", in ihrer Nummer vom 16. April d. I., veranlaßt, „sich darüber Klarheit zu verschaffen, ob und inwieweit der Jude im allgemeinen zum Soldatenberuf überhaupt geeignet sei", und gelangt, auf Grund einiger, zum Thema gar nicht gehörenden Prämissen, zu dem Schlüsse, „daß die Semiten kein kriegerisches Volk und darum keine geborenen Soldaten sind". Nachdem aber die „Militär-Zeitung" zu wenig verbreitet ist und zu befürchten war, daß nur ein sehr geringer Teil der österreichischen Bevölkerung von diesen Ausführungen Kenntnis erhalten würde, mußte nun die, ähnlichen militärischen Enunziationen gebührendes Verständnis entgegenbringende „Reichspost" einspringen und durch Nachdruck des Artikels ihn einem größeren Leserkreise zugänglich machen. Die Völker Oesterreich-Ungarns sollen es wissen: Jüdisches Soldatenmaterial ist minderwertig: auf jüdische Soldaten ist kein Verlaß! Es.W mir unbekannt, in welchem Verhältnis die „Militär-Zeitung" zur k. u. k. Kriegsverwaltung steht. Ich glaube aber kaum, daß es den maßgebenden Kreisen entsprechen kann, die 30 bis 35 Tausend in der Armee aktiv dienenden jüdischen Soldaten als minderwertig hin-. Zustellen. Indessen, hören wir die vorgeführten Beweise! Vor allem wird als Beweis für die Minderwertigkeit jüdischen Soldatenmaterials das russische Generalstabswerk über den Feldzug 1904/05 in Ostasien porgeführt, welches bezüglich der Einrückung jüdischer Reservisten folgendes berichtet: „Eine auffallende Erscheinung bei allen Mobilisierungen bildet das Verhalten der Reservisten jüdischen Glanders, die sich auf jede Art ihrer Dienstpflicht zu entziehen suchten. Die Gesunden und Diensttauglichen unter ihnen verschwanden größtenteils aus den von der Mobilisierung betroffenen Kreisen; es blieben hauptsächlich nur solche zurück, die aus irgend einem Grunde dienstuntauglich oder krank waren, unter diesen waren Leistenbruch und durchbrochenes Trommelfell die zumeist vorkommenden Gebrechen, deren massenhaftes Auftreten zu dem Schluffe berechtigte, daß sie das Ergebnis von Selbstverstümmelung waren. Als Beispiel mögen folgende Zahlen dienen: Bei der fünften partiellen Mobilisierung sank das Verhältnis der eingerückcen Reservisten auf 88 5 °/0, was hauptsächlich dem maffenhaften Ausbleiben der einberufenen Juven zuzuschreiben ist. Es waren 13.300 jüdische Reservisten einberufen und bloß 7643 Einberufungskarten konnten zugestellt werden; es entzogen sich also 40 % dieser Leute der Elnberufung. Aehnliche Vorgänge wiederholten sich bei anderen Mobilisierungen. Bei den fünf letzten partiellen Mobilisierungen waren im ganzen 64.449 jüdische Reservisten einberufen; von diesen wurden Ü6.110 Mann (40 °/0) präsentiert, d. i. 2-2 °/^ von der Gesamtheit der präsentierten Reservisten. Begreiflicherweise trug dieses Verhalten der jüdischen Reservisten nicht wenig zur Steigerung der Unzufriedenheit der Maffe der christlichen Reservisten bei, da der Ausfall jüdischer Dienstpflichtiger durch christliche Reservisten gedeckt werden mußte." Dem russischen Generalstabswerke, welches doch nicht mit demselben Wahrheitsmaßstabe wie etwa ein öfter-, reichisches, deutsches, französisches oder italienisches gewer-. tet werden kqnn, soll ausnahmsweise Glauben geschenkt und angenommen werden, daß 40 Prozent der anläßlich der Mobilisierung Einberufenen sich tatsächlich der Präsentierung entzogen haben. In einem europäischen Kulturstaate wäre eine derartiger Ausfall höchst betrübend! In Rußland hingegen ist dieser Ausfall erklärlich, ja, sehr wohl begründet. Verwunderlich ist nur, daß immerhin 60 Prozent der Einberufenen sich einem Lande zur Verfügung stellten, welches ihnen seit Jahrhunderten nur ein großer Kerker, aber nie ein Vaterland gewesen, welches, während die Söhne dem fernen, östlichen Kriegsschauplätze als Kanonenfutter Zugeführt wurden, Tausends ihrer Väter, Mütter und Schwestern erbarmungslos zu den westlichen Grenzen des Landes hinausjagte. Als „eine auffallende Erscheinung" bezeichnet es das russische Generalstabswerk! Diese ist aber in dem ganzen, die gesamte russische Armee kennzeichnenden Charakter gelegen, der aller Welt unter den anrüchigen Worten „Russisches System" bekannt ist. Man hat aber nie davon gehört, daß eine solche auffallende Erscheinung sich auch in anderen modernen Armeen bemerkbar gemacht hätte. Schmerzlich muß es das patriotische Empfinden der österreichischen Juden — die doch in einer respektablen Zahl Mitglieder der k. u. k. Armee waren oder es noch sind — berühren, wenn militärische Zeitungen immer wieder jene russische Erscheinung registrieren, hingegen die zahlreichen, erfreulichen Erscheinungen aus der eigenen Armee, die ihnen doch nicht unbekannt sein dürften, stilkschweigend übergehen. Nirgends noch bin ich der Erwähnung begegnet, daß im Kriegsjahre 1866, nebst der fast vollzählig präsentierten Mannschaft jüdischer Konfession, sich auch noch ca. 1500 Freiwillige auf Kriegsdauer" assentieren ließen, daß das Jahr 1859 ebenfalls zahlreiche solcher Freiwilligen aufweist und daß in der.Sturmperiode 1848/49, nebst den vielen, unter den Truppenkörpern verstreut gewesenen Freiwilligen die Kultusgemeinde Lemberg die Errichtung eines eigenen, jüdischen Frei willigenkorps an strebte. In Deutschland, Frankreich und Italien ist es auch nie anders gewesen! Die „Militär-Zeitung" glaubt nun. im Wesen des Juden jene Imponderabilien zu vermissen, welche den Soldaten ausmachen, sie schreibt: „Zwei Faktoren sind es hauptsächlich, die einen wesentlichen Einfluß darauf nehmen, ob das einzelne Individuum zum Soldatenberufe geeignet fei oder nicht und das sind: Religion und Nationalität,