Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 18 (5.5.1911)
- Date
- 1911-05-05
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 302 Dr. Blochs Wochensihrist Nr. 18 die im Vorjahr von der schwierigen Lage der Juden in Persien zu uns gelangten, und die Nachricht von den Exzessen im Jndenviertel der Stadt Schiras, bei denen 12 Juden getötet, Hunderte verwundet und fast alle Häuser geplündert wurden, veranlaßten uns, uns an das deutsche Auswärtige Amt zu wende«. Wir baten um authentische Auskünfte über die Lage der persischen Juden, über die angegebenen Ausschreitungen und ersuchten, daß die deutschen Vertreter in gegebenen Fällen unserer persischen Glaubensgencssen sich annehmen. Für das große Entgegenkommen, das wir gefunden haben und das unseren persischen Glaubensgenossen zugute kommen wird, sprechen wir hier dem Herrn Staatssekretär Kiderlen-Wächter unseren Dank aus." — Soweit der „Hilfsverein". Es wäre aus mehrfachen Gründen erwünscht, wenn man über die Ergebnisse dieser Aktion näheres erführe. Allein wir verstehen durchaus die vielleicht begründete Diskretion und Zurückhaltung. Die Judenexzesse iu Karow. Zu den in den Tagesblättern bereits kurz gemeldeten Berichten über die Ausschreitungen gegen die Juden im rutheuischen Dorfe. Karow in Galizien wird uns noch Folgendes mitgeteilt: Sonntag den 1. Ostertag nach russischem Ritus fuhren zwei jüdische Fleischhauer aus Uhnov, Abraham Schweizer und Gerson Lichter, durch das Dorf Karow. Die auf der Straße versammelten ruthenischen Bauern erklärten, daß an ihrem Oftertage ein Jude nicht fahren dürfe und überfielen die Durchreisenden. Sie prügelten die zwei Juden mit Stöcken, spannten ihnen überdies die Pferde aus und raubten dem Lichter einen Beutel mit 60 Kronen. Die Pferde wurden ins Dorf geführt. Die Mißhandelten flüchteten und eilten zur Gendarmerie nach Uhnov. Am anderen Tage erschienen zwei Gendarmen in Begleitung der beiden Juden und begannen im Dorfe die Untersuchung. Die ganze Karower Bevölkerung war vor dem Gemeindehause versammelt und als die Gendarmen die Schuürigen arretieren wollten, nahm die Bevölkerung eine drohende Stellung ein. Um diese Zeit fuhr der Uhnover Rabbiner R o k e a ch durch das Dorf. Die Bauern bewarfen nun den Wagen, in welchem der Rabbiner saß, mit Steinen und verwundeten den jüdischen Kutscher in erheblichem Maße. Der Rabbiner mußte in ein Dorfhaus fliehen. Die Untersuchung ergab, daß an dem ganzen Exzeffe der Amtsvorsteher des Ortes Nokalaj F o t und der Tierarzt M a t w i a s die Hauptschuld tragen. Als die Gendarmen zu deren Arretierung schreiten wollten, wurden sie von der Bevölkerung attackiert, so daß sie sich ins Gemeindehaus flüchten mußten. Mit schwerer Mühe gelang es, nach Uhnov zu telegraphieren, woher eine Stunde später eine Gendarmerieverstärkung kam und da auch diese nicht ausreichte, mußte Militär requiriert werden. Nun erst konnte die Arretierung der Rädelsführer und weiterer 25 Bauern vorgenommen werden. Die Bauern gaben zu Protokoll, daß sie schon seit Jahren von dem Dorfältesten und dem Tierarzt systematisch gegen die Juden gehetzt worden wären. Raw§-R«Dka. Zufolge einer vom hiesigen Wahlbezirke an Herrn Dr. Josef Zipser, Hof- und Gerichtsadvokaten in Wien, ergangenen Einladung vom Wahlbezirke Rawa—Zolkiew— Betz—Sokal, in den Reichsrat zu kandidieren, beehrte uns Herr Dr. Zipser gestern am 30. April mit seinem Besuche. Als die Notabel« der hiesigen Stadt von seiner Anwesenheit Kenntnis erhielten, konstituierte sich sofort ein Wahlkomitee, welchem der hiesige, allgemein geachtete Bürger Herr Viktor K a tz präsidierte. Bor einem sehr zahlreichen, distinguierten Publikum hielt Herr Dr. Zipser eine mit großem Beifall aufgenommene Rede. Die Versammlung, bestehend aus ca. 600 Personen, endete mit dem einhelligen Beschluß, die mit großem Enthusiasmus allgemein begrüßte Kandidatur des Herrn Dr. Z i p s e r in den Reichsrat vom Wahlbezirke Rawa — Zolkiew—Belz — Sokal energisch und solidarisch zu unterstützen; zugleich beschloß die Versammlung, den Nationalrat in Lemberg behufs Kenntnisnahme der obigen Entschließung zu verständigen. Giuseppe Paeifieo Ventura. Vorige Woche starb in Smyrna der italienische Jude Giuseppe Pacifico Ventura, seit 25 Jahren Richter am Konsulatstribunal in Smyrna. Ventura gehörte zu den angesehensten und einflußreichsten Persönlichkeiten Smyrnas. Für seine hervorragenden Dienste, die er in Italien geleistet hat, wurde er vom König von Italien in den Ruhestand erhoben. Der König von Italien zeichnete Ventura, den er wiederholt besucht hatte, mit seiner Freundschaft aus. Die jüdische Bevölkerung von Smyrna wird dem Verstorbenen, als einen der größten Wohltäter, ein ehrendes Andenken bewahren. Besonders unvergeßlich werden den Smyrnaer Juden zwei hervorragende Taten bleiben. Der erste Fall ereignete sich vor 40 Jahren, als infolge eines von Griechen verbreiteten Blutmärchens in Smyrna ein schauerliches Judengemetzel stattfand. Als die Erregung der betörten Massen aufs Höchste gestiegen war, begab sich Ventura unter Lebensgefahr zum griechischen Metropoliten, um ihn zu bewegen, daß er auf den aufgeregten Pöbel beruhigend einwirke. Als das Volk erfuhr, daß sich ein Jude im Kloster befindet, forderte die blutrünstige Menge unter gefährlichen Drohungen - die Herausgabe Benturas. Ohne Rücksicht auf die eminente Gefahr, wollte damals Ventura, selbst hinaus zu den zu allem fähigen Menschen, um mit ihnen zu sprechen. Der Metropolit aber, der die Stimmung unter den Griechen genau kannte, wollte dies nicht zugeben, zwang Ventura Priesterkleider anzulegen und in Begleitung zweier Geistlicher durch die Gartenpforte das Kloster zu verlassen und so dem sicheren Tode zu entgehen. Ein zweitesmal setzte sich Ventura für die Interessen der Smyrnaer Gemeinde bei der türkischen Regierung ein, wodurch der uralte Friedhof in Smyrna vor Entweihung gerettet wurde. An dem Leichenbegängnisse Vevturas nahmen die Konsulen sämtlicher Regierungen und fast die gesamte Bevölkerung von Smyrna teil. Zu Fuß durch Palästina. In Warschau organisierte sich eine Gruppe junger Leute, die demnächst eine Fußtour durch Palästina unternehmen will. Bis Bezouth in Syrien geht die Reise per Schiff und von dort unter Führung eines tüchtigen Kenners von Palästina durch das ganze Heilige Land bis Waad el Arisch in Egypten. Von hier treten sie die Rückreise an. Die ganze Reisedauer ist mit drei Monaten angenommen. Der Bodenkauf in Waad-Ä-Arisch. Vorige Woche veröffentlichte der Londoner „Jewish Chronicle" einen längeren Bericht über den Ankauf von 50.000 Dunam Boden in Waad-el-Arisch durch die „Allgemeine jüdische Kolonisations-Organisation" („Ajko"), an deren Spitze bekanntlich Dr. Alfred Nossig steht. Die Nachricht, die auch vom .^Berliner Lokalanzeiger" Ausführlich gegeben wurdehat in der jüdischen Presse nicht jeüe Beachtung gefunden, die ihr an sich zugekommen wäre, wenn sie nicht mit Zweifeln aufgenommen worden wäre. Nun gibt ein Herr Ben-Zion in der „Hazefirah" die folgende Aufklärung: „Es ist tatsächlich wahr,, dass in Rapha 50.000 Dunam Boden gekauft wurde; das W eine Russland längst bekannte und in den russisch-jüdischen Blättern wiederholt besprochene Tatsache, dass der Boden nicht durch die „Ajko", sondern von einigen jüdischen Privatmännern aus Vialyftok, Lodz, Warschau^ Jaffa und anderen Städten im Wege von Grundmaklern einzeln zusammengekauft wurde. Nun habe Dr. Nossig dieser Gruppe von Privatkäufern den Antrag gestellt, den bereits angekauften Grundkompler und dessen Verwertung und Bewirtschaftung unter die Firma „Ajko" zu stellen, die allerdings nicht über die nötigen Mittel verfuge, aher in der Lage fei, das Unternehmen mit ihrem Namen zu decken." mmm